20 Feb 2017

Kunstfreiheit in der Provinz

Submitted by hadie

Es begab sich aber zu der Zeit, als die konservativen PublizistInnen Ellen Kositza und Götz Kubitschek ein kleines Programmkino in Halle (S.) besuchten, um zu ihrer eigenen Weiterbildung den Film "Blumen von gestern" zu sehen. Eine BlockwartIn erkannte die Beiden und telefonierte einen Mob von etwa 20 Personen herbei, der sich alsbald im Kino einstellte und die Unterbrechung der Vorstellung verlangte.

Kositza und Kubitschek sollten des Kinos verwiesen und der antideutschen Selbstjustiz ausgeliefert werden. Das lehnte der Kinoleiter ab und rief die Polizei. Der Mob verließ das Kino und versammelte sich auf der Straße. Was nach Ende der Vorstellung geschah, beschreibt Kubitschek so:
"Man hatte uns erkannt, im Kino, und dann lief da wohl eine Meldekette durch: Jedenfalls standen über die Straße verteilt rund 20 teils vermummte Leute. Sie begannen gleich zu brüllen, als sie uns an der Tür sichteten, und was sie riefen, klang nicht gut."
Die PublizistInnen zogen sich ins Kino zurück, bis die Polizei kam und sie an einen unbekannten Ort in Sicherheit brachte. Die "antifaschistischen" Sturmtruppen verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren. Zurück blieben die ratlosen BesucherInnen zweier Kinovorstellungen.
"Einer solchen Enthemmung liefert das intellektuelle Umfeld, das Kositza und ich aufgebaut haben, keinerlei Argument", schreibt Kubitschek in seinem Blog und dem ist wohl zuzustimmen.

 

 

Kommentare

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Und wenn ja, ist der dann wenigstens jung, schön und schwul ...?

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Dazu gibt es ein Filmchen von 3sat:

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Als gelernter Wessi, ein Stück weit 68er gar, Unterstützer der Grünen bis zur BTW in 1998, da muß ich natürlich schmunzeln wegen dieser Ironie, der ablaufenden und sich eher als Farce wiederholenden Geschichte.

Damals, von Filbinger bis Strauß etc. wurden von den (linken) Medien, den Grünen etc. primär diejenigen kritisiert, welche in Legislative und Exekutive die gestaltende Macht, sprich: den Staat verkörperten.

Heute dagegen sind Medien, Grüne und große Teile der Linken in den verschiedenen Konstellationen und Koalitionen selbst der Staat, werden nun diejenigen kritisiert und als substantielle Gefahr dargestellt, die weder im Bund noch in irgend einem Landesparlament an der Exekutive beteiligt sind, eher als Popanze herhalten sollen.

Genial eigentlich, und es scheint (noch) zu funktionieren ...

Spassig ebenfalls, im zweiten Teil des Videos angesprochen, diese neue Landlust. Als Supporter der Grünen kann ich mich noch gut erinnern, an die Visionen von einem naturverbundenen, weitgehend autarken Leben auf dem Lande als ein Kristallisationspunkt grüner, alternativer Kultur des Seins.

Und heute? Urbane, junge, bildungsnahe neulinke, eher weibliche Grüne beim Latte Macchiato in Berlin-Prenzelberg, das iPhone fest im Blick, die Torte griffbereit.

Auf'm Lande, von Meck-Pomm bis Sachsen-Anhalt nur alte, bildungsferne weiße Männer; bis auf die im Video ...

Gekannt habe ich ihn schon. Und die Geschichte, dass er und seine Frau, mit der er einige gemeinsame Kinder hat, sich mit "Sie" ansprechen, habe ich auch schon gehört. Ich bin nun wirklich nicht der Freund des "Du" um jeden Preis. Aber was ist das für eine doofe Angeberei. Man phantasiert sich in so einen aristokratischen Stand. Ist natürliche eine Angelegenheit der beiden Eheleute. Nur, dass sie dass offensichtlich verlautbaren und damit öffentlich machen wollen.

