29 Jan 2015

Anden-Sonnenwende (2 -4)

Submitted by costa esmeralda

Jenseits des christlichen Weihnachtsfestes

Anden-Sonnenwende (2 - 4)

Suche nach der verlorenen Freiheit 

Foto: Wikimedia Commons, Handarbeit aus Argentinien, Chacana (Kreuz des Südens), die das dreistufige Universum aus der Sicht der Andenvölker symbolisiert, mit der Sonne im Zentrum

Vorbemerkung: Eventuelle Ähnlichkeiten von lebenden Personen mit in dieser fiktiven Erzählung beschriebenen Menschen wären rein zufälliger Natur. Kulturgeschichtliche Erläuterungen sind von mir in Schrägschrift eingefügt.

Folge 2

Der erste Arbeitstag des Seminars „Kosmovision der Andenvölker als Quelle des Widerstandes gegen Kirche und Staat“ begann am Morgen des 20. März 1996 mit der Frage, ob es denn eine einheitliche Kosmovision überhaupt gäbe. Francisco Amaru versuchte zu Beginn, eine Zusammenfassung zu geben:

            „Die Kosmovision bzw. Weltanschauung der Andenvölker wird am besten anhand der chacana  (Kreuz des Südens) beschrieben:

Seit Besiedlung des Andenraumes (mindestens seit 10 Tausend v. Ch.) haben die dort siedelnden Völker ein gegenseitiges respektvolles Verhältnis zur Natur und seiner Phänomene entwickelt. Man kann ihre Weltsicht als Animismus und Pantheismus bezeichnen. Wie die „chakana“ (Kreuz des Südens) symbolisiert, gehören dazu die drei Welten: „Himmelswelt“ (mit Sonne, Mond, Sternen, Wind, Regen, Blitz, Donner), Erde (mit Pflanzen, Tieren, Menschen, Feuer, Landschaften) und „Unterwelt“ (Meere, Seen, Höhlen, etc.), die jeweils durch den Condor, den Puma und die Schlange symbolisiert werden. Diese drei Welten werden als belebte Einheit gesehen, auch die Toten sind Teil dieses lebendigen Universums. In der Prä-Inkaepoche wurde die „pacha mama“ (Mutter Erde) als herausragende „Gottheit“ verehrt, aus der alles Leben, einschließlich das Leben der Menschen, hervorgeht, die als Teil der Erde, der Natur, sich deren Gesetzen zu unterwerfen haben. Mit Beginn der Herrschaft von Pachacutec (1438), dem neunten Inka, der die Expansionsphase des Inkareiches und seine eigentliche Staatsgründung einleitete, wurde die vormals nicht hierarchisierte Götterwelt hierarchisch gegliedert und allen dem Inkareich einverleibten Völkern als „Staatsreligion“ anheimgegeben . Dem allmächtigen, abstrakt gedachten Lenker des Universums, „viracocha“, wurden zuerst „inti“ (Sonnengott) dann“ mama killa“ (Mondgöttin und Ehefrau des Sonnengottes) und „pacha mama“ (Mutter Erde) beigeordnet. Die übrige Götterwelt blieb für jedes Volk bestehen, sowie sie bereits als Totemismus der Prä-Inkazeit existierte.“   

            Im Anschluss an diese Definition entspann sich eine lebhafte Debatte. Die 15 Anthropologen und ihre 5 Kolleginnen waren um einen runden Tisch im einzigen Tagungssaal des Hotels „Imperio del Sol“ versammelt. Dieser Saal bot durch seine drei wandhohen Fensterseiten einen atemberaubenden Blick über die Insel zum See und zur gegenüberliegenden Gletscherkette. Die Teilnehmer fühlten sich buchstäblich im Freien sitzend und gaben sich bedingungslos der durchdringenden morgendlichen Lichtflut dieser ihnen „heilig“ erscheinenden Landschaft hin.

            Maria Suyana saß an Francisco Amarus rechter Seite. Während er sprach, hatte er Marias Hand unter dem Tisch ergriffen. Bei jedem Wort fühlte sie, wie seine Wärme sie mehr und mehr durchströmte. In Gedanken erlebte sie abermals die vergangenen Stunden seit ihrem Wiedersehen am Vortag. Beim Einchecken im Hotel waren sie sich einig, benachbarte Zimmer zu nehmen. Beiden schien es von Beginn an, als müssten sie diese Seminarwoche bis zum letzten Tropfen auskosten. Sie wüssten ja nie, ob sie sich zukünftig jemals wieder begegnen würden.

