30 Jan 2015

Liza ruft! Ein Filmprojekt - wider das Vergesssen & den aktuellen Geschichtsrevisionismus

Submitted by alphabetta

Während das Gedenken an die Grauen des zweiten Weltkriegs & den Holocaust wieder im Zuge neuer geopolitischer Konflikte vergiftet zu werden droht, setzt das Berliner Filmprojekt „Liza ruft!“ auf die Bewahrung der Lebenserinnerung einer jüdischen Partisanenkämpferin und ihrer Weggefährten.

Der nachfolgende Beitrag und die hierin vorkommenden Zitate des nach dem Projekt benannten Blogs erfolgen mit ausdrücklicher Genehmigung der Initiator/innen (Nossa Schäfer, Philipp Jansen, Christian Carlsen), die für den Abschluss ihres Filmprojekts noch Unterstützung durch Crowdfunding benötigen.

Bild: http://lizaruft.blogspot.de/ mit freundlicher Genehmigung der Initiator/innen über unsere Blogautorin Alphabetta

 

 


Im deutschsprachigen Teaser zu dem Filmprojekt sieht man die 91jährige Fania Brancovskaja durch eine dunkle Toreinfahrt einen Hinterhof in der litauischen Hauptstadt Vilnius betreten. Prüfend schaut sie an den Fassaden der inzwischen teilweise renovierten Häuser hinauf und lässt dann den Blick über den Hof schweifen. Ruhig teilt sie dann ihren Begleitern in jiddischer Sprache ihre Jahrzehnte zurückliegenden Erinnerungen mit:

„Es versteht sich, keine Bäume – das ist alles von nach dem Krieg. Im Ghetto ist ein Baum gewesen. In der Schule haben wir uns ständig fotografiert, vor dem Krieg. Und geblieben ist ein Baum – und die Eltern zeigen den Kindern, wie ein Baum sieht aus.“

Ihr Blick gleitet zu einem Fenster im ersten Stock eines Hauses:

„Wir haben gelebt in dem ersten Zimmer. Dort ist gewesen ein Bett, die Eltern haben dort geschlafen. Und ich mit der Schwester auf den Dielen - und noch eine Familie. Und im zweiten Zimmer noch – ich habe damals nicht gewusst, wie viele Menschen – 16 Mann habe ich gezählt – wenn wir haben das [historische] Material bekommen. Da haben wir [gelebt] bis zum letzten Moment. Was bedeutet es für mich? Weil ich dort gewohnt, das ist erstens. Und zweitens habe ich den zweiten Mai 1942 dort getroffen mit Wittenberg. Er hat gewollt die Meinung von der Jugend.“ 

Eine Einblendung verrät den Zuschauer/innen, wer der Mann ist, dessen Familienname der gleichlautenden Lutherstadt entspricht:

Yitzhak Wittenberg war der Anführer der Fareynikte Partizaner Organizatsye (FPO), die im Ghetto Wilna den Widerstand organisierte. ‘Liza ruft!‘ wurde die Parole ihres Kampfes.

Fania Brancovskaja war 19 Jahre alt und hatte vor, Lehrerin zu werden, als die Wehrmacht am 22. Juni 1941 in ihre Heimatstadt einmarschierte und nicht nur ihr Leben, wie sie es zuvor als selbstverständlich erachtet hatte, zerbrechen ließ, sondern mit brachialer Brutalität und Mordlust die gesamte kulturell reiche Welt des osteuropäischen Judentums unwiederbringlich zerstörte, in der ihre Heimatstadt eine bedeutende Rolle gespielt hatte. Vilnius hieß auf Jiddisch Wilne und hatte zuvor den Ruf genossen, das „Jerusalems des Nordens“ zu sein. Mehr als 70 000 Jüdinnen und Juden lebten dort.

Die junge Frau wurde zur Zeugin von Pogromen, Zwangsumsiedlungen und der Errichtung zweier Ghettos, in der die Menschen in drückender Enge und unter schweren Entbehrungen leben mussten, doch bis zum Letzten hartnäckig darin beharrten, ein würdevolles, zivilisiertes und kulturell gestaltetes Leben zu führen. Zwar ließen zunehmend unheilvolle „Aktionen“ der Besatzer erahnen, dass diesmal Schlimmeres drohte, als die über Jahrhunderte sich regelmäßig wiederholenden Pogromwellen, die nach einer Weile abebbten und sich durch Langmut überstehen ließen. Doch der Drang nach Leben und die Hoffnung hielten die Ghettobewohner aufrecht. Zugleich wuchs das Gefühl der Notwendigkeit, der unbarmherzigen Bedrohung Gegenwehr entgegenzusetzen.

„Da bin ich gewesen auf eine symphonischen Konzert. – Was ist das Gefühl, verstehen Sie? Heute haben sie gespielt und morgen haben die Menschen gekonnt in Ponar schon sein.“

Im nahegelegenen Paneriai, dem jiddischen Ponar, einer heute kreisrund angelegten Hinrichtungsstätte im Wald, ließen die deutschen Befehlshaber in mehreren „Aktionen“ jeweils zehntausende jüdische Männer und Frauen durch litauische Kollaborateure erschießen. Fania fasst zusammen:

„In Ponar sind umgekommen 100 000 Mann.“

Später fügt sie Überlegungen hinzu, die das Zögern vieler Menschen erklären, sich dem Widerstand trotz der Bedrohung anzuschließen, weil dies immer auch hieß, nahe Verwandte und Freunde zurückzulassen:

„ Verstehen Sie, ich habe doch gelassen alle im Ghetto, die Eltern… Das ist die Liquidation. Weil wir haben da gelebt, da gab es gewisse „Aktionen“. Verstehen Sie? Menschen haben Hoffnungen, Glauben. Das ist Narrischkeit vielleicht, aber so ist das Leben.“

Fania Brancovskaja selbst schloss sich unter dem Eindruck der Massenmorde 1942 der jüdischen Widerstandsgruppe Fareinikte Partizaner Organisatzije (FPO) an.

„Was will ich sagen? Die letzten Tage des Ghettos hat man gespürt, dass etwas in der Luft war und man hat gewollt intensiv, die Menschen sollen gehen zu den Partisanen. Man hat gesagt, du sollst dahin kommen. Also bin ich gekommen. Zu Befehl!“

Fania lacht.

„Das ist, verstehen Sie, das bleibt in Gedanken solche Sachen.“

In der Erinnerung bleibt auch der erste missglückte Auftrag, den sie als Partisanin ausführt und der ihr dennoch das Gefühl der Wiedererlangung der von den Nationalsozialisten geraubten Menschenwürde gibt:

„Was ist gewesen unsere Aufgabe? Zu zertören die telefonischen Verbindungen zwischen deutschen Gruppen, welche waren da. Wir haben… sägen den Draht. Wir haben alles gemacht – und wir sind schon gegangen, umkehren zu dem Platz. Nun, wir sind große Spezialisten, wir haben es verpatzt. Das ist gewesen das erste Mal, ich habe gefühlt, wir sind Menschen.“

Mit der Zeit kam die Erfahrung. Sie agitierte für ihre Organisation, „organisierte“ Lebensmittel und half, Waffen ins Ghetto zu schmuggeln, nachdem die FPO-Führung entschieden hatte, einen Aufstand vorzubereiten. Als Mobilisierungsparole wurde „Liza ruft!“ vereinbart, im Gedenken an Liza Magun, eine Meldegängerin der FPO, die die Deutschen hingerichtet hatten.

Auf einer dem Filmprojekt „Liza ruft!“ gewidmeten Webseite der österreichischen Plattform erinnern.at, Nationalsozialismus und Holocaust: Gedächtnis und Gegenwart wird Fania Brancovskayas Biograhie folgendermaßen zusammengefasst:

Als die Deutschen am 23. September 1943 begannen, auch das sog. große Ghetto [von Vilnius] zu liquidieren, ließ die Leitung der FPO den Aufstandsplan fallen, um kein Blutbad auszulösen, und wies ihre Mitglieder an, sich zu den Partisan_innen durchzuschlagen, die in den großen Waldgebieten östlich und südlich von Vilnius operierten. Fania Brancovskaja entkam in letzter Minute zusammen mit ihrer Kameradin Doba Develtof. Ihre Eltern und ihre kleine Schwester musste sie zurücklassen – diese wurden von den Deutschen verschleppt und später ermordet.

Bei den Partisan_innen erlernte Fania Brancovskaja den Umgang mit Schusswaffen und Sprengstoff und führte verschiedene Sabotagemissionen aus. Im Juli 1944 beteiligte sie sich mit ihrer Einheit an der Befreiung von Vilnius durch die Rote Armee.

