24 Aug 2015

Buchprojekt "Was es ist", Kapitel 14.: Wahres und falsches Selbst

Submitted by Delloc


„Auf immer und ewig können Sie woanders nach Wahrheit, Liebe, Intelligenz und Wohlwollen suchen, Gott und die Menschen anflehen – alles umsonst. Sie müssen bei sich selbst anfangen, mit sich selbst, das ist das unumgängliche Gesetz. Sie können nicht das Spiegelbild ändern, ohne Ihr Gesicht zu ändern. Realisieren Sie zuerst, dass die Welt nur eine Reflexion Ihrer selbst ist, und hören Sie auf, nach Fehlern an der Reflexion zu suchen.


 

Beschäftigen Sie sich mit sich selbst, bringen Sie sich selbst in Ordnung – mental und emotional. Das Physische wird automatisch folgen. Sie reden so viel von Reformen, ökonomisch, sozial, politisch. Lassen Sie ab von den Reformen, und kümmern Sie sich um den Reformer.

Was für eine Welt kann jemand erschaffen, der dumm, gierig und herzlos ist? Es ist weder nötig noch möglich, andere zu ändern. Aber wenn Sie sich selbst ändern, werden Sie feststellen, dass keine anderen Veränderungen nötig sind. Um den Film zu ändern, wechseln Sie einfach die Filmrolle aus, Sie attackieren nicht die Leinwand. Sie müssen aufhören, im Äußeren zu suchen, was nur im Inneren gefunden werden kann. Klären Sie Ihre Sicht, bevor Sie anfangen zu agieren. Läutern Sie Ihren Verstand, reinigen Sie Ihr Herz, heiligen Sie Ihr Leben – das ist der schnellste Weg, Ihre Welt zu verändern.“ (Nisargadatta Maharaj)

 

Die Welt, in der wir leben, ist nicht die Welt, in der Du lebst. Wenn Du das überprüfen möchtest, unterhalte dich mit einem Nachbarn oder einer Freundin und Du wirst feststellen, dass jeder Mensch die Welt anders sieht und beschreibt. Es existieren nebeneinander genauso viele Bilder von der Welt, wie es wahrnehmende Menschen gibt, und mit jedem Tag, mit jeder Stunde, Minute und Sekunde kommen unzählige neue Wahrnehmungen, Perspektiven und lebendige Erfahrungen hinzu.

 

Die erste Erkenntnis, die Du aus dieser Vorstellung leicht gewinnen kannst, heißt: Die Welt, in der wir leben, besteht in Wahrheit aus unendlich vielen Welten. Und Aussagen über die Welt, in der wir leben, sind lediglich ein verschwindend kleiner Ausschnitt der totalen Lebenswirklichkeit. Die Totalität der Welt ist so gigantisch und vielfältig, dass alle Beschreibungen nur willkürliche subjektive Erinnerungsfetzen sein können.

Die Willkür ist Ausdruck eines persönlichen Interesses. Jeder Autor verfolgt eigene Absichten, und wenn diese persönlichen Absichten nicht ausdrücklich genannt werden, ist das bereits der Versuch eines gedanklichen Betrugsmanövers:

Unter dem Deckmantel einzelner Fakten und sogenannter Tatsachen wird ein Trugbild von Totalität vorgetäuscht. Viele Politiker, aber auch Wissenschaftler, sind ganz besessen von der Erzeugung und Verbreitung solcher Hirngespinste.

 

Dabei ist die Gefahr der betrügerischen Dissoziation schon lange bekannt. Von Jesus Christus werden im Thomas-Evangelium die Worte überliefert: „Wer den Kosmos erkennt, sich selbst aber verfehlt, verfehlt den Kosmos.“  In dieser Aussage wird auf die Erkenntnis verwiesen, dass es gar keine Welt gibt, die unabhängig von dir und mir definiert werden könnte. Das heißt:

 

Die einzige Wahrheit, die von dir erkannt werden kann, ist der Kosmos in dir.

 

Nichts anderes beschreibt Maharaj.