            Bis zum gemeinsamen Abendessen der Gruppe hatten sie noch zu einem Nachmittagsspaziergang auf der Insel Zeit. Da es gegen Abend auf 4000 Meter Höhe empfindlich kalt wurde und die Nacht bald hereinbrechen würde, machten sich die beiden, dick in chompas  und chaquetas  (Pullover und Jacken) eingehüllt, sogleich auf den Weg zu den Inka-Ruinen Pillkukayna. Die anderen Teilnehmer des Seminars ahnten, dass Maria und Francisco diese Woche über unzertrennlich sein würden und drängelten sich nicht in ihre Zweisamkeit.

            Sobald sie außer Sichtweise des Hotels kamen, setzten sie ihren Weg eng umschlungen fort. Auf halbem Wege vom steinigen Hügelrücken hinunter zu den Ruinen suchten sie sich einen Platz auf der Kante einer von den Indios aufgeschichteten Terrasse. Beide verharrten schweigend, in sich gekehrt, wie gemeinsam der Welt entrückt, den Blick über die Ruinen hinaus auf den See gerichtet.

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Foto: Wikimedia Commons (2008), Inka-Ruinen von Pillkukayna auf der Isla del Sol, Autor: Steve Bennet

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            Ohne Worte kehrten sie nach einer zeitlosen halben Stunde wieder zum Hotel zurück. Ohne Worte wussten sie, dass diese Nacht und die folgenden Nächte auf der Isla del Sol nur ihnen beiden gehören würden. Maria ahnte, dass die pacha mama ihre so innig herbeigewünschte Fruchtbarkeit nicht verweigern würde, und dass sie diese magischen nächtlichen Begegnungen mit Francisco nie vergäße.

            Obwohl sie bewusst gegen eines der drei Leitworte des Inkareiches tahuantinsuyo:   (Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht lügen! Du sollst nicht faul sein!), nämlich das Lügenverbot, verstoßen hatte, gab sie sich dem Zauber der Vereinigung mit Francisco ohne jegliche Schuldgefühle mit allen ihren Sinnen hin. Sie hatte ihn im Glauben gelassen, sie hätte schon die geeigneten Vorsichtsmaßnahmen gegen eine Schwangerschaft getroffen.

Fortsetzung 3 folgt

 

Jenseits des christlichen Weihnachtsfestes

Anden-Sonnenwende (3)

Die „Suche nach der verlorenen Freiheit“ ist nicht die Weihnachts-Geschichte von Maria und Josef sondern die Sonnenwend-Geschichte von Maria Suyana 

Foto: Wikimedia Commons, 9. Inkaherrscher Pachakutec im Templo des Sol von Cuzco dem Sonnengott „inti“ huldigend, Zeichnung des Chronisten Martín de Murúa um 1580 – 1600. (Tempel zu Ehren des Sonnengottes „inti“ wurden im Inkareich zur höchsten Kultstätte der andinen Religiosität)

Vorbemerkung: Eventuelle Ähnlichkeiten von lebenden Personen mit in dieser fiktiven Erzählung beschriebenen Menschen wären rein zufälliger Natur. Kulturgeschichtliche Erläuterungen sind von mir in Schrägschrift eingefügt.

Folge 3

Die Ausführungen von Francisco Amaru über die andine Kosmovision ergänzte Maria Suyana mit ihrer Sichtweise:

„Die Frage nach einer einheitlichen Kosmovision der indigenen Andenvölker ist so einfach nicht zu beantworten. Sicher gibt es, wie das Beispiel der chacana  (Kreuz des Südens) zeigt, gemeinsame Elemente eines Weltverständnisses, das vor allem seit der „Staatsgründung“ des Inkareiches (tahuantinsuyo) durch Pachakutec  (die Regentschaft des 9. Inka begann 1438) seinen Ausgang nahm. Aber man muss bedenken, dass die Entstehung des Inkareiches ausgehend von der Region um Cuzco bis hin zu seiner Blütezeit um 1525, dem Todesjahr des 11. Inkaherrschers Huayna Cápac, in der das Reich eine Ausdehnung von mehr als 5000 km erreichte, in nicht einmal einhundert Jahren stattfand. In der Prä-Inkaepoche gab es zahlreiche verschieden entwickelte animistische Völker mit unterschiedlicher Kosmovision und Götterwelt, unterschiedlicher technologischer Entwicklung, verschiedenartiger Sprachen und spezifisch ausgeprägten Anpassungen an die jeweiligen ökologischen Systeme, in denen sie beheimatet waren. Es grenzt beinahe an ein Wunder, dass in der kurzen Zeitspanne von weniger als hundert Jahren ein derartiges zusammenhängendes politisches Gebilde wie das Inkareich zustande kam, das von Norden nach Süden in einem Stück zu durchwandern mindestens 200 Tage in Anspruch nahm.“ 