Fania Brancovskaja, geborene Joheles, war die einzige ihrer Familie, die die Shoah überlebt hatte. Sie heiratete Mikhail Brancovski, an dessen Seite sie gekämpft hatte, und engagierte sich beim Wiederaufbau Litauens unter sowjetischer Führung. Nach dem Tod ihres Mannes 1985 und dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde ihr das Gedenken an die Shoah und den Widerstand gegen die deutschen Besatzer zur Lebensaufgabe.

Heute ist Fania Brancovskaja 90 Jahre alt und lebt in einer kleinen Hochhauswohnung. Sie hat zwei Töchter, von denen eine nach Israel ausgewandert ist. Dreimal in der Woche betreut sie die Bibliothek des Jiddischen Instituts der Universität in Vilnius. Drei weitere Tage engagiert sie sich im Zentrum der Jüdischen Gemeinde in der Pylimostraße 4.

http://www.erinnern.at/bundeslaender/oesterreich/e_bibliothek/videos/dokumentarfilmprojekt-lisa-ruft

 

Kämpfe der Gegenwart

 

Den nur wenige hundert Menschen umfassenden Überlebenden des Holocausts aus Wilna wurde auch nach dem Zusammenbruch Hitler-Deutschlands nur wenig Aufmerksamkeit zuteil. Und obgleich Wellen antisemitischen Ressentiments auch zu Zeiten des unmittelbar anschließenden Stalinismus zahlreiche Jüdinnen und Juden sogar nach dem Krieg noch in die Emigration trieben, gründete Fania Brancovskaya eine Familie und wurde aktives Mitglied der Gesellschaft, in der sie lebte. Erst im Zuge Perestroika entstand ein Klima, in dem das erloschene jüdische Leben Litauens zunehmend aufgearbeitet wurde und auf öffentliche Resonanz stieß, bis es wieder mit dem neu erwachenden Nationalismus Litauens zusammenprallte.

Hierzu die Darstellung des Blogs „Liza ruft!“:

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989/90 begann die vorerst letzte Phase von Herausforderungen und Verarbeitungsversuchen. Die Erinnerung an die Shoah ist im demokratischen Litauen politisch sehr umkämpft. Obwohl Teile der Bevölkerung die Deutschen als Befreier von der Sowjetherrschaft empfangen und sich aktiv an der Vernichtung des „jüdischen Bolschewismus“ beteiligt hatten, floriert die totalitarismustheoretische Vorstellung vom „doppelten Genozid“. Nach dieser Auffassung hätten die Sowjetunion und Nazideutschland gleichermaßen einen Völkermord verübt, und Litauen sei jeweils das Opfer gewesen. Exemplarisch dafür können die Worte des litauischen Außenministers Audronius Ažubalis stehen, der anlässlich des 70. Jahrestages der Wannsee-Konferenz voller Hohn für die Opfer sagte, zwischen Hitler und Stalin gebe es keinen Unterschied außer ihrer Schnurrbärte: der von Hitler sei kürzer gewesen.

Die antinazistischen und mehrheitlich jüdischen Partisan_innen dagegen mussten erleben, dass sie als Kriminelle diffamiert wurden. 2006 begann die litauische Staatsanwaltschaft wegen Mordes und „Verbrechen gegen die Menschheit“ gegen sie zu ermitteln.

Unter dem Eindruck dieser Entwicklungen verließen viele Juden und Jüdinnen Litauen in den letzten Jahren, darunter weitere der einstigen Kamerad_innen von Fania Brancovskaja sowie ihre zweite Tochter. Doch andere hegen weiter Hoffnung, und die kleine Jüdische Gemeinde versucht sich zu behaupten.

http://lizaruft.blogspot.de/p/relevanz-social-relevance.html

Auch hierzu liefert bereits der Teaser zum Film wesentliche Aufschlüsse. Gezeigt wird ein Interview mit dem amerikanisch-litauisch-jüdischen Linguisten Dr. Dovid Katz.

Zur Person:

Dovid Katz schloss 1978 ein Studium an der Columbia University ab und promovierte an der Universität London über die Ursprünge des Jiddischen. Er war als Lehrbeauftragter an der Gründung des Programms für jiddische Studien an der Universität Oxford beteiligt. Nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1992 begann Dovid Katz damit, jiddische fiktionale Texte unter dem Pseudonym Heershadovid Menkes zu veröffentlichen. 1994 war er an der Gründung des Oxforder Instituts für Jiddische Studien (Oxford Institute for Yiddish Studies) beteiligt, als dessen Forschungsdirektor er bis 1997 wirkte.[2]

Nachdem er 1998–1999 ein Jahr als Visiting Professor an der Yale University verbracht hatte, wechselte Katz 1999 an die Universität Vilnius, um den neugeschaffenen Lehrstuhl für jiddische Sprache, Literatur und Kultur zu übernehmen und dort das Zentrum für staatenlose Kultur zu gründen, welches er für die ersten zwei Jahre leitete. Seinen sonst zuvor in Oxford abgehaltenen Sommerkurs in Jiddisch hatte er bereits 1998 in Vilnius gegeben. Im Jahr 2001 gründete er das Jiddische Institut an der Universität Vilnius, dessen Forschungsdirektor er bis 2010 blieb.

http://de.wikipedia.org/wiki/Dovid_Katz

Katz konstatierte schon wenige Jahre nach der Annahme eines Lehrstuhl an der Universität Vilnius ein mehr als nur ambivalentes Verhältnis der Politik Litauens zu seiner jüdischen Geschichte. Einerseits herrsche ein museales und touristisches Interesse an diesem Phänomen;

Before the Holocaust, Lithuania had some 160,000 Jews, who constituted one of the most vibrant and colorful Jewish communities in history. Today, there are only 5,000 Jews in Lithuania some 90 percent of the Jewish population, which had swelled to nearly 250,000, with the arrival of refugees from Poland, were murdered during World War II, not only by the Nazis, but also with the enthusiastic participation of the Lithuanian people.

And yet, in the independent, post-Soviet Lithuania of today, there is a renewed interest in Jewish culture, and the government is making an effort to showcase it to the world. The 24th Jerusalem International Book Fair is one venue where this effort will be on full display, with five different events organized by the Lithuanian Embassy in Tel Aviv scheduled to take place (with a number of other Lithuanian cultural events, not necessarily of a Jewish nature, including dance performances, jazz concerts and movie screenings, planned for different locations around the country).

 andererseits hätte kaum ein politische Elite in dem Maße wie die Litauens solche Probleme damit, die zurückliegende Beteiligung der eigenen Bevölkerung am Nazi-Genozid zu thematisieren. Gipfel einer Verschleierungsideologie, in der sich Litauens Politiker, das Land allein als Opfernation stilisierend, jeglicher Verantwortung für den Holocaust entzögen, sei eine „red is brown-policy“, deren inhärenter Logik zufolge ehemalige Nazikollaborateure zu anti-sowjetischen Nationalhelden Litauens und ehemalige, vor allem jüdische Widerstandskämpfer zu Verbrechern gegen die Menschlichkeit stilisiert würden:

Yet he reports on a ?dreadful and powerful anti-Semitic establishment that is based not among everyday people, but among the elites of government and some of its agencies and some quasi-academic institutions.

In an e-mail interview with Haaretz, Katz complained, for example, about the so-called Red-Brown Commission, a government-sponso red study ?whose purpose is not Holocaust denial but what I call Holocaust obfuscation a plot to trivialize, minimize and talk away the Holocaust by claiming that Nazi and Soviet crimes are absolutely equal.