 

Das wird anfangs ziemlich neu und teilweise unbehaglich für dich sein. Denn nur auf deine Sinnesorgane kannst du dich bei dieser Suche nicht verlassen: das menschliche Nervensystem ordnet nämlich willkürliche Einzelheiten automatisch so zu, dass ein Gesamtergebnis dabei herauskommt. Wie bei einem Puzzle, in dem viele Schnipsel fehlen, wird trotzdem gedankenschnell und phantasiereich ein Gesamtbild entworfen.

 

„Sonne, Wind und Meer“ beispielsweise reichen als Vokabeln völlig aus, um sofort die komplette Szenerie eines südlichen Urlaubsortes auf die innere Leinwand zu zaubern. Und in dieser Szenerie können Erinnerungen und Phantasie wild miteinander gemischt und verknüpft werden. Diese Automatik kann die Ergebnisse deiner Suche stark beeinträchtigen.

 

Wie wir aus der modernen Hirnforschung erfahren, ist die Hirnaktivität auf die Tätigkeit von Nervenzellen zurückzuführen, die Neuronen genannt werden. Diese Neuronen befinden sich über Neurotransmitter (Botenstoffe) in einem ständigen Informationsaustausch über Sinneswahrnehmungen, Emotionen, Gedanken, Erinnerungen und Problemlösungen.

Die Neuronen errichten feste Verbindungen miteinander, auf denen sie sich immer wieder die gleiche Art von Botschaften übermitteln.

Sinn und Zweck dieser Wiederholungen liegt darin begründet, dass Informationen nur durch  Pulsierungen übertragen werden können. Durch diese Pulsierungen entstehen aber mentale Automatismen und das führt zu gleichbleibenden Bewertungen von Emotionen, Gedanken, Begegnungen und Erfahrungen.

Die Informationsautomatik unserer Neuronen sorgt also dafür, dass unsere Vorstellung von der Welt, in der wir leben, relativ stabil und widerspruchsfrei bleibt. Diese Eigenschaft wird oft damit erklärt, dass der ursprüngliche Zweck des Gehirns darin bestand, das Überleben des Körpers zu sichern. Und um diesen Zweck zu erfüllen, waren Lernerfolge von Vorteil, Gefahren wiedererkennen und bewährte Überlebensstrategien erinnern und wiederholen zu können.

Damit diese Erinnerungen spontan aktiviert werden können, müssen sie als Routineprozesse in den neuronalen Netzen des Gehirns verankert sein. Und diese Verankerung geschieht durch mehr oder weniger rhythmische Wiederholungen, im Extremfall durch unzählige Endlosschleifen. Jeder Mensch, der einmal die Erfahrung eines Ohrwurms gemacht hat, weiß ungefähr, wie sich das anfühlt.

 

Diese Wiedererkennungsautomatik führt allerdings auch zu kognitiven Beeinträchtigungen, die der US-amerikanische Psychologe Stephen Wolinsky (s.o.) als subjektive Tranceformen beschreibt. (Die alltägliche Trance, ebd.)

 

Allen Tranceformen liegt immer eine verfestigte Überzeugung, ein tief verinnerlichter Glaube, zugrunde. Und die jeweilige Qualität der Tranceform ist auf das Ziel hin optimiert, die Wahrnehmungen des  jeweiligen Menschen „ausschließlich auf die Erfahrungen (zu) begrenzen, die seine Überzeugung bestätigen.“ (Stephen Wolinsky, Das Tao des Chaos, Freiburg i. Br., 1996, S.43)

 

Wenn Du also beginnst, den Kosmos in Dir zu entdecken, wirst Du unweigerlich auf etwas stoßen, was dir wie eine Heimat, ein Zuhause, sanft und ganz vertraut erscheinen und begegnen wird. Darin wird sich dir die Einzigartigkeit deiner Persönlichkeit zeigen. Wie Du mit der Welt kommunizierst, auf welche Resonanzen Du reagierst, wie Du sie interpretierst und in welcher Weise Du deine Schlussfolgerungen ziehst.