            Ein anderer Teilnehmer des Seminars fügte hinzu: „Die im damaligen tahuantinsuyo versuchte Vereinheitlichung der Kosmovision als sogenannte Staatsreligion konnte nur im Zusammenhang mit der Staats- und Nationenbildung gelingen. Pachakutec legte zuerst durch die Staatsbildung mithilfe eines ausgeklügelten Systems militärischer und administrativer Herrschaft die Grundlagen für das Reich. Das geschah durch strickt hierarchisch gegliederte soziale Schichten in Feudalschicht, Militär, Verwaltung, Handwerker- und Bauernschaft sowie unterjochte Arbeiterschaft von besiegten Völkern für den Bau öffentlicher Infrastrukturen wie Straßen, Kultstätten, Verteidigungsanlagen, Terrassenbau, Bewässerungskanäle und Lagergebäude für landwirtschaftliche Produkte und Textilien. Die Nationenbildung wurde gleichzeitig mit einer „Heiratspolitik“, (bei der die curaca eines Volkes die Töchter der curaca  der neubesiegten Völker zur Frau nahmen) der Einführung des Quechua als Staatsprache und der Verbreitung der Kosmovision der Inka als kulturelle Klammer für alle Völker gefördert, um neben der Identität eines jeden Volkes eine Identität mit dem Gesamtreich zu erzeugen. Dieses Unterfangen gelang jedoch nur in begrenztem Masse in diesen wenigen Jahrzehnten vor Ankunft der spanischen Conquistadores. Das zeigte sich schon daran, dass es den europäischen Kolonialisten gelang, einen Teil der Andenvölker auf ihre Seite zu bringen, um die Herrschaft des Inkareiches zu zerstören.“

            Hier hakte Maria nochmals ein: „Dieser unterbrochene Prozess einer einheitlichen andinen Nationenbildung innerhalb des Inkareiches erhielt auf der spirituellen, religiösen Ebene einen gewaltigen, von der Kolonialmacht unbeabsichtigten stärkenden Schub, da die geteilte Kosmovision der Menschen im Inkareich die Bedeutung eines geistig-seelischen Fluchtortes angesichts der grausamen Unterdrückung durch die Conquistadores bekam. Wenn auch die Pfaffen während der Kolonialzeit und ebenso danach in den unabhängigen Republiken mit der Bibel, dem Kreuz und gleichzeitig mit der Peitsche in der Hand den ursprünglichen pantheistischen Glauben in einen christlichen kanalisierten, so sind doch die überlieferten Elemente der Kosmovision des Inkareiches nach wie vor so stark, dass es nur einer emanzipatorischen Bewegung bedarf, um einer neuen Identitätsbildung der indigenen Andenvölker auf die Beine zu verhelfen. In den nächsten zehn Jahren, die von den Vereinten Nationen als Entwicklungsdekade der indigenen Völker von 1996 bis 2005 deklariert wurden, sollten wir, die wir das erstmalige Privileg von akademischen Studien hatten, uns darauf besinnen, wie wir die Erneuerung der andinen Kosmovision nutzen können, um unseren Völkern zur Freiheit zu verhelfen. Das wird sicherlich erst einmal länderspezifisch geschehen. Aber die heutigen Möglichkeiten des massenhaften Austausches von Angehörigen unserer indigenen Völker über Landesgrenzen hinweg, wird sicherlich einer transnationalen andinen Identitätsfindung  förderlich sein.“

            Dieser Aussage stimmten alle Seminarteilnehmer einhellig zu. Es wurde auch auf die Tatsache hingewiesen, dass alle jüngsten revolutionären Bestrebungen gegen den von nationalen Oligarchien beherrschten Staat und Kirche an den indigenen Völkern vorbeigingen und sich im Wesentlichen auf die verarmte Mestizenbevölkerung konzentrierten. Beste Beispiele für den Fehlschlag, indigene Völker in den antikapitalistischen Kampf einzubinden, waren die Revolutionsversuche von Che Guevara in den 60er Jahren in Bolivien, vom maoistischen „Sendero Luminoso“ (Scheinender Pfad) in Peru in den 80er und 90er Jahren sowie von den kommunistischen Parteien in den südamerikanischen Ländern. All diesen Befreiungsversuchen ist gemein, dass ihnen die Kosmovision der andinen Völker völlig wesensfremd blieb, was auch bewusster und unbewusster Ausdruck von Superiorität und Rassismus gegenüber den autochthonen Kulturen war.