Like Zuroff, Katz is outraged that Lithuanian ?politicians, prosecutors and quasi-academics in the service of revisionist history started to accuse Jewish Holocaust survivors of ?war crimes? if they escaped certain death to join the anti-Nazi partisan resistance movement in the forests.? The first partisan to be accused was Arad, although all charges were dropped, in the wake of international pressure.

http://www.haaretz.com/news/when-lithuania-was-yiddishland-1.270841

Im Jahr 2008 wurden von den baltischen Ländern und Ungarn Gesetzesinitiativen gestartet, die von einem „doppelten Genozid“ in diesen Ländern sprachen und denen zufolge die Verbrechen des Stalinismus mit dem Völkermord und dem mörderischen Rassismus Nazideutschlands gleichzusetzen seien. Im Vorfeld war von mehreren europäischen Politikern die „Prager Erklärung zum Gewissen Europas und zum Kommunismus“ unterzeichnet worden, die als Ersatz für den Holocaust-Tag die Einsetzung eines „europäischen Feiertags“ für den 23. August (den Tag des Ribbentrop-Molotow-Paktes von 1939) als „Europäischer Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus“ vorsah. http://de.wikipedia.org/wiki/Prager_Erkl%C3%A4rung

Der Erklärung folgte mit einiger Verzögerung die „Entschließung des Europäischen Parlaments vom 2. April 2009 zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus“, die die Gleichsetzung von Holocaust und Stalinismus nicht in Gänze übernahm, jedoch in ihren Formulierungen den Unterschied beider Systeme einebnete, indem sie den „Respekt für sämtliche Opfer totalitärer und undemokratischer Regime in Europa und […die] Hochachtung denjenigen, die gegen Tyrannei und Unterdrückung gekämpft haben

-in der Erwägung, dass es ebenfalls wichtig ist, derer zu gedenken, die sich aktiv der totalitären Herrschaft widersetzt haben und die aufgrund ihrer Hingabe, ihres Festhaltens an Idealen, ihres Ehrgefühls und ihres Mutes als Helden des totalitären Zeitalters in das Bewusstsein der Europäer Eingang finden sollten,

-  in der Erwägung, dass es vom Blickwinkel der Opfer aus unwesentlich ist, welches Regime sie aus welchem Grund auch immer ihrer Freiheit beraubte und sie foltern oder ermorden ließ“,

http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+TA+P6-TA-2009-0213+0+DOC+XML+V0//DE

gleichfalls u. a. Nazikollaborateuren ermöglichte, indem sie, durch eine ahistorische Hypostasierung des Stalin-Ribbentrop-Paktes zum Initialpunkt der Aggression eines diffus generalisierten „Totalitarismus“, gänzlich unter den Tisch kehrte, dass erstens auch die Sowjetunion unter Stalin zum Opfer eines Angriffskriegs Hitlers geworden war und zweitens die Rote Armee den wesentlichen Anteil zum Sieg über den Nationalsozialismus tragen musste.

Einer der ersten Unterzeichner der mehr als nur umstrittenen Prager Erklärung war übrigens der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, ein gewisser Joachim Gauck, den nicht nur der Leiter des Siemon-Wiesenthal-Zentrums in einem Artikel der taz deshalb für wohl nicht geeignet befand, die Position des höchsten deutschen Repräsentanten einzunehmen.

Befreier und Erbauer

Die Wahl dieses Datums impliziert, dass die Sowjetunion und Nazideutschland gleichermaßen für die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs verantwortlich wären – als wären jene Länder, deren Soldaten den industriellen Massenmord beendeten, genauso schuldig wie das Regime, das das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ersonnen, gebaut und betrieben hat. Würde dieser Vorschlag akzeptiert – wofür sich das Europäische Parlament bereits ausgesprochen hat –, würde der Holocaust-Gedenktag bald der Vergangenheit angehören.

Ebenfalls problematisch sind die Forderungen nach einer „Überarbeitung und Angleichung der europäischen Geschichtsbücher“ und nach der Gründung eines „Instituts für Europäische Erinnerung und Gewissen“, das pädagogische Programme entwerfen und ein Museum für alle Opfer totalitärer Regime kuratieren soll. Eine wichtige Aufgabe dieser Institution wäre es demnach, die nationalen auf die Aufarbeitung „totalitärer Erfahrungen spezialisierten Forschungsinstitute“ zu unterstützen.

Dabei betreiben gerade diese Einrichtungen – etwa das Zentrum für Genozidrecherche und das Museum für Genozidopfer (beide in Vilnius, Litauen) oder das Museum für Besatzungen in Riga (Lettland) – eine verzerrte Darstellung des Zweiten Weltkrieges, da sie sich ausschließlich mit den kommunistischen Verbrechen beschäftigen und das Thema Kollaboration ausblenden. […]

Joachim Gauck ist einer von nur drei westeuropäischen Unterzeichnern der Prager Erklärung und – neben dem früheren tschechischen Präsidenten Vaclav Havel und dem vormaligen litauischen Staatsoberhaupt Vytautas Landsbergis – der prominenteste. Als einstiger Menschenrechtsaktivist in der DDR und späterer Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde sucht Gauck nach einer größeren Beachtung der kommunistischen Verbrechen – ein ehrenwertes und legitimes Ziel, das Unterstützung verdient.

Das von ihm mitunterzeichnende Dokument jedoch strebt danach, dieses Ziel auf Kosten der historischen Wahrheit zu erreichen und damit der westlichen Zivilisation im Allgemeinen, im Besonderen aber Deutschland enormen Schaden zuzufügen.

Meiner Meinung nach erlebt Deutschland gegenwärtig einen kritischen Augenblick in seinem Verhältnis zum Zweiten Weltkrieg und zum Holocaust.

http://www.taz.de/!89802/

[vgl. auch: https://clemensheni.wordpress.com/2010/06/03/joachim-gauck-die-prager-deklaration-und-europaischer-antisemitismus-heute/ ; ein Bild von Joachim Gauck mit dem lettischen Präsidenten unter einem Denkmal, das den roten Stern und das Hakenkreuz auf eine Ebene stellt, findet sich in einem weiteren Blogbeitrag Clemens Heinis, der sich auch mit der Beteiligung der Grünen am baltischen und ukrainischen Geschichtsrevisionismus befasst: http://clemensheni.net/2013/08/23/banalisierung-des-boesen-hannah-arendt-preis-fuer-die-trivialisierung-des-holocaust-2013/ ; interessant auch folgender Artikel zu Rebecca Harms, die eine jüdische lettische Abgeordnete wegen deren Distanz zur Rolle der Rechtsextremen in Kiew aus der europäischen Grünen-Fraktion ausschließen wollte: http://www.lettische-presseschau.de/politik/eu/755-2014-03-21-13-41-52 ]

Die Befürchtungen und die Beunruhigung über den möglichen Erfolg der ideologischen Gleichsetzung von Stalinismus und Holocaust auch in Deutschland schienen gleichfalls, nur diesmal medial völlig unbeachtet, Mitglieder des Zentralrats der Juden in Deutschland zu teilen, wie es folgender Artikel in der Jüdischen Allgemeinen aufzeigt:

Relativierung

Gegen die vielfache Warnung der Überlebenden des Holocaust vor »bedenklichen Formen historischer Relativierung« will sich die neue Bundesregierung offenbar auch der Forderung des EU-Parlaments anschließen, den 23. August als Leitdatum der europäischen Erinnerungskultur zu etablieren. Der Bundestag folgte bereits im vergangenen Jahr der Straßburger Entschließung, wonach der Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts als europaweiter Gedenktag für die Opfer aller totalitären und autoritären Regime begangen wird. Soll dieses Datum die Erinnerung an den 30. Januar 1933 oder den 27. Januar 1945 überlagern? Damit würde das gerade erst etablierte Holocaust-Gedenken in die zweite Reihe der deutschen Geschichtspolitik gerückt.

Mit ihrer Koalitionsvereinbarung verweisen die großen Volksparteien die Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen ins Museale. Sie wird auf das politische Abstellgleis bürokratischer Verteilungskämpfe um knapper werdende Ressourcen gestellt, abgehängt und ohne Chance, sich auf einen konkreten Willen der neuen Regierung berufen zu können, hier weiterhin aktiv Sorge und Vorsorge zu tragen. Die vielfältigen Impulse dieser KZ-Gedenkstätten für das demokratische und humanitäre Bewusstsein in Deutschland, die aufgrund vieler internationaler Kooperationen weit darüber hinausreichen, sind vom politischen Horizont der Regierung verschwunden.

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/18181

Für Fania Brancovskaja, als jüdische Holokaustüberlebende, zeitigte die Renaissance baltischer Nationalisten und die Theorie des „doppelten Genozids“ schon sehr bald bittere Konsequenzen, wie der Artikel aus der Haaretz, zu dem kein deutsches Pendant existiert, ausführlich darlegt:

The low point in the history of modern Lithuania, said Katz, came on May 5, 2008, when prosecutors sent two armed plainclothes police to look for Rachel Margolis and Fania Brantsovsky, two incredibly courageous Holocaust survivors who are heroes of the free world for having joined the anti-Nazi resistance in the forests of Lithuania.? Later that month, prosecutors said the women couldn?t be found implying, according to Katz, that they were fugitives.

http://www.haaretz.com/news/when-lithuania-was-yiddishland-1.270841

Auch im Teaser zum Filmprojekt “Liza ruft!“ äußert sich Dovid Katz in einem Interview zu den strafrechtlichen Ermittlungen, denen sich Fania plötzlich ausgesetzt sah:

Aber die Dinge eskalierten 2008, als infolge antisemitischerArtikel in einer Zeitung die Staatsanwälte am 05. Mai 2008 bewaffnete Zivilpolizisten entsendeten, nach Fania Joheles-Brancovski und Rachel Margolis zu suchen. Das Dokument, das sie hatten, besagte, dass sie Rachel Margolis als wichtige Zeugin brauchten, in einer Ermittlung wegen Kriegsverbrechen gegen Fania Brancovski.