Der Beitrag ist für mich soweit in Ordnung, auch wenn er durch den gewollt ironischen Ton, den der Sprecher im Off glaubt anschlagen zu müssen, wieder in diese didaktische Schiene gerät.
Der interviewte Soziologe Nassehi machte für mich eine sehr gute Figur. Seine Distanz wurde deutlich, ohne dass er sie wie ein Banner auf ner Demo vor sich hertrug.
Staat der übliche Ansage, dass die Rechten nur einfache Antworten auf komplexe Fragen hätten, brachte er es konkret auf den Punkt: Die glauben, dass wir die Krise dieser Gesellschaft daran erkennen können, dass eine homogene Gesellschaft durch Migration und wahrscheinlich auch durch eine pluralistische Lebensweise in Gefahr gerät. Nassehi nennt das den argumentativen Horizont der rechten Intellektuellen, mit dem man sich zu beschäftigen habe. Diese Aussage wird durch den Beitrag belegt.

Leider ist die Moderatorin Mendelsohn vollkommen unerträglich. Ständig versucht sie Neassehi durch suggestive, die Antwort geradezu vorgebende Fragen, zu bestimmten Aussagen zu bewegen. Der reagiert souverän, wie ich finde, und antwortet auch mal auf eine suggestive Unterstellung, dass er das eben nicht wisse.
Die Tonlage der Mendelsohn ist die einer 16jährigen Schülersprecherin. Mein Gott, ist die peinlich. Die vertrauen einfach nicht darauf, dass sie auch denkende Zuschauer haben könnten oder/und halten diese für genau so doof, wie sich selbst.
Eigentlich möchte ich so was nicht mehr bezahlen müssen.

Bin in Eile, in zwei Tagen geht der Flieger. Aber in aller Kürze: Dank für die Info, werde bald Gelegenheit haben, in D den Film zu sehen.
Dir bestes Frühlingswetter in Halle,
Hermann

Ich habe lange überlegt, ob ich etwas dazu schreiben soll. Grundsätzlich: Kubitschek und seine von ihm gesiezte Arierin sind sowas zum Kotzen, dass mir seine und ihre Nachkommen nur leid tun können. Die enden höchstwahrscheinlich irgendwann bei der Bundeswehr, auf dem Strich oder im Drogensumpf oder werden BWLer. Traurig sowas.

Aber: Es ist schlicht falsch und inakzeptabel, Menschen, auch solche, in ihrem Privatleben zu bestalken und zu belästigen. Dafür gibt es keine linke, demokratische oder humanistische Rechtfertigung, das ist unpolitisch, unmenschlich und kriminell.

Ein anderes Problem ist, welche direkten Protestaktionen legitim sind. Soll man darauf verzichten, gegen NPD, Pegida etc. gegenzudemonstrieren, wie es rechte Hysteriker wie Damisch geifernd fordern? Andererseits, ok, in einer Demokratie braucht es Toleranz und Redefreiheit, und Redefreiheit ist gerade nicht nur die Freiheit der Rede, der man gerade zustimmt.

Ich habe in den sechziger Jahren auch wiederholt an Gegendemonstrationen und auch an Sprengungen von Vorlesungen und Versammlungen teilgenommen, und finde das nach wie vor legitim. Ich sehe aber schon die Probleme. Menschen mit konservativen und rechten Auffassungen sind kein Freiwild. Wir haben damals agiert in der (illusionären) Überzeugung, auf eine revolutionäre Situation zuzusteuern. In solchen Fällen geht es um den Kampf um die Macht, und da werden auch die Handschuhe ausgezogen.

Heute ist klar, dass davon keine Rede sein kann. Es geht also um den Umgang in einer (noch) weitgehend friedlichen bürgerlichen Gesellschaft. Auch da ist es legitim, mörderischem Pöbel wie den Brandstiftern gegen Flüchtlingsheime mit Gewalt entgegenzutreten. Es ist auch m.E. ok, Nazimärsche zu blockieren. Spätestens bei einer (scharfrechts)bürgerlichen Partei wie der AfD hört das auf. Auch Rechte stehen unter dem Schutz der Verfassung.

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Vorab etwas OT, Hadie möge mir verzeihen ...

Diese Website incl. dem Vorläufer gibt es im Mai dann bereits drei Jahre, ohne Netiquette, ohne explizite Blattlinie und schlußendlich auch ohne einem irgendwie hinterherzulaufenden Qualitätsanspruch. Der Kontakt untereinander läuft nur partiell über diese Website, ggf. auch über die PN-Funktion und ansonsten im realen Leben zu allerlei kleinen und größeren Anlässen.

Ein Beitrag wie der obige nebst mancher Kommentare wäre in der FC wohl kaum möglich, wurde neben allfälligen Trollen dort auch sofort die WächterInnen auf den Plan rufen, während es sich hier -das find' ich gut- in der Regel hinruckelt; wäre alles andere eine Form von sich gemein machen mit dem, was die per Definition Guten den zunehmend vielen weniger Guten vorwerfen.