            Nach einem Tag, der überquoll an Gedanken über die Bedeutung der gemeinsamen kulturellen Wurzeln der Andenvölker für die Gegenwart und an Ideen für einen zukünftigen Emanzipationsprozess dieser Völker, fanden sich Maria und Francisco wie am Vorabend vereint in Marias Zimmer und lebten ihre Liebe ungehemmt bis zur Erschöpfung aus. Böse Zungen hätten behaupten können, der Herr des Universums Viracocha  hätte ein zeitgenössisches Paar Manco Cápac und Mama Ocllu auf der Isla del Sol zusammengeführt, um der Wiederbelebung der andinen Kosmovision auf die Sprünge zu helfen.

            „Maria, erzähl mir einmal, warum Du nicht verheiratet bist? Lebte ich in Cotacachi, ich würde nichts unversucht lassen, Dich zu erobern,“ begann Francisco unvermittelt eine Unterhaltung, als sie aneinandergeschmiegt den kalten Nachtwinden lauschten, die ums Hotel fegten. „Warum ist eigentlich nichts aus der Geschichte mit Deinem englischen Freund John geworden?“ 

            „Mein lieber Francisco, selbst, wenn Du als Junggeselle in Cotacachi wohntest, würde ich mir bei aller Liebe zu Dir eine feste Beziehung dreimal überlegen. Ich glaube kaum, Du könntest in einer Verbindung leben, in der Deine Partnerin eine ebensolche Rolle in der Gemeinschaft spielt wie Du. Du siehst, dass Deine Frau für Dich genau die traditionellen Aufgaben in der Ehe wahrnimmt, die Frauen stets in unserer andinen Kultur ausführten, das heißt ganz für die Familie und engere Gemeinschaft da zu sein. Stell Dir nur einmal vor, sie würde wie ich in der Weltgeschichte herumreisen, um die Verteidigung unserer Kultur nach Außen wie nach Innen zu vertreten. Du hättest Dich längst scheiden lassen oder aber Dir Liebhaberinnen angeschafft.“

            Maria wartete gar nicht erst Franciscos Protest ab und fuhr fort: „Ja, die Geschichte mit John hatte für mich eine besondere Bedeutung. Wir hatten uns auf der Zugfahrt von Cuzco nach „Aguas Calientes“ am Fuße der wiederentdeckten Inkastadt „Machu Picchu“ kennengelernt.

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Foto: Wikimedia Commons (2009), Weltkulturerbe Machu Picchu, Peru, Autor: Martin St-Amant

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            Ich machte die Abschlussfahrt mit meiner Klasse zu den wichtigsten „heiligen“ Stätten unserer Andenkultur, nach Cuzco, dem „Valle Sagrado“ (Heiliges Tal), „Ollantaytambo“ und „Macho Picchu“. Im Zug setzte sich John, der die Reise mit seinen wohlhabenden, typisch englischen Eltern angetreten hatte, dreist neben mich, um mich sogleich nach allen möglichen Aspekten unserer Kultur auszufragen. Mein Englisch war zwar noch holperig, aber wir konnten uns mithilfe von allerlei Gesten verständlich machen. Im Laufe dieser Zugreise und der Besichtigung von Machu Picchu, dem Weltkulturerbe, wich John nicht von meiner Seite. Mir war das nicht sehr angenehm, aber unser Lehrer meinte, ich müsste nett zu den Touristen sein. Für John und seine Eltern war ich sicher genau die exotische Person, mit der sie Peru und die Anden assoziierten, zumal ich wie gewöhnlich meine traditionelle Otavalo-Kleidung trug. John und der Anwesenheit seiner Eltern war es zu verdanken, dass ich dieses phantastische Machu Picchu gar nicht recht genießen konnte. Der junge blonde Mann an meiner Seite machte mich einerseits neugierig, andererseits ging er mir auch reichlich auf die Nerven. Jedenfalls tauschten wir auf der Rückfahrt nach Cuzco unsere Adressen aus. John meinte, falls ich die Gelegenheit hätte, in England zu studieren, müsste ich unbedingt seine Familie und die, wie er meinte, unübertroffene Kultur des Vereinigten Königreiches kennenlernen.  

