20 Jan 2016

Hauen und Stechen, Heulen und Zähneklappern

Submitted by ebertus

Quartalsauflagen. Die IVW-Zahlen (Zeitungen und Zeitschriften) für das vierte Quartal 2015 wurde heute veröffentlicht. "Landlust" liegt vorn; das freut mich ...

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Bernd Ebert

Nein, ausschließlich Schadenfreude sollte nicht angesagt sein, gibt es doch mindestens drei Gründe für diesen, gerade herkömmliche Existenzen bedrohenden  Medienwandel.

# Die schnöde Technik, insbesondere die Distribution von Anzeigen, von Werbung etc. welche über das Netz nun nicht mehr auf die herkömmliche Papierform, deren Kanäle angewiesen sind.

# Der total veränderte Medienkonsum, gerade der jüngeren Generation, wo insbesondere die Interaktion via dem Netz einen wesentlich höheren Stellenwert besitzt, als Top-Down verabreichte Kost.

# Eine via dem Netz leicht erkennbare, zunehmend uniforme Berichterstattung, ein sog. Erziehungsjournalismus, gerade der gesellschaftspolitisch unterwegs seienden Großmedien.

Nur der letzte Punkt möge hier weiter vertieft, gleichzeitig darauf hingewiesen werden, dass es sich bei den IVW-Zahlen um diejenigen privatwirtschaftlich aufgestellter Medien handelt. Sprich: die im Gegensatz zu den Öffentlich-Rechtlichen auch immer eine basale Betriebswirtschaft im Fokus halten müssen, durch Zahlungsverweigerung vom Konsumenten abgestraft werden können.

Die steuerähnlich (Haushaltsabgabe) finanzierten ÖR's sind diesem Disziplinierungsinstrument nicht unterworfen, agieren -und zunehmend erkennbar- mittlerweile eher als staatsnah eingebundene Verlautbarkeitsmedien. Die Causa Claudia Zimmermann oder die Farce um eine Teilnahme der AfD bei kommenden Wahlwerbesendungen machte das gerade einmal mehr deutlich.

Ein letzter Punkt vielleicht, eher es zu den Zahlen geht. Man darf, ja muss bei der gedruckten/verkauften Auflage immer unterscheiden zwischen den harten Verkäufen aus Abo bzw.Einzelverkauf und den sog. weicheren Kategorien wie Lesezirkel, Bordexemplare, Werbeaktionen etc. bei denen die Gewinnmargen eher gering sind, bei kostenlos verteilten Exemplaren wegen der dennoch aufgewendeten Herstellungs- und Distributionskosten gar negativ werden können können.

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Ein ganz praktisches Beispiel: Der Spiegel benennt eine verkaufte Auflage von 796.234 Exeplaren, was gegenüber dem Vorjahresquartal ein Minus von 5.6% ergibt. Aus Abo und EV werden jedoch lediglich 600.625 (-5,5%) Exemplare genannt. Knapp 200.000 Stück wurden also weich verkauft.

Gute Frage, wo die denn bleiben ...

Als ehemaliger beruflicher Vielflieger ist mir noch gut in Erinnerung, dass man -und nicht nur in der First, auch in der sog. Holzklasse- mit Zeitungen und Zeitschriften nur so zugeschüttet wurde. Die Airlines, so ist zu vermuten, sorgen lediglich für die Distribution, fahren das Ganze nun wohl eher zurück.

Und beim Arzt oder Frisör -komme da selten hin- sehe ich auch immer weniger Angebote von Lesezirkeln. Nur Bibliotheken und andere institutionelle Abnehmer für bald 200.000 Exemplare? Des Spiegel?

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Ehe es nun interpretativ zu den weiteren Zahlen, insbesondere denen der überregionalen Tageszeitungen geht, ein Wort vielleicht zu der oben genannten Uniformität, des Tendenz- und/oder Erziehungsjournalismus. Es gibt zwei, eher nach außen instrumentierte Themenbereiche, bei denen alle Großmedien bis hin zur taz relativ uniform aufgestellt scheinen.

# Seit dem Frühjahr 2014 ist das die transatlantische, nicht wirklich hinterfragte Eingebundenheit, die mehr oder weniger umfangreiche Teilnahme im Kampf gegen den Terror, übersetzt: die globale, zunehmend gewaltsame Verteidigung unserer Wirschaftsinteressen.

# Und es ist der mittlerweile offene Kampf gegen jedwede ernsthafte Hinterfragung unseres globalen militärischen Agierens, gegen jedwede alternative Friedensinitiative, gegen jedwede dahingehend sich positionierenden  (eher kleinen) Medien jenseits eines systemkonformen, transatlantischen Vasallentums.