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Zu den BRD-Grünen, meinen Erinnerungen an die hehren Ideale vom selbstbestimmten, autarken, naturverbundenen Landleben hatte ich bereits geschrieben. Die Frage bleibt, ob das alles nicht mehr gilt, weil sog. Rechte nun ebenfalls auf das Land ziehen, nur eben mit ganz falscher Ideologie. Oder anders herum:

Entweder ist das ein großmedial verbreiteter Hype, ohne Substanz? Artikel wie diesen oder jenen werden dem sich zunehmend gruseln sollenden Publikum ja nun permanent verabreicht und darüber (angebliche) Relevanz in Quantität und Qualität verkündet; den entsprechenden Würgreiz ob dieser Entwicklung eingeschlossen. Sind das vielleicht nur pontemkinsche Dörfer? Und in wessen Interesse wird es verkündet?

Oder hat das wirklich Substanz? Dann, und das gilt grundsätzlich für den rise of the right, wäre es hohe Zeit, sehr ernsthaft, vielleicht sogar ergebnisoffen nach dem "warum" zu fragen, die Wagenburg einer von der politischen Kanzel herab verkündeter Alternativlosigkeit zu verlassen.

Die neue, neulinke Sturmabteilung scheint mir bei Beantwortung dieser Frage nur sehr bedingt geeignet.

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Aquadraht spricht mir aus der Seele.

Menschen mit konservativen und rechten Auffassungen sind kein Freiwild.

Pöblern und Brandstiftern ist kraftvoll entgegenzutreten. Aber ohne Rechts kein Links und die in Kubitscheks Institut ausgebrüteten Ideen begegnen einem doch auch im Alltag wieder. Stehen er und die Seinen deshalb unter "Sippenhaft" und dürfen nicht in Kino und Theater gehen?

Aber es ist ja noch schlimmer. Ich bin seit kurzem V.i.S.d.P. eines kleinen Druckerzeugnisses und die Redaktion befindet sich fast ständig im Ausnahmezustand. Drei Vorstände haben "hingeschmissen" und es ist abzusehen, wann alles auseinanderfällt. Klar ist, dass Globalismus-Themen und Israelkritik überhaupt nicht gehen. Aber auch bei Wolfsschutz und Luther-Jubiläum wird man sofort persönlich angemacht. Ich wollte einen Meinungsartikel über Wolfsrisse und Biberfraß veröffentlichen, da war ich sofort ein "Agent von Monsanto" und "Sympathisant der konventionellen Landwirtschaft". Oder eine Art Laienpredigt kam sofort in den virtuellen Giftschrank mit dem Vermerk, wir sollten zuerst Max Webers Religionskritik rauf und runter deklinieren. Nichts gegen Max Weber, aber bei einer derartigen Honeckerei kommt mir doch gleich der redensartige Jugendweihe-Kaffee hoch!

Aber zur Sache. Ich habe keine wirkliche Ahnung, was das für Leute sind, die sich in Zugstärke auf die Schnelle zusammenfinden, um Leute zu bedrohen, ggf auch zu misshandeln, die aus ihrer Sicht eine solche Behandlung verdienen. Ich kenne so was persönlich nicht.
Im Alter meiner Kinder, das sind junge Erwachsene, sind sie schon zu mit Gederismus, Antirassismus, biologischem Landbau und was weiß ich, das die politische Popkultur grad im Angebot hat, unterwegs. Aktivisten habe ich keine kennengelernt, jedenfalls keine, die den Eindruck machen, sich rumprügeln zu wollen oder zu können.

Hässliche Texte schreiben ist wohl einfacher. Das bornierte Subjekt, dass seine Begrenztheit, seine objektive Unfähigkeit, sich gegen die Zumutungen einer zerfasernden Umwelt zur Wehr zu setzen, spürt aber nicht begreift, gibt seine Gefühlen eine entsprechende Form. Hass. Hass auf die Rechten, auf die Linken, auf die Veganer, die Assfresser, die Frauen, die Männer, die..... Und immer auf den persönlich, der ihm als Träger und Verursacher all des Übels auf der Welt erscheint.