            Tatsächlich gelang es mir, nach einem Jahr englischen Sprachstudiums in Quito ein Stipendium für Oxford zu bekommen, wo ich mich in Anthropologie und Kunstgeschichte einschrieb. John studierte damals bereits im dritten Jahr Betriebswirtschaftslehre in Cambridge. Seine Eltern hatten im nordwestlichen englischen Lake Distrikt einen großzügigen Gutsbesitz, wohnten aber in einem vornehmen Landhaus im Süden Londons. Der Vater war im Bankensektor tätig. Wahrscheinlich lag es an meinen fehlenden sozialen Kontakten, dass ich mich einzig auf die Beziehung mit John konzentrierte, der jedes Wochenende im eigenen Auto von Cambridge nach Oxford herüber kam. Allmählich begann ich mich in ihn zu verlieben. Es war meine erste Liebe. Durch ihn entdeckte ich meine Sexualität. John war immer ganz aus dem Häuschen, wenn er in Oxford ankam und in mein kleines Zimmer stürzte. Für ihn gab es nur zwei Interessen: Nimmersatte Liebe mit mir und mich Herumführen in seiner Bekanntschaft und seiner Familie. Ich bemerkte anfangs gar nicht, dass ich für ihn so etwas wie eine Trophäe aus fernen Landen war, die er überall vorstellen musste wie eine andine Märchenprinzessin. Mit der Zeit bemerkte ich auch, dass andere Studienkollegen von John mit jungen Studentinnen aus anderen Kontinenten angaben, als seien wir nur dazu da, die Virilität unserer englischen Liebhaber zu unterstreichen.

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Foto: Wikimedia Commons (1895), Oxford, High Street, unbekannter Autor aus Zürich

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            Johns Interesse für unsere Anden-Kultur war ein sehr oberflächliches. Seine Zukunftsperspektive bestand darin, einmal in die Fußstapfen seines Vaters zu treten und den ohnehin schon reichlichen Familienbesitz zu mehren. Immer drängte er mich dazu, mir die neueste englische Garderobe anzuschaffen, um auf den gesellschaftlichen Anlässen seiner Familie mit mir zu glänzen. Ich begann mich allmählich als schmückendes Anhängsel zu fühlen, das sich widerspruchslos in die Normen der gehobenen englischen Schichten einzuordnen hatte. Viele Freunde von Johns Vater waren reiche Geschäftsleute und Diplomaten. Oft waren sie mit ausländischen Frauen verheiratet, die im Laufe ihres Lebens ihre ursprüngliche Identität aufgegeben hatten und stolz waren, jetzt zur englischen Elite zu gehören.

             Der endgültige Bruch mit John und auch meine Entscheidung, einen Eintritt in die europäische materialistische, eigensüchtige Lebensweise nie mehr in Betracht zu ziehen, erfolgte etwa ein Jahr vor meinem Schlussexamen. Diese Entscheidung brachte mir meine innere Ruhe und Festigkeit zurück. Wir verbrachten die Sommerferien auf dem Landgut. Johns Eltern hatte zu einer Party geladen. Zufällig wurde ich Zeuge einer Unterhaltung zwischen John und seinen Eltern. Die Drei hatten angenommen, ich sei noch auf unserem Zimmer und damit beschäftigt, mich für den Empfang der erwarteten hohen Herrschaften fertigzumachen. Hinter halb angelehnter Tür zum großen Salon redeten Vater und Mutter auf John ein, wie er mich den Gästen präsentieren sollte. Anscheinend hatten sie wohl schon ausgemacht, in welcher Weise ich als zukünftiges Mitglied der Familie akzeptiert werden könnte. Niemand dürfte den Eindruck gewinnen, ich käme aus einer ganz gewöhnlichen Indiofamilie und wäre, wie sie es bezeichneten, in heidnischem Glauben aufgewachsen. John sollte meine Familie als eine respektable Christenfamilie bezeichnen, die tief in jahrhundertealter katholischer Tradition verankert sei.

