27 Feb 2017

Deutschland und seine Gewalttäter

Submitted by Delloc

Mehr als 3500 Angriffe auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte haben deutsche Gewalttäter im vergangenen Jahr (2016) bei uns begangen. Dabei wurden 560 Menschen (43 Kinder) verletzt. Das Bundeskriminalamt geht bei dem Großteil der Angriffe von einer rechtsextremen Motivation aus. Politiker sprechen von Rassisten, Neonazis und Kriminellen.
 Foto: Uwe Schulz via Spiegel.de

Der Vorteil von Etiketten ist ihre Orientierungsfunktion. Wenn „Erbseneintopf“ auf der Konserve steht, dann erübrigt sich die Information, welche Zutaten wo eingekauft wurden und in welcher Weise weiterverarbeitet wurden. Die Erklärung der Hauptbestandteile des Doseninhalts reicht für ihre Akzeptanz als Nahrungsmittels völlig aus.

Bei Nachrichten ist es ähnlich: „3500 Angriffe auf Flüchtlinge“ sind die Tatsachen, „Rechtsextremismus“, „Rassismus“ und „Kriminalität“ die Etiketten.

Was passiert dann im Kopf der Leser?

Es erfolgt automatisch eine abstrakte Kanalisierung, d.h. die 3500 Gewaltaktionen werden in den Gedankenregistern „Rechtsextremismus“, „Rassismus“ und „Kriminalität“ verbucht und logisch entsorgt. Natürlich wissen alle Leser, dass die Ursachen der Gewalt damit nicht verringert oder gar beseitigt sind. Doch allein das Gefühl, zu wissen, was es ist, wo die Verantwortung liegt und wer ggf. zuständig ist, führt zu einer nachhaltigen Beruhigung/Sedierung.

In „Die Gesellschaftliche Konstruktion Der Wirklichkeit“ haben die Soziologen Berger/Luckmann deutlich gemacht, wie wichtig das Zutrauen der Bevölkerung in die Wissenskompetenz der Politik ist, um Herrschaftsdiktate widerstandslos zu billigen.

Das vorliegende Beispiel erklärt auch eindrücklich, warum Wissen Macht ist und um die Deutungshoheit so heftig gestritten wird.

Wenn Rassisten und rechtsextreme Kriminelle für die Gewalttaten verantwortlich sind, dann wird im Grunde die Lösung des Problems schon mitgeliefert: nämlich gegen Rechtsextremismus und Rassismus vorzugehen.

Völlig unterdrückt wird die Erkenntnis, dass jede Form persönlicher Gewalt ein Ohnmachtsgefühl  kompensieren möchte und eine Veränderung der herrschenden Verhältnisse beabsichtigt.

Würde man nämlich diesen Zusammenhang ins Auge fassen, müsste man sich mit ganz anderen Etiketten beschäftigen: Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Armut, Verwahrlosung, Verrohung, um nur einige davon zu nennen.

Nur: diese Themen eignen sich nicht so gut, um Feindbilder außerhalb des Bürgerlichen Establishment zu profilieren, und deshalb werden lieber andere Etiketten geklebt.

Kommentare

Bild des Benutzers ebertus

Natürlich wissen alle Leser, dass die Ursachen der Gewalt damit nicht verringert oder gar beseitigt sind.

Und es scheint (mir) die primäre Aufgabe des politisch-großmedialen Komplexes, dieses Wissen zu schleifen, zu relativieren, die Ursachen auf keinen Fall zu thematisieren und jedes ernsthafte Hinterfragen in die entsprechend abwertenden Schubladen zu verweisen, auf der Alternativlosigkeit des systemischen Seins zu bestehen.

Bild des Benutzers Uwe Theel

Lieber Delloc,

Ich stimme der These, "dass jede Form persönlicher Gewalt ein Ohnmachtsgefühl  kompensieren möchte" zu, kann aber nicht sehen, dass Du daraus automatisch ableiten könntest, dass damit gleichzeitig immer "eine Veränderung der herrschenden Verhältnisse beabsichtigt" sei . Natürlich ist dies eine Möglichkeit, rechte Gewalt gegen Flüchtlingsheime beabsichtigt dies aber gerade wieder nicht, während die Gewalt der  RAF dies - in welch verquerer Weise auch immer - tatsächlich einmal wollte.