Interessant wäre herauszukriegen, warum jetzt die zivilisatorischen Grenzen überschrittenen werden. Nein, ich glaube nicht, dass es "das Internet" ist. Das ist tatsächlich auch nur ein Haufen vernetzter Rechner mit Menschen an den Tastaturen. Angelegt war es wohl schon länger? Ich erinnere ich daran, wie ein guter Freund aus meinem linksradikalen Umfeld mir schon vor langen Jahren mal sagte: "Robert, hätte ich deine körperlichen Voraussetzungen, wäre ich ununterbrochen in Schlägereien verwickelt" Die Worte eines überaus klugen, ehrlich, überdurchschnittlich klugen Freundes mit einem ziemliche klaren Begriff davon, wie die Welt funktionieren könnte und einem noch größeren Drang, es rauszubekommenden.
Wie mag es bei begrenzteren Menschen funktionieren?

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"Interessant wäre herauszukriegen, warum jetzt die zivilisatorischen Grenzen überschritten werden."

Hallo Robert,

in dem Beitrag "Unbewusste Wirklichkeit" http://fe.termiten.net/node/677 wurde die Frage gestreift.

"Das Unbewusste kann nämlich nicht kontrovers argumentieren und ist deshalb Irrtümern schutzlos ausgeliefert. Wenn wir es also nicht bewusst beschützen, ist es unbewacht und offen für Anregungen von Furcht, Hass, Selbstsucht, Gier und anderer Gewalten, situativ und gesellschaftlich."

Und den Hinweis von C.G. Jung "In dem Maße, wie wir verdrängen, steigt die Gefährlichkeit des Unbewussten.“ verstehe ich so, dass verdrängte Gewalt/Erniedrigung zu jenen Entladungen führt, auf die du dich beziehst.

"Warum jetzt" ist wohl nicht eindeutig zu beantworten, andererseits hat die neoliberale Gewalt inzwischen ja globale Wirkung entfacht. Dadurch sind schließlich alle Hoffnungen, sich an einen letzten Zufluchtsort zurückziehen zu können, zerstört: regional wie global.

Und dann gibt es noch eine weitere Reaktion der bedrängten Psyche, die in dem Beitrag auch erwähnt wurde, nämlich die Wahrnehmung so zu beeinflussen, dass die Ursache der Not gar nicht mehr fokussiert wird.

Je mehr Verdrängungsleistung notwendig ist, das Fehlen von Sympathie/Liebe nicht zu spüren, desto größer wird der Hass - der sich nach außen richtet, richten muss, weile jede eigene Verantwortung für das Desaster nicht ertragen würde.

 

Bei so einem psychoanalytischen Ansatz kann ich leider nicht mithalten. Es fehlt mir da an jeglichen Voraussetzungen. Im Studium hatten wir einen Prof - ich spreche von der DDR in den 70er - der sich wagte, die Grundkategorien vorzustellen. Texte gab es dazu nicht und es war fast subversiv. Obwohl ich schon den Eindruck habe, und ich sage ausdrücklich den Eindruck, dass wir in unserem Überlegungen zu ähnlichen Ergebnisse kommen. Bei mit notwendiger Weise flacher.

Wobei ich für mich persönlich feststelle, dass ich mit so einem fast klassischen Ansatz aus der Kritik der politischen Ökonomie ziemlich weit komme. Jedenfalls für mich selbst und mein Verständnis.
Die Frage, "was macht das mit den Menschen" wird bei Marx natürlich nicht beantwortet. Nicht beantwortet werden konnte.

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Die Psychoanalyse wurde ja nicht nur in den staatskapitalistischen Systemen ignoriert und totgeschwiegen. Ohne den Freudomarxismus der 68er-Bewegung wäre sie auch im Westen unter den Teppich gekehrt worden.

Ausgehend von Wilhelm Reich, Erich Fromm, Karen Horney, später Igor Caruso und Herbert Marcuse, beeinflusste die Psychoanalyse nicht nur die militanten Aufstände in Europa, vor allem in Frankreich, sondern auch die feministische Szene (Shulamith Firestone, Kate Millett).

Die Psychoanalyse ist für jede Herrschaftsform gefährlich, weil sie die innere Natur des Menschen zum Maßstab erhebt und analysiert, inwieweit ein System diese unterdrückt oder fördert. Wenn Entwicklungen bei Suizidalraten, Depressionen, Nervenkrankheiten allgemein, Gewalt usw. zur Evaluierung des polit-ökonomischen Systems herangezogen würden, wäre das mit Sicherheit das Ende der Bürgerlichen Gesellschaft.

Und wenn dann noch die Vergewaltigung der äußeren Natur erfasst würde…