            Francisco, ich war damals gerade einmal 25 Jahre alt. Du kannst Dir vorstellen, wie mich dieses Gespräch anfangs traf. Vor allem auch, weil John keinen Widerspruch einlegte und genau das tat, was seine Eltern ihm vorschrieben. Doch erwähnte ich John gegenüber nicht, dass ich unbeabsichtigt Zeuge dieser Unterhaltung geworden war. Ich machte ihm keine Vorhaltungen, zog mich nur Stück für Stück von ihm zurück und ließ ihn wissen, dass ich meine Zukunft in meiner Heimat sähe, auf dessen Traditionen ich stolz sei, und die ich niemals aufgeben würde. Der plötzliche Schmerz öffnete mir die Augen für mein zukünftiges Leben und ebnete mir den ersten Schritt zu meiner inneren Befreiung. Wenn ich auch zu Beginn meines Studium in England bisweilen Komplexe wegen meiner Herkunft hatte, dieses Erlebnis auf dem Landgut von Johns Eltern im Lake Distrikt war für mich das Schlüsselerlebnis für meine beginnende Identitätsfindung als bewusstes Mitglied der andinen indigenen Völkergemeinde.“

            Bei diesen letzten Worten musste Maria an sich halten, um nicht in Tränen auszubrechen. Die Eindrücke aus dem Lake Distrikt traten mit einem Mal wieder so stark hervor, dass sie Francisco ganz fest umarmen musste, um sich ihrer heimatlichen Ursprünge zu vergewissern.     

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Fortsetzung 4 folgt

                     

Jenseits des christlichen Weihnachtsfestes

Anden-Sonnenwende (4)

Die „Suche nach der verlorenen Freiheit“ ist nicht die Geschichte von Maria und Josef sondern die Geschichte von Maria Suyana 

Foto: Flickr.com, Laguna de Cuicocha („Laguna de los Dioses“ – „Götter-Lagune“), Lagune von Cuicocha (ehemaliger Krater) am Fuße des dahinter aufragenden Vulkans Cotacachi 

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Vorbemerkung: Eventuelle Ähnlichkeiten von lebenden Personen mit in dieser fiktiven Erzählung beschriebenen Menschen wären rein zufälliger Natur. Kulturgeschichtliche Erläuterungen sind von mir in Schrägschrift eingefügt.

Folge 4 und Schluss

            Am Morgen des 21. Dezember 1996 bat Maria ihre Mutter und Großmutter, sie zur Laguna de Cuicocha, im Volksmund auch „Götter-Lagune“ genannt, zu fahren. Diese liegt etwa 600 Meter oberhalb der kleinen Stadt Cotacachi auf mehr als 3000 Meter Höhe und befindet sich am Fuße des sich auf über 4.900 Meter Höhe erhebenden Vulkans Cotacachi. Dieser Vulkan im Westen der Stadt Cotacachi ist in der Anden-Mythologie der warmi rasu, der Frauen-Berg, dessen männliches Pendant der kari rasu, der östlich von Cotacachi gelegene Männer-Berg („Imbabura-Vulkan“) ist. Hier wie überall in den Anden ist der Dualismus und die Komplementarität der Geschlechter Wesensmerkmal der Kosmovision der autochthonen Völker.     

            Maria Suyana wollte am Ufer der Laguna de Cuicocha noch vor der Geburt ihres Sohnes, die jederzeit einsetzen könnte, Zeit zu einer Meditation finden und Wasser aus der Lagune schöpfen, das sie nach der Rückkehr ins elterliche Wohnhaus zur Reinwaschung benötigen würde. Die übliche Zeremonie des Reinwaschens zur Sommer-Sonnenwende (inti raymi) in der Lagune wollte sie ganz nach den alten Regeln aus der Zeit des Tahuantinsuyo jetzt am Abend der Winter-Sonnenwende (cápac raymi) in der Intimität ihres Elternhauses feiern. Sie hoffte, dass dadurch die Geburt glücklich vonstattengehen möge. Das Lagunenwasser sollte auch zur Waschung des Neugeborenen dienen, so dass Mutter und Sohn durch das von der pachamama  (Mutter-Erde) fruchtbarkeit-spendende Wasser gestärkt in ein neues Leben gehen würden.   