Auslöser der Anschuldigungen waren die Memoiren ihrer Freundin und Mitkämpferin Rachel Margolis. Die Holokaustüberlebende, Biologin und Historikerin hatte als langjährige Leiterin des einzigen Holocaustmuseums Litauens ihre Erfahrungen im Widerstand in einem Buch öffentlich gemacht. Sie, die selbst zum Opfer antisemitischer Angriffe wurde, hatte dabei die Beteiligung Fanias an einem Gefecht erwähnt.

After the war, Margolis gained a Ph.D. in biology and was a teacher until the end of the 1980s. She helped establish Lithuania's only Holocaust museum, the Green House in Vilnius.[2] Her work in the resistance has been honoured by US congress and the British House of Lords.[5][6]

Margolis's 2010 memoir A Partisan of Vilna recounts the author's escape from the Vilna Ghetto with the FPO (United Partisan Organization) resistance movement and the time spent in the forests of Lithuania with the partisans, active on sabotaging missions.[3][7]

Margolis found and published the long-lost diary of Kazimierz Sakowicz, a Polish Christian journalist who witnessed the Ponary massacre outside Vilnius, where tens of thousands of Jews were murdered.[8] Margolis reconstructed Sakowicz's diary from fragments of paper found in lemonade bottles, text written on a 1941 calendar and other papers held in archives that were not accessible under Soviet rule.

Since 2008 Holocaust denial groups within Lithuania targeted Margolis and police have sought her arrest for war crimes against Lithuanian citizens in her role with the anti-Nazi resistance.[6][9] Lithuanian newspapers have referred to her as a terrorist and a murderer.[10]

Margolis has also lived in Rechovot, Israel.[8][11][12]

http://en.wikipedia.org/wiki/Rachel_Margolis

Dovid Katz führt in seiner Schilderung des Strafverfolgungsversuchs die Ungeheuerlichkeit des nun folgenden aus:

Diese Vorwürfe gegen Fania und Rachel, wie auch gegen Arad wurden mit keinerlei konkreten Vorwürfen begründet. Selbstverständlich, wenn eine Person, ein jüdischer Holocaust-Überlebender später ein Verbrechen gegen einen Zivilisten verübt hat, sollte er oder sie zur Rechenschaft gezogen werden in einem fairen Gerichtsverfahren. Aber es gab keine Vorwürfe. Das war alles eine Kampagne, eine politische Kampagne, um das historische Narrativ zu ändern. Während die Täter [i.e. die litauischen Nazi-Kollaborateure] zu Helden erhoben werden, begann eine Kampagne der Regierung, Überlebende und Opfer als Kriminelle anzuklagen. Es war Teil einer weiteren Kampagne, einer Verschleierung, wie ich es nenne: Holocaust Verschleierung. [engl.: Holocaust obfuscation]

Du kannst keinen einzigen Mord in Litauen leugnen mit mehr als 250 Massengräbern im ganzen Land. Holocaust-Leugnung ist inzwischen ersetzt worden durch etwas viel Schlimmeres, weil es viel schwieriger zu fassen ist. Es ist schlüpfrig, es ist hinterlistig, es ist Holocaust-Verschleierung. Also, willkommen, Leute! Ihr seid hier in der Hauptstadt der Holocaust-Verschleierung!

 Fania und Rachel sind nur zwei von elf Holocaust-Überlebenden, die seit dem Siegeszug des „Doppel-Genozid“-Ideologems zu Opfern ungerechtfertigter Strafverfolgung wurden, weil sie es als junge Leute gewagt hatten, den Mördern ihrer Familien und Freunde, die auch sie selbst ermorden wollten, bewaffneten Widerstand entgegenzusetzen.

Dass einige dieser Menschen auch den Bürgerkrieg in der Ukraine unter Beteiligung neonazistischer Milizen und die Machtergreifung einer Regierung in Kiew, die sich auf den Massenmörder und Nazikollaborateur Stephan Bandera beruft, in Beziehung zu einem weit umfassenderen Revisionismus und Nationalismus in Osteuropa sehen, verwundert nicht. Als weiteres Beispiel, das auch im Filmprojekt „Liza ruft!“ vorgestellt wird, möge die folgende Dame dienen:

Rachel Kostanian: "Die Ukraine-Krise macht mir Albträume...

Nachdem wir die Veranstaltung mit ihr am Sonntag dokumentiert haben, haben wir gestern Rachel Kostanian getroffen, die langjährige Chefin des Holocaust-Museums in Vilnius. Wir konnten so das Interview fortsetzen, das wir im September 2013 aufgrund technischer Probleme abbrechen mussten.

Im Mittelpunkt des Gesprächs stand das Holocaust-Gedenken in Litauen seit 1944, für das Rachel, die an der Gründung des „Grünen Hauses“ beteiligt war, natürlich eine ausgesprochene Expertin ist. Besonders eindrücklich schilderte sie das Erwachen der jüdischen Gemeinde und die Neubelebung einer litauisch-jüdischen Symbiose in den Jahren der Perestroika – sowie ihre Enttäuschung darüber, dass bald nach der Unabhängigkeit antisemitische Töne lautwurden, die diese Erfolge kontinuierlich bedrohen. Große Sorge äußerte sie im Hinblick auf die Ukraine-Krise, die in Litauen die nationalistischen und anti-russischen Strömungen stärker werden ließen – wie die jüngsten Präsidentschaftswahlen deutlich zeigten.

Abschlussempfehlung:

http://lizaruft.blogspot.de/p/eure-hilfe-your-support.html

Zur Umsetzung und dem Ziel des Filmprojekts benennt der Blog Folgendes:

Wir haben Fania Brancovskaja im September 2011 in Berlin kennengelernt, das sie im Rahmen der Konferenz '‘s brent!' Faschismus, Widerstand und Gedenkpolitik in Litauen und Deutschland besuchte. Ihre Aufgeschlossenheit uns gegenüber - einem Filmteam von nicht-jüdischen Deutschen -, ihre Energie und ihre bewegende Geschichte weckten unseren Wunsch, diese beeindruckende Persönlichkeit näher kennenzulernen und Fania in Vilnius zu besuchen. Zu unserem Glück willigte sie sofort ein.

Im November 2011 flogen wir erstmals nach Litauen. Zusammen mit Fania besuchten wir das ehemalige Ghetto, die Gedenkstätte in Paneriai und die Wälder von Rūdninkai, in denen ihre Partisan_inneneinheit operierte. Diesem ersten Besuch folgten drei weitere: Im April 2012 - anlässlich des "March of the Living" - und im September 2012 und im September 2013, anlässlich des 69. und des 70. Jahrestages der Liquidierung des Wilnaer Ghettos. Dabei haben wir Fania mit der Kamera begleitet, sie interviewt und ihr bei ihrem sozialen und gedächtnispolitischen Engagement über die Schulter geschaut.

Schnell wurde uns klar, dass sich ihre Geschichte nicht auf die deutsche Besatzungszeit (1941-1944) begrenzen lässt, während der sie um ihr Leben kämpfen musste und ihre gesamte Familie verlor. Auch das "Weiter-Leben" - unter sowjetischer Herrschaft (1944-1990) und im demokratischen Litauen (seit 1990) - war ein Kampf. Bis heute werden ihre Verluste und Traumata herausgefordert, und ihr Sieg, die Shoah überlebt und mit der Waffe in der Hand gegen die deutschen Besatzer und ihre Helfer gekämpft zu haben, infrage gestellt oder ihr gar zum Vorwurf gemacht.

Auch weil Fania das Sprechen über diese sekundäre Viktimisierung zum Teil schwerer fällt als über die Jahre von Verfolgung und Widerstand, begannen wir, erinnerungspolitische Akteur_innen sowie Fanias Angehörige und einige ehemalige Weggefährt_innen zu interviewen, die ihr Schicksal teilten. Diese Bemühungen führten im Juli 2012 zu einem Besuch unseres Filmteams in Israel und im Februar 2013 zu Dreharbeiten in Toronto . Im Sommer 2013 haben wir mit den Vorarbeiten der Post-Produktion begonnen, im November mit dem Schnitt. Die Fertigstellung des Films ist für Sommer 2014 geplant.


Das Filmkonzept ist auf ca. 90 Minuten angelegt. Wir drehen in Full HD. Neben DVD-/Bluray- ist auch eine Kino- und Festivalauswertung geplant. Außerdem werden wir Material für die Politische Bildungsarbeit kompilieren und eine Veranstaltungsreihe organisieren. Das Rohmaterial der Interviews stellen wir Archiven zur Verfügung.