Wie bereits angemerkt: wegen der nicht hintergehbaren Betriebswirtschaft geben sich die Privaten in ihrer Rhetorik etwas gesofteter, nicht ganz so dreist, wie es die ÖR's zelebrieren.

Andererseits, nach innen positioniert, gab es durchaus Diskrepanzen zwischen den eher konservativen und den ehemals linksliberalen Medien, spätestens in 2015 alle dann versammelt hinter einer ganz großen Koalition der Guten und bis hin zu den sog. Realo-Linken.

Erst nach Silvester, nach diesen, nun wohl letztmalig -und beinahe pflichtgemäß- medial eingehegten Ereignissen von Köln wurden Rücksichten zunehmend fallen gelassen. WELT, FAZ und Focus etc. nehmen in Sachen Flüchtlinge immer weniger Rücksicht auf ihre vormals ziemlich besten Freunde aus CDU,CSU,SPD nebst den Grünen, auf deren Kanzlerin.

Die ehemals linken, weiterhin treu zur GroKo stehenden Medien dagegen, sie abstrahieren, genderisieren und relativieren das Thema (Flüchtlinge), ergehen sich oft in Textbausteinen, welche auch ohne Köln immer gut und gültig scheinen.

Die AfD schlußendlich, als politisch-institutioneller Arm einer bundesweiten Pegida, sie avanciert zur beinahe grauen Eminenz, kann wie die sprichwörtliche Schlange ihre Kaninchen fixieren, vor sich her treiben.

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Nun also die Zahlen ausgewählter Tageszeitungen.

Bild und Welt verlieren satt zweistellig (-12,1 / -14,2%) aus Abo und EV. Interessant dabei ist, dass die WELT in der Gesamtauflage lediglich um 6,5% zurück geht. Springer hat offensichtlich noch genug Geld für Geschenke ...

Die Sueddeutsche (-3,5%) und die FAZ (-6,6%) verlieren eher moderat bis mittelstark aus Abo und EV, wobei sich bei der FAZ in Sachen Gesamtauflage genau der entgegengesetzte Effekt wie bei der WELT zeigt. Hier wird echt an Bordexemplaren etc. gespart,  geht die gesamte Auflage um -13,5% auf lediglich noch 263.910 Exemplare nach unten. Meine, mich an eine Meldung erinnern zu können, nach der die FAZ ihre Druckkapazitäten auf 250.000 Exemplare auslegen, begrenzen wollte.

Und btw. während die taz als Genossenschaftsmodell sogar noch minimal (1,1%) zulegen kann, so geht es mit dem Neuen Deutschland (ND) richtig runter, um -7,2% auf lediglich noch 26.974 Exemplare (ebenfalls Abo + EV).

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Zu den Wochenzeitungen ergibt sich bei Springer ein ähnliches Bild, wenngleich die Verluste nicht so stark wie bei den Tageszeitungen daher kommen.

Negativer Spitzenreiter in dieser Kategorie ist einmal mehr die FAZ(hier FAS) mit -6,8 bzw. 11,9% (Abo+EV zu Gesamtverkauf).

Zu nennen, zu beachten ist möglicherweise auch die Junge Freiheit, welche aus Abo und EV um 14,2% zulegt, über diese Vertriebswege 21.659 Exemplare verkaufen kann.

Die Zeit verliert (Abo+EV) sehr moderat und kann gesamt gar zulegen, hat wohl ebenfalls noch Substanz, auch zum Verschenken.

Last but not least darf hier derFreitag erwähnt werden. Es geht (Abo+EV) um 4,4% auf 17.172 Exemplare voran und insgesamt werden sogar sogar 19.264 Stück gedruckt/verkauft.

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Was bleibt mitzunehmen bis zum April 2016, den nächsten Quartalszahlen?

Mitte-rechts verliert stark, in absoluten Zahlen möglicherweise eher an die nicht mehr, nicht mehr herkommlich konsumierenden Leser, denn an diejenigen ganz rechts. Das offensichtliche Mobilisierungspotential der AfD dürfte primär aus diesem Bereich schöpfen, fühlt sich gerade von der CDU nicht mehr vertreten.

Mitte-links verliert weniger, hält sich gar, wobei der dann doch ernsthaft gerupfte Spiegel aus seiner Tradition heraus eher mittig-links anzusiedeln wäre,  das jedoch schon seit einigen Jahren sehr deutlich infrage stellt. Auch nicht mitte-rechts, eher schlicht opportunistisch, systemfromm, alles mitmachend.

Die zunehmende Zahl der Nichtwähler würde ich eher mitte-links verorten wobei, oberhalb eines gewissen intellektuellen Niveaus gerade alternative Medien und Formate im Netz wohl verstärkt nachgefragt werden.

