12 Jul 2016

Jan Ullrich, das etwas andere Sommerinterview

Submitted by ebertus

Schmunzeln musste ich schon, als mir dieses Video gestern bekannt wurde. Wildert der ehemalige RBB-Moderator jetzt gar noch in anderen Gefilden?

Auch ein Sommerinterview, wenngleich nicht öffentlich-rechtlich verbreitet wie aktuelle bei der ARD

Keine kleine Bonusmeilen-Affäre, aber (glücklicherweise) auch keine Wiesheu-Geschichte; beides der jeweiligen Karriere lediglich eine kleine Delle verpasste.

Stattdessen ein Leben mit Doping, Drogen und deren Folgen, ein Leben nach dem grandiosen Scheitern. Und ein Interview, welches von einem latent hinterfragendem Tenor lebt, insbesondere im letzten Drittel dieser guten Stunde auf gesellschaftlich relevante Themen zurück kommt.

Ullrich ist kein Intellektueller, keiner der geschliffen formulierenden Unfehlbaren aus Politik und Großmedien. Die Sprache von Ullrich ist normal, nicht mal dunkel sächsisch, muss er mit der Aussprache schon mal warten, bis der gedankliche Faden auf der Reihe ist; insbesondere und wie schon angesprochen im letzten Drittel des Gespächs. Man versteht ihn, inhaltlich wie auch auf der Metaebene, soweit diese adressiert wird. Inhaltlose Wortgirlanden sind nicht sein Ding, ausweichen oder sich gar gespielt entrüstet geben ebenfalls nicht.

Ullrich besitzt die Gnade der späten Geburt, war erst sechzehn Jahre alt, als die Mauer aufging. Mit der DDR ist er offensichtlich im Reinen, erkennt sehr deutlich, dass Spitzensport bei den nicht gerade preiswerten Sportarten unabhängig war vom Status und Vermögen der Eltern, auch unabhängig von privaten Sponsoren, deren in der Regel ganz andere Interessenlage als eben genau dieser Sport.

Ullrich ist kein Linker, auch keiner zwischenzeitlich geworden. Im Gegenteil und wer ihm Böses wollte, der könnte seinen mehrfachen Bezug auf die Familie gar neurechts einordnen. Spätestens wenn er politisch aktiv wird -wofür aktuell wenig spricht- wird sie zurückkommen, die mediale Meute ...

Was bei diesem Interview zu kurz kommt, vielleicht eh' als bekannt vorausgesetzt wird, das ist das Thema Doping. Die Sicht eines Insiders, der nach wie vor mit dem über ihn gebrochenen Stab wohl etwas hadert. Möglicherweise war es auch zwischen Ullrich und seinem Interviewer abgesprochen, dieses Thema zu meiden. Eventuelle Schadenersatzansprüche der ehemaligen Sponsoren, des ehemaligen Arbeitgebers dürften dahingehend wohl nicht mehr relevant sein.

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Insgesamt ein interessantes neues Format will mir scheinen, dieser Boulevard. Spontan fallen mir gleich mal Jonathan Meese, Wolfgang Niedecken oder Volker Pispers & Co. ein, wo Gesellschaftpolitik lediglich en passant thematisiert wird, Kunst und Kultur dagegen, der Event, die Performance, auch der politisch nicht korrekte Skandal dann im Mittelpunkt stehen dürfen.

Kommentare

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ich weiß ja nicht, WIE du darauf kommst, dass ken jebsen wolfgang niedecken "einladen" möchte, ist der doch politisch immer sehr korrekt - zu "korrekt" für meinen geschmack, wenn du fragen würdest und wenn ich über jebsens geschmack spekulieren würde, käme ich zu anderen erkenntnissen ... (außer bei jonathan meese, doch der wird wohl kaum wollen - vielleicht ja frank castorf oder milo rau - oder daniel richter)

http://www.artefakt-sz.net/kritik/von-der-hafenstrasse-in-die-hafenstrasse-daniel-richter-feiert-in-einem-keller

 

In grauer Vorzeit, in den 80er Jahren, gab es im Westen mal eine politische Abteilung der Neuen Deutschen Welle – Popmusik in der Landessprache mit Texten, die die Opposition gegen Faschismus und Krieg tanzbar machten. Die wichtigsten der damaligen Akteure gingen den Weg ihres großen Vorbildes Joschka Fischer: Etwa Campino von den »Toten Hosen«, der sich im vergangenen Jahr mit den Worten zitieren ließ: »Lafontaine ist für mich ein Brechmittel.« Oder Wolfgang Niedecken von BAP, der bereits 1999 für den Krieg gegen Jugoslawien trommelte und jüngst sein Kämpferherz auch für Kongo entdeckte: »Wir sollten nicht wieder kneifen und uns dringend an einer Eingreiftruppe beteiligen.« Kann man solche Musici nicht mit dem Fallschirm über Kivu abspringen lassen, damit sie »uns« vorangehen beim Töten und Sterben?