Wer das Projekt als unterstützenswert empfindet, kann dem auf folgende Weise nachgehen:

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4. Jedes Filmprojekt kostet Geld - zumal "Liza ruft!", das zwischen Litauen, Israel und Deutschland angesiedelt ist. Wir arbeiten mit der selbstverwalteten Filmschule filmArche e.V. zusammen, die Teile der Technik stellt. Mit der Hilfe von Stiftungen konnten wir die Flug- und Unterkunftskosten begleichen. Die Conference on Jewish Material Claims Against Germany fördert die Postproduktion anteilig. Und auch einige private Spender_innen unterstützen uns bereits. Den Großteil der Kosten aber tragen wir selbst. Und damit befinden uns weiter am Limit! Leider drängt die Zeit, und wir wünschen uns von ganzem Herzen, dass Fania und ihre Weggefährt_innen diesen Film bald sehen können. 

Wir bitten euch daher dringend, das Projekt finanziell zu unterstützen. Jeder Betrag ist willkommen! Ein großes Dankeschön und eine kleine Aufmerksamkeit sind euch sicher.

Eine Überweisung an unseren Träger filmArche e.V. unter dem Betreff "Spende für Liza ruft" ist der beste Weg. Da die filmArche als gemeinnützig anerkannt ist, sind Spenden steuerlich absetzbar. Hilft euch das, ergänzt den Betreff "Spende für Liza ruft" um eure Adresse. Dann lassen wir euch eine Spendenbescheinigung zukommen.

Die Bankverbindung lautet:

    filmArche e.V.
    Deutsche Bank 24
    Konto 567 22 33
    BLZ 100 700 24
    Betreff: Spende Liza ruft (& eure Anschrift)

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Kommentare

Liebe Anja,
zuerst einmal einen ganz herzlichen Dank für Dein Engagement und die Information zur Dokumentation: "Liza ruft". Wenn wir uns in Deutschland treffen, kann ich sehen, wie viel ich aus meinem schmalen Budget spenden kann.
Zum konkreten Projekt Liza und auch zu meinem Beitrag "Auschwitz" hier und in der dFC möchte ich doch noch einmal eine persönliche Position herausstellen, die u.a. in Deinem Beitrag bzgl. Relativierung von Auschwitz geradezu zur Stellungnahme auffordert.

Grundsätzlich:
Jeder Völkermord ist an sich einzigartig, ganz besonders der Völkermord von Deutschen an Juden verübt, der als wichtigste Konsequenz zweierlei bewirkte: Die Errichtung des Staates Israel und die Erklärung der universalen Menschenrechte 1948. Völkermord ist ein Zeichen schwerster gesellschaftlicher "Krankheit" vonseiten der Täter-Nation, an der Deutschland während der NS-Zeit litt. Die Weltgemeinschaft hatte die "Universal Declaration of Human Rights" sozusagen als wichtigstes "Heilmittel" gegen zukünftige Völkermorde sowie als Mittel zur Friedens-Stiftung erklärt. Diese universalen Menschenrechte sollten einmal vorbeugende Handlungsanweisungen aber auch einklagbare Richtschnur gegen Tendenzen zur Entwicklung etwaiger neuer Völkermorde sein.

Die Gedenken an Völkermorde sind immer gleichzeitig Gedenken vonseiten der Opfer und vonseiten der Täter. Erstere, sofern sie überlebten, und ihre Nachkommen sind u. a. verantwortlich für die Pflege der Erinnerung und die Würdigung der Opfer, während die Täter und ihre Nachkommen in besonderem Masse verantwortlich sind für die Wiedergutmachung und Bitte um Verzeihung, aber auch ganz besonders verantwortlich für die Herausarbeitung der Ursachen des Völkermordes, d.h. der Ursachen ihres nationalen gesellschaftlichen "Krankheitsbildes", das diesen Völkermord möglich gemacht hat und das zukünftig unter allen Umständen vermieden werden muss. Darüber hinaus sehen sich beide gemeinsam, Opfer und Täter, gefordert, in Zukunft weltweit Völkermorde oder Tendenzen dazu mit allen Mitteln zu bekämpfen, und das am ehesten über die aktive Verteidigung der Menschenrechte.

Was meinen Auschwitz-Beitrag anbelangt, hätte ich für die Leser vielleicht besser die Überschrift wählen sollen: "Völkermord ist auch heute überall und geschieht immer wieder". Warum habe ich Auschwitz in der Überschrift gewählt, die ich mir sehr wohl überlegt hatte. Für mich war Auschwitz der erste Völkermord, der mir als "mittelbar" Beteiligtem widerfuhr. Ich gehe nicht noch einmal auf Dinge ein, die ich im Beitrag erwähnte. Nur eins noch: Mein Vater hat bis zu seinem Tod (1995) als gläubiger Lutheraner keinen Nachtschlaf angetreten, ohne noch eine halbe Stunde in der Bibel zu lesen. Uns Kindern war das nur erklärlich, dass er sich schuldig fühlte, nicht aktiv Widerstand ergriffen zu haben und sich stattdessen um die Familie mit sechs kleinen Kindern kümmerte. Für mich war Auschwitz ein persönliches Vermächtnis, das mein gesamtes Leben bis heute gekennzeichnet hat, dass mich dazu brachte, die Menschenrechte wo auch immer in der Welt zu verteidigen, das mich zum Atheisten und Anarchisten werden ließ, und das mich bei Völkermorden heute immer wieder an Auschwitz erinnert und an die Pflicht, persönlich dagegen aufzubegehren und vor allem auch vorbeugend zu wirken.

Und da kommen wir zu den Gemeinsamkeiten von spezifischen Völkermorden und zu seinen gemeinsamen Ursachen, denen wir Deutsche als Nachkommen der Täter-Nation ganz besonders auch aus Anlass des 27. Januar gedenken sollten: Völkermord wird aus Herrschaftsbestreben heraus, basierend auf einer "Herrschaftsideologie" und Definition eines äußeren und inneren Feindes und zuerst dessen Ausgrenzung, später dessen Liquidierung betrieben. Völkermord ist immer geplant, das eine Mal perfekter als das andere Mal und hat eine genau definierbare, sichtbare totalitäre Herrschaftselite. Zur Ausführung braucht diese "Elite" Schergen, aber was noch wichtiger ist, möglichst eine Zivilgesellschaft, die mehrheitlich entweder indifferent ist oder aber schweigend Völkermord toleriert. Die kranke Gesellschaft ist durch Konformismus, Opportunismus, Untertanenverhalten, Mangel an Zivilcourage, fehlendem Mut zu Widerstand gegen Herrschaft und fehlendem Mut zur aktiven Verteidigung der universalen Menschenrechte usw. usf. gekennzeichnet. Damit "Auschwitz"/ Völkermord nie wieder geschehen kann, sollte jedes Auschwitz-Gedenken besonders diese damalige deutsche Krankheit (das NS-Regime) wieder ins Gedächtnis rufen und nicht nur die Folgen und ihre Opfer betrachten, sondern in besonderem Masse in die Zukunft blicken und die deutsche Gesellschaft gegen alle Tendenzen zu neuen Völkermorden, ganz gleich wo auf der Welt, aufrütteln.

Fania hat sicherlich ihr Leben nach 1945 nicht nur der Erinnerung gewidmet, sonders ganz besonders an die nachkommenden Generationen gedacht, die einen erneuten Holocaust unmöglich machen würden. Dabei tritt der Holocaust beispielhaft ein in eine Reihe von Völkermorden (u.a. Völkermorde aufgrund stalinistischer und maoistischer Vernichtung und weiteren späteren Völkermorden) gegenüber nationalen und/oder internationalen Feinden. Jeder Völkermord ist spezifisch, aber es gibt übergreifend einen Kern von Gemeinsamkeiten, den Kern des Totalitarismus gestützt auf seine behauptete "Wahrheit". Gemeinsame Ursachen von Völkermord müssen für die nachkommenden Generationen herausgearbeitet werden, damit aus allen diesen Beispielen von Völkermord eine Tendenz zum Frieden und zur Mitmenschlichkeit erwächst.

LG, Hermann

Lieber Hermann,

selbstverständlich müsste jede ernsthafte Antwort auf den Barbarismus zweier Weltkriege (inklusive der vorangehenden Kolonialkriege & dem kolonialistischen Anteil auch dieser Kriege - denn der Krieg in Afrika innerhalb des 2. Weltkriegs war von allen beteiligten Europäern ja nun auch ein gewaschener Zynismus gegenüber den Afrikanern) dazu führen, überhaupt die Bedingungen von politischen Mechanismen & Logiken zu bekämpfen, die Menschen verdinglichen, gegeneinander hetzen & umbringen.