            Mutter (mamita) und Großmutter (abuelita) widersprachen vehement Marias Wunsch, denn die Wehen könnten während der Fahrt hinauf zur Lagune einsetzen. Aber auf Marias inständiges Bitten gaben sie schließlich nach, und so machten sich die drei Frauen auf den Weg zur Cuicocha-Lagune. Am Ufer des Bergsees angekommen wurden sie durch die sakrale Ausstrahlung der von der Morgensonne beschienenen Landschaft überwältigt und verfielen in wortlose Ehrfurcht vor der Schönheit dieser Götterwelt. Maria ahnte wie vor neun Monaten am Gestade der Isla del Sol im Titicacasee die Nähe des Herrschers des Universums und des Sonnengottes, viracocha und inti; sie fühlte sich beschützt von pachamama, und die Meditation beseelte sie mit Stärke und Freiheitswillen. Bevor die Frauen die Rückfahrt antraten, füllten sie noch zwei Wasserbehälter mit dem kalten Nass der Lagune.

            Für Maria war das geräumige Elternschlafzimmer im ersten Stock des heimatlichen Hauses hergerichtet. Im Erdgeschoss befand sich das gutgehende Lederwarengeschäft der Eltern. So wie im benachbarten Otavalo seit der Prä-Inkazeit das Textilhandwerk blühte, war Cotacachi für die Lederverarbeitung im ganzen Land bekannt.

            Maria bat die Familienmitglieder, sie in den letzten Stunden vor dem Einsetzen der Wehen allein zu lassen. Sie wollte sich in aller Ruhe der Reinigungszeremonie hingeben und sich innerlich auf den Geburtsakt einstellen. Noch einmal ließ sie in Gedanken die letzten neun Monate vorbeiziehen, beginnend mit dem Geschehen auf der Isla del Sol. Immer noch war sie felsenfest davon überzeugt, dass Francisco der rechte Vater ihres Sohnes sei. Sie hatte ihn ja so lieb. Doch mit ihm zusammen leben, auch wenn er Junggeselle wäre, käme für sie überhaupt nicht in Frage. Wie sie sich das von Beginn an vorgenommen hatte, ließ sie Francisco nichts von seiner Vaterschaft wissen. In der Zwischenzeit hatten beide gelegentliche Korrespondenz ausgetauscht, ansonsten folgten sie getrennten Wegen.

            Das Jahr 1996 war für die ecuadorianischen indigenen Völker ein besonderes Jahr. Dessen war sich Maria bewusst und in diesem Sinne sah sie der Geburt ihres Sohnes mit Optimismus entgegen. Die 1995 von der Konföderation der indigenen Völker (CONAIE) gegründete politische Partei „Pachakutik“ gewann bei den Parlamentswahlen in 1996 auf Anhieb 20% der Wählerstimmen. In Cotacachi wurde einer der ersten indigenen Bürgermeister im Lande gewählt. Im Rahmen der von den UN erklärten Entwicklungsdekade für die indigenen Völker auf der Welt führte Maria Suyana zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen eine nationale Enquête über die Lebensbedingungen dieser Völker im Lande durch. Dadurch sollten Grundlagen für eine Entwicklungsstrategie gegen Armut, Marginalisierung und Unterdrückung erstellt werden. Der kapitalistische Entwicklungsweg der nationalen Oligarchie trieb das Land immer weiter in den Ruin. Überlieferte soziale, ökonomische und politische Strukturen des Tahuantinsuyo könnten für eine nachhaltige Entwicklung aus dem Elend heraus wertvolle Anhaltspunkte geben, wie Alternativen zum natur- und menschenfeindlichen Kapitalismus entstehen könnten. Während des Tahuantinsuyo war die Ökonomie soweit fortgeschritten, dass sie allen Bewohnern ausreichende Nahrungsmittel sowie Kleidung und darüber hinaus Überschüsse für Not- und Katastrophenfälle garantierte: 

            Grundlage der sozialen Organisation im Tahuantinsuyo war der „ayllu“, (Gemeinde), dessen Chef ein jeweils auserwählter „curaca“ (Kazike) war, und in dem alle Familien gemeinsam Besitzer des zur Verfügung stehenden Landes waren. Jede Familie erhielt ein Nutzungsrecht auf ein Stück Land, das sich an der Zahl der Mitglieder pro Familie orientierte. Die Arbeit auf diesem Stück Land wurde nach dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe unter Nachbarn geregelt. Dazu gehörte auch die uneigennützige Arbeit für Alte und andere Bedürftige. Des Weiteren gab und gibt es bis heute das Gemeindeland, auf dem mit Hilfe der „minga“ (gemeinsame Arbeit aller Mitglieder des „ayllu“) Nahrungsmittel für die gesamte Gemeinde produziert werden (um bspw. Feste zu „finanzieren“ oder während der Inka-Epoche Nahrungsmittel für die Träger der weltlichen und religiösen Staatsverwaltung zu erzeugen). Dabei wurde die Nutzung der landwirtschaftlichen Flächen in nachhaltiger und ausgeklügelter Weise durch Terrassenbau und Bewässerungssysteme betrieben, um Erosion zu vermeiden.