Anders gesagt, ich halte es für keinen Automatismus, dass das Etikett "Rassismus" in jedem Fall wiederum dessen Ursache, z.B. Armut, verdecken muß, anderseits der Hinweis auf Armut, je nach Klassenlage oder weltanschaulicher Borniertheit nicht notwendigerweise zu weniger Rassismus führt.

Sogar die Behebung von Armut soweit , daß jeder ein sozial verträgliches Auskommen hätte, würde solange der Herrschaftsmechanismus selbst nicht aufgehoben wird, den Rassismus nur bis zur nächsten Krise im Auf und ab des Kapitalismus notdürftig verdecken können und auch dies nur bis zu einem bestimmten Grad der Schärfe der Krise um dann in offenen Faschismus umzuschlagen.

Bürgerliche Herrschaft verdeckt also nicht unbedingt nur den wahren Charakter von z.B. Rassismus, wohl aber immer ihr Herrschaftsinteresse und deren Durchsetzung selbst. Deswegen kann heute einen breite Debatte über Rassismus geführt werden, ohne dass den Massen die wahren Gründe ihres Ohnmachtsgefühls  gegenüber dem Staat klar werden und sie diesen weiter unterstützen und nicht bemerken, dass sie selbst Rassisten sind, auch wenn sie ein Bekenntnis gegen ihn öffentlich oder auch nur im Privaten ablegten.

Ich halte es deshalb für einen Irrtum, wenn z.B. gesagt wird, Trump habe deshalb Erflog, weil er seine Wahlversprechen einlöste. Wenn der Kleinbürger tatsächlich glaubt, Trump und Bannon schafften den Staat ab, der die Massen unterdrückte, dann wählt er Trump, aus Gründen seiner eigenen ideologischen Verblendung, die ihm hilft sich als Teilhaber der Macht eines Trump zu fühlen, während er in Wahrheit seine Ohnmacht besiegelt und die Herrschaft der Herrschenden stärkt. Solange die Herrschenden Gewalt zur Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft anwenden, wird es den Beherrschten nicht erspart bleiben Gewalt anzuwenden zur Niederringung dieser Gewalt, was erst den Aufbau der neuen Ordnung ohne eine Herschaft des Menschen  über den Menschen selbst, das Leben ohne Ohnmachts- und Machtgefühl gleichermaßen ermöglichen würde. Die letzte Erinnerung der Menschheit an Macht, könnte dann die Erinnerung an deren, leider gewaltsame, Niederringung sein. Die neue Ordnung freilich wäre ein politisches Konstrukt, das von allen gemeinsam getragen, aber ermöglichen könnte, das Gefühl persönlicher (privater) Ohnmacht in auch nur Krankheit oder Trauer nicht umschlagen zu lassen in einen gesellschaftlichen Zustand der Unfähigkeit zu trauern oder Empathie nicht nur persönlich vielleicht noch zu empfinden, aber daraus zu resultieren habender Solidarität nicht mehr fähig zu sein.

 

Bild des Benutzers Delloc

"Ich stimme der These, "dass jede Form persönlicher Gewalt ein Ohnmachtsgefühl  kompensieren möchte" zu, kann aber nicht sehen, dass Du daraus automatisch ableiten könntest, dass damit gleichzeitig immer "eine Veränderung der herrschenden Verhältnisse beabsichtigt" sei."

Ja, diese Ableitung wäre falsch, bzw. nur im Einzelfall begründet.

Der entsprechende Satz lautet ja auch: "Völlig unterdrückt wird die Erkenntnis, dass jede Form persönlicher Gewalt ein Ohnmachtsgefühl  kompensieren möchte und eine Veränderung der herrschenden Verhältnisse beabsichtigt." Das und ist eine Ergänzung und beschreibt danach die Absicht aller Gewalttaten. Die 2. wird also nicht aus der 1. Beschreibung "abgeleitet".

Es ist gerade in diesem Fall wichtig, zu erwähnen, dass sich Gewalt nicht zwangsläufig gegen jene herrschenden Verhältnisse richtet, die analytisch als Ursache der Misere auszumachen wären. In dem Punkt stimme ich dir völlig zu.

 

Bild des Benutzers fahrwax

Daniela Dahn war Teilnehmerin der Münchner Friedenkonferenz die paralel zur, vom Militärisch-Industriellen-Komplex gesponserten "Münchener Sicherheitskonferenz" stattfand.