https://juergenelsaesser.wordpress.com/2009/04/01/antideutsche-faschos/

Möchte sich Wolfgang Niedecken tatsächlich an einer Eingreiftruppe beteiligen. Anscheinend nein. Denn der Markt für Söldner ist groß. Für 3000 US-Dollar im Monat würde Wolfgang Niedecken jederzeit als Mörder im Kongo agieren können. Das tut er aber nicht. Er möchte, daß seine Fans dort morden und sterben. Deswegen sagt er "uns", nicht "ich".
Er hätte ja auch sagen können "Ich sollte nicht wieder kneifen und mich dringend an einer Eingreiftruppe beteiligen."

http://finanzcrash.com/forum/read.php?1,51096,51096

In der Neuen Mitte selbst sorgt es kaum mehr für Aufsehen, wenn Wolfgang Niedecken, ehemals friedensbewegter Barde, sich für die Nato-Einsätze in Jugoslawien ausspricht.

https://tanteguerilla.com/Martin-Buesser-Wie-klingt-die-neue-Mitte-Buch

Der Kölner Rocksänger Wolfgang Niedecken plädiert für weitere Nato-Luftangriffe.

http://www.tagesspiegel.de/kultur/krieg-der-meinungen-letzte-nachrichten-von-der-heimatfront/75014.html

Das Unheil begann, als Gerhard Schröder zusammen mit den Scorpions "Wind of Change" anstimmte, nahm seinen Lauf, als sich kurz darauf Wolfgang Niedecken für die Nato-Bombardierungen in Jugoslawien aussprach und fand seinen vorläufigen Höhepunkt darin, dass "Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin"-Westernhagen das Bundesverdienstkreuz für besondere Verdienste in Sachen "Toleranz und Integration" verliehen wurde.

Die SPD- und Grünen-Kultur ist eine Bap- und Tote Hosen-Kultur, eine Grönemeyer- und Klaus Lage-Kultur und ist dies immer schon gewesen. Es ist eine Rock-Kultur fern von jeglichem musikalischen Einfühlungsvermögen, eine plumpe Gleichsetzung von Musik mit Gesinnung.

http://www.distler-tontechnik.de/tine-plesch/tinetext/rz25.html

Wolfgang Niedecken!

Daß Sie als inoffizieller deutscher Außenminister amtieren, hatten wir nicht einmal geahnt, bevor Sie in einem Interview mit Spiegel online von Ihrer jüngsten diplomatischen Mission berichteten: »Ich war mit Köhler gerade in Nigeria. Ich habe mir erlaubt, von den bei der Konferenz anwesenden Staatschefs und anderen weisen afrikanischen Männern wissen zu wollen, was sie von uns erwarten. Sollen wir uns einmischen oder raushalten?«

Als afrikanische Staatschefs oder andere weise afrikanische Männer wären wir um eine schlagfertige Antwort nicht verlegen gewesen, denn wer möchte schon, daß sich ausländische Schlagersänger bei ihm einmischen? Der nigerianische Präsident Umaru Yar’Adua täte jedenfalls gut daran, bei seinem nächsten Staatsbesuch in Deutschland ebenfalls einen obskuren Provinzmusikanten mitzubringen. Der könnte dann Horst Köhler fragen, was er von seinen afrikanischen Gästen erwarte: »Sollen wir uns einmischen oder raushalten, wenn die kölschen Jecken bei euch die Macht ergreifen?«

Für usszeschnigge:

Titanic

http://www.titanic-magazin.de/briefe/2009/januar/

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hätte ich vielleicht auch noch nennen sollen?

Denn der war wohl für die Bombardierung Syriens und Libyens ...?

Bei dem etwas anderen Format von Jebsen kann es meiner Meinung nach jedoch nicht um eine Hofberichterstattung unter nun genau entgegengesetzten Vorzeichen gehen. Da müssen schon (auch) kontroverse Positionen und Personen her; soweit beide das wollen, letztere sich trauen.