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Foto: Revista agraria (Peru), Fernando Eguren, „Minga“ (kollektive Arbeit der Bewohner des „ayllu“ in den Hochanden),

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            Am frühen Nachmittag hatte die abuelita alle Vorbereitungen zur bevorstehenden Geburt getroffen, vor allem auch einen lauwarmen Kräutertee angerichtet, der helfen sollte, die Wehen einzuleiten. Die befreundete Ärztin war benachrichtigt und könnte jederzeit von Otavalo herüberkommen. Maria Suyana befand sich nach Stunden inneren Rückzuges in einer heiteren, gefassten Seelenverfassung. Jetzt könnten ihre Wehen einsetzen und jetzt wünschte sie auch die Menschen um sich, die ihr am meisten bedeuteten: ihre Eltern, die Großmutter und ihr jüngerer Bruder, der ihr in den letzten Jahren so etwas wie ihr männlicher Beschützer geworden war.

            Tatsächlich begannen ihre Wehen bei Einbruch der Dunkelheit. Die Gynäkologin wurde herbeigerufen und bestätigte nach ersten Untersuchungen, dass die Geburt wohl ohne jegliche Komplikationen verlaufen würde.

            Wenige Minuten nach  Mitternacht, der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember, dem cápac raymi, der Winter-Sonnenwende, gebar Maria Suyana ihren lang erwarteten Sohn, der mit gehörigem Schrei seinen ersten Schritt ins Leben setzte. Sie hätte die ganze Welt umarmen können, so glücklich war sie trotz ihrer körperlichen Erschöpfung. Die Pachamama hatte es mit ihr und ihrem Sohn gut gemeint. Beide waren gesund und stark. Ihr Sohn wurde mit dem Wasser der Cuicocha-Lagune gewaschen und sogleich Maria an die Brust gelegt. Jetzt füllte sich das Schlafzimmer. Familie und nahe Freunde beglückwünschten Mutter und Sohn. Dieser bekam den Namen: Juan Auki (Auki war der Titel des Inkasohnes, gleichbedeutend mit „Prinz“. Erst mit seiner Heirat wurde Auki zum Inca).   

            Für Maria Suyana und Juan Auki bedeutete die Winter-Sonnenwende 1996 den Beginn eines gemeinsamen Lebens im Bestreben für die Freiheit der andinen Völker. In diesem Sinne hatte Maria schon lange vorher den Beschluss gefasst, als erstes die Einrichtung einer Abteilung der Prä- sowie der Inkaepoche im Museum der Kulturen (Museo de las Culturas) in Cotacachi in Angriff zu nehmen.    

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Foto: Kantonsverwaltung Cotacachi, Museo de las Culturas (Museum der Kulturen), beinhaltet Abteilungen aus der Prä-Inkazeit, Inkazeit, Kolonialzeit und neuere Zeit, letztere  geprägt gleichzeitig durch Katholizismus und andiner Kosmovision

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Nachwort: In den letzten 18 Jahren bis zur jetzigen Winter-Sonnenwende 2014 hat sich im Andenraum sehr viel zum Besseren für die indigenen Völker entwickelt. Das ist insbesondere den Fortschritten auf den Gebieten der Erziehung und der Gesundheit zu verdanken sowie auch der Stärkung der Bewusstseinsbildung über die Gleichwertigkeit ihrer Kulturen mit anderen Weltkulturen. Ein besonderes Ergebnis ist in allen Andenstaaten der unbedingte Kampf für die Erhaltung der natürlichen Ressourcen und der überlieferten Kulturen. In Bolivien wurde erstmalig unter Evo Morales eine Staatsverwaltung eingerichtet, die von der 60%igen Mehrheit der indigenen Völker maßgeblich bestimmt wird. 

 

Ende der Geschichte

 

Panamá, Costa Esmeralda, Winter-Sonnenwende 2014

PS: Geschrieben in Erinnerung an Y. T. , der ich viele Einsichten in die Kosmovision der Andenvölker zu verdanken habe.