Der obige Fall des Geschichtsrevisionismus, dem die ehemaligen jüdischen Widerstandskämpfer & -kämpferinnen aus Litauen ausgesetzt sind, zeigt aber auch sehr klar, dass das fetischisierte=ritualisierte Auschwitzgedenken westlicher Staatshäupter sogar die nicht würdigt, denen sie dort salbungsvolle Worte widmen.

Besonders eindrucksvoll ist dies im Falle Gauck: Dieser subalterne, durch & durch säkulare=gegen alle theologischen Inhalte des Christentums immune Pfaffe [--mit der Bergpredigt hat Gauck wahrlich nix am Hut! Gaucks Begriff von "Freiheit" hat nichts mit Gewissensfreiheit gemein, sondern für ihn ist das Wort ein Synonym für soziale Entsolidarisierung! ] bläht sich in Auschwitz auf & ist doch einer der ganz aktiven Kräfte bei der Renaissance von Revisionismus, Nationalismus, Bellizismus, Militarismus & Anti-Russismus in Mittel/osteuropa. Widerlich!

Diese Verlogenheit & der ihr innewohnende widerlich moralisch sich aufblähende Zynismus werden hier deutlich.

Dass der provokante Titel deines sachlich in jeder Hinsicht gerechtfertigten Artikels im Freitag die gesamte antideutsche Fraktion auf den Plan rufen würde, war jedoch mehr als absehbar. (Hast du das so gewollt? Dann bewundere ich deine Nerven: Denn gewisse Leute in den Blogs finde ich mit ihren dümmlich=hämisch andere Leute sinnlos anpissenden Schmähungen ad personam nicht mehr erträglich.) Genau das sind diejenigen Leute, für die Auschwitz zu einem Fetisch geworden ist. Linke Juden wie Moshe Zuckermann und Normen Finkelstein halten genau diese dem israelischen Nationalismus in Niebelungentreue verbundenen "Philosemiten" für waschechte Antisemiten.

Wie dem auch sei: Ich halte sehr viel von dem in Vergessenheit geratenen Satz Max Horkheimers: "Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte vom Faschismus schweigen." Denn der Wahn, alles restlos kapitalisieren zu wollen, statt Ökonomie als ein Instrument zu betrachten, das eine ökologisch möglichst verträgliche Bedarfsdeckung für alle Menschen leisten sollte, ist ja wohl die Grunderkrankung, der alle anderen - durch Propaganda gezüchteten - politischen Pahologien folgen. (Inklusive des Rassismus: Ihm liegt doch im Kern das Denken zugrunde: Hauptsache mein Flecken hat genug zu beißen, sollen die andern, die für mich Nutzlosen, doch übern Jordan gehen...)

Man kann nur entweder den Menschen zur Konstante erheben, der sich die Ökonomie als Variable unterordnet, oder umgekehrt: eine ökonomische Methode zur Konstante erheben, der sich die Menschen - im Zweifelsfall bis zu ihrer Auslöschung - als Variablen unterzuordnen haben.

Im gewissen Sinne ist Auschwitz der symbolische Kulminationspunkt des Verdinglichungsmechanismus von Menschen: ihre industrialisierte Zerlegung in ihre zu kapitalisierenden Einzelteile: Knochen, Haare, Haut als Rohstoff, der Rest geht in Rauch auf. Das ist nicht irrational, sondern die zynische Konsequenz einer totalen Verwertungsrationalität. Dialektik der Aufklärung halt.

Herzliche Grüße,

Anja

Liebe Anja,
Dank für Deine Antwort. Marie schrieb, Du hättest auch Deinen Beitrag in die dFC eingestellt. Werde später nachsehen.
Du hast völlig recht mit dem symbolischen Kulminationspunkt. Was ich so schlimm an allem finde, das habe ich ja auch hier betont, ist, dass keine Lehren aus Auschwitz gezogen werden. Wir haben wahrlich in Deutschland nach wie vor Verhaltensweisen, und das sieht man in der Gleichgültigkeit gegenüber anderen Völkermorden auf der Welt, die bei einer Zuspitzung einer inneren deutschen und europäischen Krise nicht den notwendigen Widerstandsgeist erzeugen würden, um diesen Krisen zu begegnen.
Was meinen Beitrag in der dFC anbelangt, war er natürlich in der Überschrift provokativ gemeint. Und ich hatte auch erwartet, dass eine saftige Auseinandersetzung eintreten wird. Aber dabei hatte ich gehofft, mich positiv mit den Meinungen auseinanderzusetzen. Dass dann aber nur Abqualifizierungen kommen, ist schade. Deshalb hatte ich dann auch nicht weiter reagiert. Zumindest hat das aber bei einigen Leuten zum Nachdenken angeregt.
Was Deine Unterstützung der Widerstandskämpferinnen aus Litauen anbelangt, so habe ich höchste Hochachtung davor. Man hätte sie seit Kriegsende von staatswegen unterstützen müssen, materiell und auch publizistisch, nicht nur den deutschen Widerstand, der ja sehr begrenzt stattfand.
Ich hatte beim Lesen sofort die Idee, man müsste auch heutige Widerstandskämpferinnen, vor allem im islamischen Raum, viel mehr unterstützen. Fahrwax hatte darauf hingewiesen. Ich selbst habe auch immer wieder erfahren, dass Frauen viel nachdrücklicher für Veränderungen einstehen. Es läuft ja parallel in der Welt ein verborgener "Klassenkampf" ab, in dem sich Frauen Stück für Stück Freiheit erobern. Und da sind die jüdischen Frauen aus Litauen ein ganz besonderes Beispiel.
LG, Hermann

Zwei Titelempfehlungen in diese Richtung:

Michel Foucault: Die Macht der Psychatrie

http://www.perlentaucher.de/buch/michel-foucault/die-macht-der-psychiatr...

http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=2&sqi=2&ved=...

Michel Foucault: Die Geburt der Klinik

http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=0CCMQF...

Eine ganz große Rolle spielt der Zusammenhang von Macht, Wahn, Wahnsinn --- die Disziplinierung von Menschen durch die psychopathologische Kategorisierung bei den Schriftstellern der Romantik, allen voran bei E.T.A. Hoffmann.

Interessant auch: Rüdigiger Safranski: E.T.A. Hoffmann (Biographie)

Hoffmann hat mächtig - als Jurist - gegen die in seiner Zeit zunehmende Tendenz zur Psychopathologisierung von Straftätern angeredet, weil er gesagt hat, hier fände eine Entmündigung von Delinquenten statt.

Er erkannte sehr gut, dass die psychischen Eindringunsmechanismen in Menschen mindestens so zerstörerisch sein würden wie die viel einfacher zu brandmarkende nackte physische Gewalt.

Bild des Benutzers fahrwax

Die Logik die zu Auschwitz führte lebt noch immer und hat sich des  "Gedenken'" an Auschwitz mit angemaßtem Alleinvertretungsrecht bemächtigt.

Diese "Geschichtsschreibung" ist  eine verkürzende Lüge und kann nie 'unsere' werden, sie baut eine Nebelwand vor die Ursachen von Auschwitz, unterteilt willkürlich in gedenkenswerte Opfer und übergehbare.

Die vielen Millionen Toten der Befreier von Auschwitz klagen ebenso an, wie die nach 1945 produzierten Leichenberge der Logik dieser Bestialität die ohne Feindschaft, Rassismus und die permanente Aufspaltung in die gepflegten Vordergründigkeiten von gut und böse längst eingetrocknet wäre. Auch die noch immer täglich Verhungernden, die permanent zunehmende Zahl von Füchtlingen resultieren aus dieser Verwertungslogik die Menschen aufeinanderhetzt und die "Wirtschaftlichkeit" vergöttert.

Bereits lange vor Beginn des 1914 startenden Massenmordes verstand es die Logik von Macht- und Kapitalvermehrung jede Gegenbewegung zu spalten und zu marginalisieren. Immer durch die glorifzierende Propanda ihrer Nützlichkeit für den "Fortschritt" menschlicher Entwicklung. Dieser "Fortschritt" ist ein kanibalistischer, er ernährt sich von Massenmord und Unterdrückung - erklärt sich aber zum Hüter von "Menschenrechten & Demokratie" - verleugnet und verhöhnt seine täglichen Opfer, ernennt sie zu "Terroristen", wenn sie sich nicht klaglos schlachten lassen.

Fortgeschritten sind die Techniken des Massenmordes und der Massenbeeinflussung  -Lenkung im Dienste der längst globalisierten Pflicht-Gottheit.