Hatte gerade in der FC zu der berechtigten Frage bzw. Anmerkung von Costa nach diesen Steuerparadiesen (auch denen von Ullrich) geantwortet, hänge das hier mal mit rein:

 

Bernd Ebert 13.07.2016 | 07:07

@Costa Esmeralda
Ha, ha, das mit dem "sonstigen Radfahren" war gut.

Und Du hast natürlich recht, neben dem bereits von mir im Blogtext bemängelten, weitgehend fehlenden Einlassens auf die Dopingthematik wäre auch das Thema "Steuervermeidung" wenigstens zu streifen gewesen.

Dieser Boulevard soll ja gerade ein etwas anderes Format, eben keine Hofberichterstattung sein.

Andererseits müssen naturgemäß beide mit dem Gespräch einverstanden sein und es dürfte in der Regel auch ein Vorgespräch, ggf. eine nachträgliche Genehmigung geben.

Für einen sprachlichen Überfall dürfte kaum jemand bereit stehen, würde sich das auch sehr schnell 'rumsprechen. Das ist dann schon eine gewisse Gratwanderung.

Anders herum: Wer sich mit dem ehemaligen RBB-Moderator zum dokumentierten Gespräch an einen Tisch setzt, der braucht durchaus einen gewissen Mut.

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... mit wem ken jebsen reden wird. das gespräch mit jan ullrich erinnert mich an günter gaus und seine wunderbaren portraits (hanna ahrendt, rudi dutschke ... ). natürlich sind die beiden nicht miteinander zu vergleichen und auch die zeiten haben dramatisch verändert. dieses sendeformat aber hat schon gewisse ähnlichkeiten und jebsens ehrgeiz kann ich mir gut vorstellen. inwieweit er journalistisch völlig neutral agieren kann und will? jedenfalls hat er die akzeptierte neutralität von gaus ja eh nicht und ist in eine ecke gestellt. das weiß er sehr genau und gibt ja vor allem denen eine plattform, die vom ms verschwiegen werden (wie er selbst!).

https://www.rbb-online.de/zurperson/die_sendung/liste_aller_interviews.html

 

da ich weiß, dass jebsen einer der wenigen meese-fans ist ... und auch sehe, wie er sich entwickelt und positioniert ... stelle ich mir vor, dass er es mit den kontroversen höchstes fingerspitzengefühl braucht - bisher sehe ich viel klarheit in der auswahl seiner protagonisten und kann mir nicht vorstellen, dass er lust auf unsymphaten bekommt. ruch, kahane und ditfurth werden wir wohl nicht auf seiner wunschliste lesen können, er hat aus der zusammenarbeit mit elsässer da wohl genug gelernt - wobei ja keiner weiß, wie sich menschen weiterentwickeln werden.

 

ps. jan ullrich lebt in der schweiz ... und hat nicht NUR sein konto dort - auch sein haus und seine familie - DAS hat mit steuerquatsch nix zu tun . seine fahrerflucht ist wohl der dunkelste fleck in seiner biografie.

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scheint sich ja momentan in seiner lyrischen phase zu befinden und ich habe im ersten moment "SONNIGES radfahren" gelesen

 

„Wir lutschen die Mango gemeinsam, so schmeckt sie am besten,“ sagtest Du.

Doch es war Dein Aroma, das mich betörte, dem ich verfiel im Nu.

Auf unseren Fahrten durch die Savanne ...

 

https://www.freitag.de/autoren/costa-esmeralda/warum-nur-gingst-du-fort#1468397058367443

Das Interview gab es zweimal?
Einmal hatte es dieser Freund Ulrichs gemacht, den Jebsen zuvor selbst interviewte, ein Fotograf. Dann er selbst.

Ich fand es sich schade, dass Doping nicht zum zentralen Thema wurde. Wär interessant gewesen zu sehen, wie Jebsen sich dem nähert.
Aber Radsport ist wohl nicht wirklich sein Thema.

Ulrich als Neurechter. Der Gedanke gefällt mir. Weil er an seiner Familie hängt, dies betont, seine Kinder liebt....
Irgend was im gesellschaftlichen , oder wenigstens im medialen, Diskurs ist schief gegangen, wenn man solche Assoziationen auch wenn sie ehrer ironisch verwendet werden, geradezu hinnimmt.

Trotzdem eine Generalkritk an Ihrem Text. Ulrich ist kein Sachse. Nichts an seiner Sprache ist sächsisch. Er hat da nicht mal gelebt.
Der Merdinger, wie er in seiner aktiven Zeit gern genannt wurde, weil er da mal wohnte, ist Rostocker....

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Habe ich auch nicht behauptet.