Unter dem Titel Kooperation oder Konfrontation beschreibt sie  die herrschende Unsicherheit (Link s.o.):

"Frieden ist der feste Wille, miteinander auszukommen. Weil die übergroße Mehrheit der Menschen im Krieg nichts zu gewinnen hat, aber alles zu verlieren. Das Wagnis liegt in der Bereitschaft, sich gegenseitig zu vertrauen. Indem man die Interessen des anderen respektiert, also gleichberechtigt zusammenarbeitet, sich beim Ringen um Einfluss nicht übervorteilt. Dazu gehört die Fähigkeit, sich selbst als belastet anzusehen und Kritik an der Gegenseite ohne einseitige Schuldzuweisungen vorzubringen. Unsere Freiheit wird am Humanen verteidigt, nicht am Hingekuschten – diesem Machtkampf um Energie und Einfluss.
Krieg ist die exzessivste Form von Terrorismus. Er ist seit 1929 für alle Zeiten völkerrechtlich geächtet. Die wichtigsten Unterzeichnerstatten haben sich nicht daran gehalten.

Demokratie heißt auch selber schuld sein. Wenn wir uns angesichts all der Kriege, all der vermeintlichen Schutzverantwortung, die nur die Interessen der Macht schützt, nicht schuldig fühlen, fühlen wir uns auch nicht als Teilhaber einer Demokratie. Obwohl wir Aktivbürger die Verfehlungen, die mit unserem Geld in unserem Bündnis gemacht werden, so gut wie nicht verhindern können, sind wir doch zuständig dafür. Eine gesellschaftliche Debatte über all das gibt es kaum. Die Kampagne Stopp Ramstein mobilisiert derzeit immerhin viele Menschen. Die Friedensbewegung scheint sich von interessierter Seite nicht mehr spalten zu lassen. Es geht nicht darum, Krieg zu gewinnen. Der Friede muss gewonnen werden.

Die herrschenden Eliten nennen uns gern Steuerzahler. Wir sollen ihre Pläne finanzieren und ansonsten nicht weiter stören. Als aktive Bürger sind wir nicht gefragt. Unseren Drang nach Freiheit sollen wir als Konsumenten austoben. Für hinreichend Waren und Zerstreuung ist gesorgt. Das funktioniert leider recht planmäßig. Der schon zitierte Brecht hat die Obrigkeit beim Wort genommen: „Man hat gesagt, die Freiheit entsteht dadurch, dass man sie sich nimmt. Nehmen wir uns also die Freiheit, für den Frieden zu arbeiten!“"

Bild des Benutzers Uwe Theel

Gut von Dir Fahrwax auf Dahns Text aufmerksam gemacht zu haben. An diesem Text kann man auch klar erkennen, warum Daniela Dahn beim freitag nicht mehr geduldet wurde.

Bild des Benutzers Heinz

Darum trägt das Bündnis Grundeinkommen BGE die Idee eines Grundeinkommens als soziale Dividende an der Volkswirtschaft in die Parlamente. Ein Grundeinkommen wird bisher in verschiedenen Modellen beschrieben, nachzulesen im Netzwerk Grundeinkommen. Einige Nebenwirkungen sind heute bereits absehbar:

  • Der volkswirtschaftliche Kern wird gegen externe Störungen stabilisiert.
  • Die Verwaltung wird vereinfacht.
  • Die Streitfälle um Hartz4 fallen weg.
  • Kinder haben einen eigenen Rechtsanspruch auf Existenz und Bildung.
  • Altersarmut fällt weg.
  • Betroffen davon sind ALLE und auch alle öffentlichen Körperschaften.

Das wird notwendigerweise eine gesellschaftliche Debatte nötig machen, die auch den Krieg thematisiert, der zwischen den Parteien, in den Schulklassen, den Unternehmen (verharmlost als Bossing oder Mobbing), im EuroRaum, in der EU und letztlich in der gesamten Welt tobt. «Krieg ist nicht die Fortsetzung von Politik,» sagte Kofi Annan: «Sondern Versagen von Politik.»

Astrid Lindgren: «Wie die Welt regiert wird, lernen Politiker in ihrer Kinderstube.»
 

Ich selber habe es aus Faulheit und und Mangel an Zeit nicht getan. Und ich habe es nicht getan, weil mit der Meldung zu Angriffen auf Zuwanderer meine Überzeugung bekräftigt wird. Ich habe mir die Quelle der kolportierten Meldung nicht selbst angeschaut.
Das wird mir vor Ablauf dieser Woche nicht möglich sein.

Andere behaupten es getan zu haben:

https://spoekenkiekerei.wordpress.com/2017/02/28/angriffe-auf-asylbewerb...