Die Techniken des Massenmordes sind seit Auschwitz beständig perfektioniert worden - das ist der "Fortschritt" den Macht- und Kapitalvermehrung benötigen, Menschen aber nicht. ,

Ein nur deklarierter Humanismus der verwertbaren Leichenbergen gedenkt und die täglich erhöhten Leichen-Gebirge, seine Opfer, dahinter verdeckt, ist ein ignoranter, ein "bezahlbarer". Er basiert allein auf der Gottheit der Verwertungslogik, ist pure Heuchelei.

Kapitalismus und Humanismus sind Gegenpole. Bisher leben wir im Kapitalismus - jede Hoffnung das der "reformierbar" sein könnte, gar sozial, erscheint mir illusionär.

"Er", oder ein zu entwickelndes "wir". Mit dem Kapitalsmus bleibt jeder Humanismus nur die Illusion Privilegierter.

Weil es kein "gutes Leben im Schlechten" gibt, werden wir bald einmal entscheiden müssen, ob wir Humanismus wirklich wollen - oder lieber weiter mit der Lüge leben.

Mal unter uns 'kleinen, privilegierten Arschlöchern:

die Wohlstandsinsel BRD lebt von und in einem Meer von Elend......, ob wir das wohl ändern?

Wir werden's dann ändern, wenn's genügend Betroffene im Lande gibt.

Die Logik geht ja weg von privlegierten geographischen Räumen: Überall schreitet die Unterteilung in 99% Proletarier vor & 1% Profiteure & Kapos, die sie in Schach halten sollen.

So sehen zumindest viele Teile der USA schon aus.

Danke für den Reiser-Link --- immer gern gehört (im Gedenken an nicht ganz so finstere Zeiten.)

Herzliche Grüße!

Bild des Benutzers ebertus

aus diesem Blog ist Erschütterung. Weniger wegen dem unendlichen Leid, welches Geschichte ist und mehr als Gedenken dahingehend nicht bleibt.  Erschütterung primär, was die aktuelle Situation, die aktuellen Entwicklung angeht. Ein Geschichtsrevisionismus, der zwar im Rahmen des aktuellen Auschwitz-Gedenkens sich an der Figur von Putin abarbeitet, dessen Entwicklung jedoch bereits seit der Ost/West-Wende (ab 1990) konsequent betrieben wird.

Der Antisemitismus gerade in Osteuropa, die damalige Kollaboration mit den Nazis verbündet sich zur faktischen Reinwaschung mit den wirtschaftlichen Siegern, mit dem wiedervereinigten Deutschland. Es sind also keine -wie hierzulande gern großmedial entschuldigend vorgebracht wird- bedauerlichen Entgleisungen polnischer oder ukarinischer Politiker, welche diesen Revisionismus betreiben. Es ist die grundlegende Neuschreibung der Geschichte seit 1990, bei der in stringent antideutscher Manier der deutsche Faschismus als einer "from outer space" verbrämt, real dagegen auf Putin und Russland insgesamt projeziert wird.

Der sog. Kalte Krieg bis 1990 war dagegen wohl noch harmlos; gegen das, was die die neuen Sieger unter Führung Deutschlands aktuell betreiben. 

Ja, aber auch hier wird wieder deutlich, dass die Hegemonialfunktion Deutschlands in Europa sich strikt im transatlantischen Bett befindet, also eine sekundäre unter dem US-Hegemon ist. Denn auch bei diesem konsequent gesponsorten Revisionismus (über den sich auf der von Dovid Katz' gegründeten Geschichtsplattform  "Defending History" haufenweise erhellende Artikel befinden) sind treibende Kraft die US-Neocons. Über das Wirken von Timothy Snyder, der in dieses PNAC-Milieu durch den neokonservativen Medienmogul Leon Wieselthier geholt wurde, habe ich im Blog nur am Rande geschrieben. Ich habe über ihn 1300 Seiten Material gesammelt & bin deshalb bisher vom Schreiben eines Artikels über ihn abgeschreckt worden, weil ein solcher im Zuge einer quellentechnisch gründlich abgesicherten Darstellung der miesen Rolle Snyders in diesem  Spiel sich zu einer Länge steigern könnte, die eher einem schmalen Buch entspräche. Dafür fehlt mir aber leider die Zeit.

Ich glaube, dass diejenigen (Deutschen), die eine neue hegemoniale Rolle Deutschlands unter dem Dach einer US-dominierten monopolaren Welt anstreben, sich ernsthaft einbilden, sie hätten die entscheidende Lektion zweier Weltkriege gelernt: Statt "Nie wieder deutsche Hegemonie" steht auf ihren Fahnen "Nie wieder deutsche Hegemonie gegen angelsächsische Interessen". Sie glauben, dass das funktioniert (& begreifen nicht, dass die USA im Verbund mit GB auch ganz schnell wieder hinsichtlich Deutschlands mit einer höchst aggressiven "containment policy" aufwarten werden, sobald sie es für "zu stark" halten, wie sie es jetzt auch gegen Russland tun. (Auch die Preußens hätten zu gerne mit Großbritannien "shared leadership" betrieben; aber da hatten sie, wie Merkel vermutlich heute auch, die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Sie sind in diesem Kontext auch unangenehme, aber nützlich Trottel.) Deshalb will Merkel TTIP. Sie meint, dann wären die wirtschaftlichen Verbindungen so fest, dass ein wirtschaftspolitischer Angriff auf Deutschland schwerer würde. (Als wären nicht die Abkommen selbst bereits der wirtschaftspolitische Angriff!)

Für Merkel war das ideologische Umschalten psychologisch ganz einfach: Der Slogan "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen", den die FDJ-Propagandasekretärin von Kindesbeinen aufgesogen hatte,  wurde lediglich durch ein "Von den USA lernen, heißt siegen lernen" ersetzt.

Auf Sputnik  war eine interessante Analyse hierzu zu lesen: Deutschland habe sich, in dem es sich in die Gegnerschaft zu Russland begeben habe, in eine geopolitische Falle locken lassen: Kurzzeitlich würden die USA die deutsche Hegemonie in Europa für diesen Preis stützen, um anschließend die osteuropäischen Länder, die durch ihr in den USA ausgebildetes neoliberales Personal voll unter US-Kuratell stünden (Polen & das Baltikum), volles containment Deutschlands durchzuführen (- dem die frustrierten südeuropäischen Länder dann auch nichts mehr entgegesetzen wollen würden, weil ihnen das hegemoniale Auftreten Deutschlands rechtschaffen auf die Nerven geht).

Da ist sehr viel dran.

Vor allem ist aber allein schon das hegemoniale Begehren prinzipiell abzulehnen. Und der Revisionismus als ideologisches Instrument widerwärtig.

Man kann nur hoffen, dass erst durch Griechenland, dann durch Podemos in Spanien die europäische Linke einen derartigen Auftrieb bekommt, dass das gesamte Hegemonialbestreben ins Stocken kommt. Auch hoffe ich, dass Aufstände in den USA zunehmen & deren Administraton innenpolitisch genug zu tun bekommt.

Lateinamerika ist jedenfalls zuverlässig auf einem guten Weg & sichert sich die politische Hilfe & zunehmend auch die militärische Absicherung seiner wachsenden Unabhängigkeit durch Kooperation mit Russland & Spanien.

Wir leben auf jeden Fall in Umbruchszeiten.... Wenn solche nicht nur so gefährlich wären.... (Und wenn man wüsste, es geht am Ende gut aus...)

Herzliche Grüße,

Anja

 

Bild des Benutzers Aussi43

 

Hi alphabetta,

Ich wollte auf Ihren Beitrag schon vor zwei Tagen reagieren, bin aber nicht dazu gekommen. Das ist vielleicht auch gut, weil ich so die anschliessende Diskussion mit lesen konnte.

Ich finde es auch wichtig, das Thema des deutschen Massenmordes an Juden und anderen ausgegrenzten Gruppen der europaeischen Bevoelkerung immer  wieder zu thematisieren. "Auschwitz" als pars pro toto zu verwenden finde ich nicht richtig, weil es die Aufmerksamkeit auf eine Opfergruppe (die groeesste) fokussiert. Sinti, Roma, Homosexuelle beispielsweise, die auch nach dem Krieg weiter verfolgt wurden, werden durch die "Auschwitz-Fixierung"  des Gedenkens leicht vergessen.

Die ca. 2 Mio russischer Kriegsgefangener, die unter den Augen der deutschen Zivilbevoelkerung verhungerten, werden bei den Auschwitz-Gedenkfeiern schon gar nicht erwaehnt.

Mir geht es aber um einen weiteren Punkt, den Sie in Ihrem Beitrag dankenswerterweise erwaehnt haben: die Beteiligung der Zivil(!)bevoelkerung am Morden in den von deutschen besetzten Staaten. Die gab es fast ueberall in Europa. In Litauer wars schlimmsten. Dort gab es Progrome bereits vor dem deutschen Einmarsch. Die Litauer haben ihre juedische Bevoelkerung durch die Strassen gejagt und viele mit Knueppeln erschlagen. (In "Bloodlands" wird das im Einzelnen dokumentiert.) Das wird heute natuerlich  verschwiegen. Die Litauer verkaufen sich nur noch Opfer. Danke dass sie diesen Sachverhalt angesprochen haben. 