War schlimmstenfalls als Provokation zu sehen, nach dem dunklen "neurechts" (Assoziation?) noch einen d'raufsetzen zu wollen. Ok, war vielleicht zuviel eben dieser Provokation, ist der Zynismus etwas mit mir durchgegangen.

Ne, ich hatte Sie da schon so, und wie ich meine richtig, verstanden und zugestimmt. Mit virtuelles Kopfschütteln galt nicht Ihnen sondern dem Zustand, den Sie mit der kurzen Bemerkung angesprochen haben.

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dennoch gleich mal selbstreflexiv (mich) kritisch betrachtet. Danke!

Bei aller Ironie ist es schon erstaunlich, wie man(n) FC-genderisert subtil determiniert werden kann. "Familie" (auch "Volk") hat in generalisierter Form natürlich recht wenig mit Eva Herman, Elsässer und Co. zu tun, mag ich mich dennoch über FC-BloggerInnen, welche die entsprechenden Begrifflichkeiten gern auf den Index setzen, als irgendwie "anschlußfähig" erkennen wollten dann schon mal lustig machen.

War hier jedoch nicht so beabsichtigt.

Tun Sie es dann aber nicht, falls der Wunsch zu solchem Tun, also zu spotten, sie nochmals überkommt, im Freitag selbst. Sonst fliegen sie raus.
So ist das mir passiert wegen "frauenfeindlicher Äußerungen".
Nun habe ich nicht nur nichts frauenfeindliches sondern überhaupt nichts zu oder über Frauen geschrieben und meine zweimal per Mail vorgetragene Bitte, mir einfach mal nen Link zum kritisierten Text zu schicken, blieb unbeantwortet.
Klar, da es solche Äußerungen eben auch nicht gab. Nicht mal bei aller weitester Auslegung.
Nun versetzt mich das nicht in tiefe Trauer, zumal ich mehr als einmal zur Auffassung kam, da nichts mehr zu schreiben. Sind sie mir halt zuvor gekommen.

Was aber bedrückt, und das hat mit meiner Sperrung nichts zu tun, ist diese komplette Diskursunfähigkeit, ein exzessiver Zensurismus, ein gerade zu organisatorisch vorgegebenes Denunziatentum. Zu einigen Aspekten, glaube ich mich zu erinnern, hatten Sie auch in der fc schon getextet.
Ist natürlich auch nicht nur der Freitag, das Spielzeug eines Millionenerbens . Mich nervt nur, dass dieser Meinungs-, Tugend- und Sprachterror, der ja auch von ganz anderen, von richten Rechten festgestellt wird, als "links" begriffen wird.

Mir ist wirklich ein Rätsel, wie das so eine Art Hegemonie im Diskurs erreichen konnte. Ist vollkommen unklar.

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auch die meine beim Freitag.

Wobei ich Augstein -als Millionenerbe- nicht verteidigen muss, mir aber aus vertrauenswürdigem Munde bekannt ist, dass er sich in das operative Geschäft des Freitag (und der FC) wohl nicht mehr einmischt. Das machen die niederen Chargen dort in gelebter Selbstverantwortung.

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scheint für viele eine normalität zu besitzen, mit der sie leben und sich dort durch distanz einordnen können.

 

ich lehne dies ab ... und hab dann meine probleme mit der "normalität" ... wird aber "normalerweise" eh nicht verstanden :-)))

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... der auch zum leben reicht, ist heute nicht einfach zu machen. und ganz schnell kann es zu glatteis kommen - da muß jeder kleine schritt gut überdacht sein, um nicht zu stürzen ...

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wobei es doch in der sportwelt DAS thema schlechthin ist und auch von jan ullrich, jenseits seiner politischen zurückhaltung und dem fokus auf sein familienleben, etwas mehr raum hätte bekommen sollen. das kann man 2016 schon von einem interview erwarten, weil es sonst doch zu sehr zu gefälligkeitsboulevard tendiert.

ich bin ja sowieso der meinung, ken jebsen braucht für dieses - sein wunschformat - einen MACHBAREN einstieg - der bestimmt nicht einfach war: nicht mehr und nicht weniger.

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Der mit Jan Ullrich war es nach meinem Dafürhalten,

wird ähnlich (wohlwollend) kritisch wie hier mit Sicherheit auch an anderer Stelle diskutiert.

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bleibt es hoffentlich nicht ... aber die fortsetzung ist bestimmt eine große herausforderung ... wer lebt denn von den promis noch alles in der schweiz? aber er hat ja auch kontakte nach österreich;)