Ergo: So schnell sterben die Großmedien noch nicht, wenngleich die FAZ und ohne ihre FAZIT-Stiftung womöglich ein erster,  ernsthafter  Kandidat wäre.

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Nachtrag 21.01.2016:

Erst heute von MEEDIA veröffentlicht, weiter unten nachverlinkt; die Zahlen der Regionalzeitungen.

Abwärts ohne Ausnahme ...!

Bei den Regionalzeitungen wird lediglich die Kategorie Abo+EV angegeben, sind Bordexemplare und andere, größere Geschenke in dem Umfeld wohl nicht so üblich. Hier nur zwei Erwähnungen, weil mir die Kandidaten aus aktueller Gegebenheit bzw. aus historischen Verläufen nicht unbekannt sind.

Beim Berliner Tagesspiegel geht es kräftig, um 6,4% abwärts, wird dieser Verlust allerdings gleich mehrfach getoppt. Die B.Z. (-6,7%), die Berliner Morgenpost (-8,0%) und die Berliner Zeitung (gar -8,1%) verlieren noch mehr als der Auflagen-Spitzenreiter.

Aus Hessen, aus vielen beruflichen Aufenthalten dort in der Region ist mir das Darmstädter Echo bekannt.  Um 4,0% geht es bei dieser Zeitung abwärts, wobei mir einerseits der regelmäßig mitlesende Zugriff (wie eben beim Tagesspiegel) fehlt, von Problemen und den dann gängigen Sparrunden jedoch in den letzten Jahren immer mal zu hören war.


 

Aktuelle IVW-Zahlen (Zeitschriften) via MEEDIA

Aktuelle IVW-Zahlen (Zeitungen)  via MEEDIA

Aktuelle IVW-Zahlen (Regionalblätter) via MEEDIA


Ergänzung:

Die genannten Daten sind die von den Verlagen gemeldeten. In wieweit diese Zahlen zu verifizieren sind, dies auch getan wird, darüber ist dem Blogautor nichts bekannt; ebensowenig, ob eine Teilnahme an der Erhebung Pflicht ist.

Kommentare

Interessant jedoch, dass diese Entwicklung, die mit einem begründeten Misstrauen gegenüber der medialen Berichterstattung einhergeht, nirgendwo im Mainstream in einen kausalen Zusammenhang mit der so deutlichen Kampagnenausrichtung am US- & Nato-orchestrierten Kriegskurs diskutiert wird. Offensichtlich nehmen die Herausgeber all dieser mediale Organe lieber den langsamen Tod in Kauf, als ihre redaktionelle Linie in Frage zu stellen.

Da Konzernmedien jedoch als Geschäftsmodelle einer kapitalistischen Logik entsprechend Profitmaximierung betreiben müssen, stellt sich dann jedoch die Frage, womit die Medienkonzerne denn dann heute noch Profit machen. Denn die Anzeigenkunden schwinden mit dem Leserinteresse ja auch (&orientieren sich zunehmend an Google).

Im Falle Bertelsmanns, eines Konzerns, der ja nicht nur der zweitgrößte deutsche Medienkonzern ist, sondern auch der fünftgrößte der USA & der Welt, hat hier - neben anderen - Jens Wernicke das gar nicht mehr an den Printorganen selbst orientierte Geschäftsmodell ausgearbeitet.

http://www.amazon.de/Netzwerk-Macht-Bertelsmann-medial-politische-G%C3%B...

http://www.amazon.de/Bertelsmannrepublik-Deutschland-Stiftung-macht-Poli...

http://www.amazon.de/Bertelsmann-Fassade-Medienimperiums-Frank-B%C3%B6ck...

 

Auch bei Springer ist alles in papierne Form nur noch ornamentales Beiwerk. Beide Konzerne dürften tief mit dem Silicon Valley im Bett sein.

 

Deshalb ist auch die Frage, ob das Netz noch lange ein Ort der alternativen Diskussionsforen bleiben wird oder ob diese nur so lange sich dort tummeln dürfen, wie es rational zu sein scheint, sie dort - im überwachten und befriedeten Raum unter Kontrolle zu halten.

Das, was wir aber versuchen sollten, für eine offenere Diskussion zurückzuerobern, ist der ÖR: Schließlich bezahlen wir ihn alle. (Die privaten Medien ja auch: für Tätigkeiten & Kommunikationskanäle, die wir gar nicht unmittelbar als die ihrigen erkennen.

 

Aber es wäre auch eine interessante Sichtweise, wie sich die Leser umorientieren, die inzwischen den Leitmedien den Rücken gekehrt haben. Wer fischt die ab? Alternatve Foren? Welche? Oder nur die (gleichfalls geheimdienstlich kontrollierte) Kommunikationswelt von Facebook & Twitter?