In anderen besetzten Laendern gab's meist "nur" Kollaboration  durch Denunziation.

In diesem Zusammenhang muss man die Daenen erwaehnen, die  in einer kollektiven Aktion "ihre" Juden mit allen verfuegbaren Booten nach Schweden gebracht haben. Eine wunderbare Ausnahme, die immer noch zu wenig bekannt ist.

 

Ja, in Dänemark haben sich ja auch führende Mitglieder der Gesellschaft. darunter die Königsfamilie, solidarisch den gelben Stern mit angesteckt, bis diese Anordnung für Dänemark durch die Besatzungsbehörden aufgehoben wurde.

Allerdings herrschte auch in Dänemark ein etwas anderes Besatzungsregiment. Die Besatzung oblag hier Otto Best, einem Mitglied der traditionellen preußischen Kreise des Militärs, während in Osteuropa grundsätzlich beinharte Nazis wie ein Heydrich in die Chefpositionen gesetzt wurden.

Das rassistische Grundkonstrukt der Naziideologie wirkte sich für die Dänen als "Arier" im Nazijargon natürlich auch vorteilhaft aus --- im Vergleich.

Dass die Rituale um Auschwitz nie dem Ansehen der Sintis & Roms gedient haben, ist allerdings wiklich ebenso skandalös wie unlogisch: Schließlich sind die ja auch dort ermordet worden. Aber sie hatten eben nirgendwo eine Lobby, während die Diskriminierungssituation überall existierte, wo sie lebten.

Ich habe darüber kürzlich mit türkischstämmigen Schülerinnen diskutiert, die fragten, warum denn "die Zigeuner" Leute seien, die sich nirgendwo "integrieren" könnten. (Einer von ihnen war von einer Gruppe ungarischer Roma-Teenager ein Portemonnaie gestohlen worden.) Als ich ihnen erklärte, dass es sich hier um eine Menschengruppe handle, die nirgendwo auf der Erde je hätte frei von Diskriminierung & übler Nachrede leben können & hierzu zahlreiche Beispiele gab, reagierten sie sehr betroffen.

Diskriminierungserscheinungen sind übel. Übler aber noch, wenn sie aus bloßem machtpolitischen Kalkül gefördert & bis zu offenem Gewaltausbruch gesteigert werden.

Hoffen wir, dass sich die Katze, die im Osten Europas aus dem Sack gelassen wurde, da wieder reinstecken lässt & sie sich nicht zu einem reißenden Tiger steigert.

Herzliche Grüße,

Anja

Dass die Sicht Jakob van Hoddis' heute vor allem viele junge säkulare=linke Israelis teilen, zeigt ein aktueller Artikel auf Telepolis: Berlin feiert Rekordeinwanderungen aus Israel, fast 35000 leben schon dort, Tendenz steigend. Als Gründe werden die Enge, der Militarismus (junge Familien wollen ihre Kinder nicht in jedem Krieg verheizen lassen, den die Nationalreligiösen anzetteln), die hohen Kosten des Lebens in Israel & die zunehmende geistige Enge durch die immer stärkere Dominanz der religiösen Rechten genannt.

http://www.heise.de/tp/artikel/43/43928/1.html

Lesenswert!

Bild des Benutzers fahrwax

Einmal mehr Dank für den verlinkten Inhalt.

Er ist sehr lesenswert.

Das die aufgeklärteren Teile der israelischen Bevölkerung die, zu einem großen Teil - aber nicht nur - aus überlebtem Massenmord erkärbaren, Zwangsläufigkeiten des dortigen Geschehens nicht als "lebbar" empfinden können, ist verständlich. Wird hier informell gern verschwiegen.

Das dem Käfigbewohner die Kosten für Installation seiner Gitter abzupressen sind, die "Außenverteidigung" als eine unumgängliche Notwendigkeit dargestellt wird, obwohl es die Käfighaltung  ist, die erst die Agression produziert - kein allein israelisches Modell. Dort nur besonders naheliegend nutzbar.

Jedes "Festungssystem" lebt vom äußeren Feind, verliert seine Existenzberechtigung ohne ihn. Das dabei die inneren Widersprüche allerbest verdeckt und festgeschrieben werden können, beweist die gegenwärtige europäische Situation ebenso.

Das dabei der, bei Heise erwähnte, Yoghurtpreis jedenfalls einen beachtlichen Indikator der inneren Zustände des Festungslebens, die Käfigkosten darstellt, ist naheliegend.

Ebenso wie die Tendenz des Käfiginsassen zur Neurose. Der Gläubig-Überzeugte Insasse hält seine Neurose für eine unverzichtbare Notwendigkeit, sein äußeres Gitter beschert ihm eine persönliche innere Sicherheit - ohne sein Gitter 'fällt ihm sein Himmel auf den Kopf, bricht seine Welt zusammen'.

Glaubt der Ärmste.......

Leider bringen auch größere Käfige, wie der Berliner, bestenfalls Linderung - keine Erlösung vom Elend der Käfighaltung und der Zwanghaft dazugehörenden Neurose.

Die Mauern und die Gitter müssen weg, sonst nimmt das ein schlimmes Ende. Die in den Köpfen zuerst......

Ergänzung:

Artikel zu einer von den Machern von "Liza ruft!" begleiteten Veranstaltung mit der Protagonistin ihres Film-Projekts, Fania Bracowskaya:

Fania Branzowskaja erzählt in jiddischer Sprache vom Holocaust

Am 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee war die Partisanin zu Gast in der Elberfelder City-Kirche.

Die ehemalige Partisanin und Zeitzeugin Fania Branzowskaja (l.).
Die ehemalige Partisanin und Zeitzeugin Fania Branzowskaja (l.). Schwartz, Anna (as)

Die ehemalige Partisanin und Zeitzeugin Fania Branzowskaja (l.).

Wuppertal. Selbst die Treppenstufen zur Empore der City-Kirche in Elberfeld waren voll besetzt, und alle lauschten gebannt und bewegt den Worten einer kleinen Frau aus Litauen: Fania Branzowskaja., Jüdin, 92 Jahre alt, eine der wenigen Überlebenden des Holocaust, die in jiddischer Sprache mit deutschen Einsprengseln von ihrer Zeit im Ghetto von Wilna (heute Vilnius) berichtete.

Die anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee eingeladene einstige Partisanin saß zusammen mit der Wuppertaler Musikerin Roswitha Dasch, die auch durch den eindrucksvollen Abend führte, und fünf Jugendlichen aus der zwölfköpfigen Gruppe, die im September vorigen Jahres das KZ besucht hatten. „WIR gegen das Vergessen“ nennt sich die Gruppe, deren Mitglieder an den Kirchenwänden ausgestellte Fotos aus dem Vernichtungslager ausgesucht und das in Auschwitz Gehörte und Gesehene fassungslos kommentiert hatten.

Fania Branzowskaja, deren Familienmitglieder durch die deutschen Besatzer umgekommen waren, war 1943 unmittelbar vor Liquidierung des Ghettos, gleichbedeutend mit der Ermordung der noch vorhandenen Bewohner, geflohen und hatte sich einer Widerstandsgruppe angeschlossen, die in den Wäldern von Vilnius operierte. Vital und mit erstaunlichem Temperament schilderte die heute noch im Jiddischen Institut der Universität Vilnius tätige Litauerin ihr Schicksal. Ihre nicht immer leicht verständlichen Ausführungen hinterließen ähnlich großen Eindruck wie die Einführungsworte von Roswitha Dasch, die zusammen mit Katharina Müther auch für die musikalische Gestaltung des Gedenkabends sorgte. Mit Violine und Akkordeon und glockenreinen Stimmen intonierten die beiden Künstlerinnen Lieder, die im Ghetto entstanden waren und Wehmut aber auch Lebenskraft ausdrückten.

„Weshalb bist Du so um uns Jugendliche bemüht?“, wurde die Zeitzeugin aus dem Kreis der Jugendgruppe gefragt. „Weil Ihr die Zukunft seid“, so die trotz des erlebten Leids lebensfroh wirkende Fania Branzowskaja unter dem stehenden Applaus der Besucher. Den Wunsch nach „Gesundheit und Frieden“ gab die liebenswerte Greisin den Anwesenden mit auf den Heimweg.

http://www.wz-newsline.de/lokales/wuppertal/fania-branzowskaja-erzaehlt-...