Eine wirklich strategische Auseinandersetzung, wie ein Widerstand gegen den Monopolkapitalismus & seine immer kriegerischere Prägung des Politischen, erfolgreich kommunizieren könnte, habe ich nirgendwo in gebotener Tiefe geführt gesehen. Noch sind die Gegenstimmen zu wenige. Noch müssen sie überhaupt darum ringen, wahrgenommen zu werden. Wenn es mehr würden & sie (aus Sicht der Hegemonialkräfte) wirklich für deren Machterhalt gefährlich werden könnten, könnten sie sich nicht mehr aufs Netz verlassen - wo man sie rund um die Uhr überwachen & einfach abschalten kann.

Es sieht also trotz des offensichtlichen Bröckelns der Bindekraft der korrumpierten Eliten nicht besonders rosig aus für die Durchsetzung einer alternativen Politik. Und ohne die klassischen Widerstandsformen der Straße (Demos, Streiks), die Geheimdienste ja auch gründlich studiert haben, um sie jederzeit spalten zu können, dürfte nichts wirklich eine Chance haben.

Doch langweilig wird's nicht werden, da inzwischen jeder, der ein Gewissen & ein wenig analytisches Denkvermögen hat, grundleged gefordert ist.

Bild des Benutzers ebertus

als wenn das nicht mehr lange dauern dürfte, wie Du schreibst:

"Deshalb ist auch die Frage, ob das Netz noch lange ein Ort der alternativen Diskussionsforen bleiben wird oder ob diese nur so lange sich dort tummeln dürfen, wie es rational zu sein scheint, sie dort - im überwachten und befriedeten Raum unter Kontrolle zu halten."

Der schnöden Betriebswirtschaft wird wohl eher via der Stiftungen abgedeckt, da kann (auch staatlich) relativ verdeckt subventioniert werden; auch wenn der letzte Abonnent gekündigt, der letzte Kioskkäufer sich verweigert hat hat.

Andererseits wird die (natürlich, glücklicherweise) sehr heterogene, dezentralisiert daherkommende Gegenöffentlichkeit mit Sicherheit nicht mehr lange sich derart, relativ frei tummeln können. Das sehe ich genauso. Und ich sehe auch einen gewissen Zielkonflikt zwischen der von Dir geforderten strategischen Auseinandersetzung und dieser doch nicht zuletzt schützenden Dezentralisierung; auch der heterogenen Ausrichtung, soweit nicht gerade diametral entgegengesetzte Positionen vertretend.

Einhegung oder gar Unterwanderung ist bei dieser Konstellation nicht so einfach zu relisieren, ohne gleich jede demokratische Legitimierung offen zu negieren. Aktuell, am Beispiel von Justizminister Maas, dessen Kampfansage (auch) an seriöse Spitzenjuristen kann beobachtet werden, wie schwer sich die postulierte Alternativlosigkeit doch tut.

Insofern bin ich nicht einmal zu pessimistisch.

...erodiert ja beachtlich. Ich merke oft bei Gesprächen mit Schülern, dass doch das, was wir in unseren "Nischen" miteinander diskutieren, doch zu immer mehr Menschen durchsickert. Von daher kann auch die Aufrechterhaltung der medialen "Brands" die Erosion ihrer Wirkung nicht mehr aufhalten.

Was aber folgt dieser Erosion? Erwächst, da ja auch die Bindekraft vormaliger Strukturen von "unten" [wie den gezähmt & in den Spitzen häufig korrumpierten Gewerkschaften] schwindet, denn aus der bröckelnden Glaubwürdigkeit des nur noch "Eliten" dienenden Systems eine alternative Handlungslogik? Oder müssen wir reinen Verfalll fürchten?

Dieser Gedanke treibt mich um. 

Ich sehe da noch nichts. Und zwar gar nichts.

Die, die irgendwie noch strukturell verbunden sind, sind Leute unseres Alters. Die Jungen verstärken lieber die Nestwärme im unmittelbar familiären & sozialen Umfeld. Sie sind durchaus skeptisch, aber organisieren sich viel weniger. (Bei den letzten TTIP-Protesten zeigten sich zaghaft erste Ansätze einer neuen politischen Motivation Jugendlicher. Die Frage ist, wie viel sich davon noch in dieses Jahr hineinretten wird.)

Vielleicht will gut Ding auch nur Weile haben. Aber haben wir die? Oder rennt uns die Zeit davon?

Ich bin gerne otpimistisch. Aber dazu brauche ich doch gelegentlich handfeste Gründe.