Dabei geht es hauptsächlich darum, die in dir existierenden Wahrheiten, deine verfestigten Überzeugungen, zu bestätigen und zu beglaubigen. Es geht um die Ich-Existenz und ihr Selbstverständnis. Stephen Wolinsky nennt das die „Selbstorganisation unseres inneren Universums zu Aufrechterhaltung des eigenen Gleichgewichts.“ (Das Tao des Chaos, ebd., S. 46)

 

Dabei wird die Nützlichkeit des neuronalen Reaktionsmusters zum Zeitpunkt der Entstehung nicht bestritten. Wenn ein Sohn beispielsweise durch Nachahmung von Melancholie, die er bei seiner depressiven Mutter erfahren hat, Aufmerksamkeit und Zuwendung erhält, ist diese Methode als Überlebensstrategie der Kindheit durchaus effektiv. Wenn sich die Melancholie dabei durch häufige Wiederholungen zu einem eigenen Gefühlsstandard verfestigt, wird daraus ein Problem erwachsen:

Um diesen Zustand aufrechtzuerhalten, wird er sich selbst so organisieren, dass er nur mit Frauen eine Beziehung beginnt, die ihn schlecht behandeln. (Stephen Wolinsky, Das Tao des Chaos, ebd., S. 43) Auf diese Weise erfährt er dann die Bestätigung, dass seine Melancholie die Wirklichkeit durchaus treffend zurückspiegelt.

 

Um Veränderungen bewusst zu erleben, braucht es eine ausreichende Energiezufuhr der beteiligten Organe. Aus der Systemtheorie wissen wir, dass alle dynamischen Systeme die Absicht verfolgen, sich einer Kraft anzunähern, die man „Attraktor“ nennt. Der Attraktor besitzt eine ähnliche Anziehungskraft wie ein Magnet und beeinflusst so die Richtung und Geschwindigkeit, mit der ein Energiefeld sich bewegt. Dabei sorgt der Attraktor dafür, dass das Feld stabil und unveränderlich bleibt. Deshalb spricht man auch von einer fatalen Attraktion, wenn durch die Anziehung immer dieselben begrenzten Ergebnisse erzielt werden.

Alle Formen von Sucht und Besessenheit sind Beispiele für fatale Attraktoren, wenn die Stabilität eines Systems zu permanenten chaotischen Kollisionen mit Nachbarsystemen führt. Aber auch häufig wiederkehrende Aggressionen und Streitigkeiten sind Ausdrucksformen stabil wirkender Attraktoren.

Immer wenn du den Eindruck hast, auf einem vertrauten Rummelplatz wieder und wieder im Kreis vertrauter Gefühle und Gedanken Karussell zu fahren, kannst du die Wirkung von Attraktoren fühlen.

 

Wenn psychomentale Gewohnheiten immer wieder zu fatalen Resultaten führen, wird irgendwann der Wunsch überwiegen, den Attraktor zu überlisten. Dies kann nur dann geschehen, wenn die „Wüste der Gewohnheit“ („Le désert de l’habitude“, Mikis Theodorakis) verlassen wird.

Durch neue reflektierte Beobachtungsperspektiven kann in das sich selbst organisierende System eine zusätzliche Energie – eine Art trojanisches Pferd – eingeschleust werden, die das Geschehen von innen heraus verändert. Das trojanische Pferd kann z. B. ein zusätzlicher Beobachterspion sein, der sich das System so lange anschaut, bis er seiner Funktionsweise auf die Schliche gekommen ist – den nötigen Leidensdruck und die damit verbundene Beharrlichkeit vorausgesetzt. So kann eine neue Ordnung entstehen.

 

Eine neue psychomentale Ordnung zu erschaffen ist die wichtigste Funktion jeder Psychotherapie, mit dem Ziel, Patienten als Generatoren energetisch so aufzuladen, dass sie den Mut und die Kraft entwickeln, fatale Gewohnheiten zu verlassen. 

 

Falls Du jetzt denkst, du müsstest tiefgründige Bücher lesen, eine Universität besuchen oder einen Coach engagieren, um zu einem energetischen Generator zu werden, dann habe ich hier eine gute Nachricht für dich: quantenphysikalische Versuche der achtziger und neunziger Jahre haben gezeigt, dass allein durch Beobachten wirksame Beeinflussungen scheinbar unabhängiger Systeme und Prozesse stattfinden. Und es besteht kein Zweifel, dass dies auch für unseren Körper und unser Gehirn gilt, weil wir aus der gleichen Substanz wie Quantensysteme bestehen und auch genauso funktionieren.

Dass dieser Einfluss überwiegend auf die veränderte Dimension des Raumes (Kontext) und nicht auf analytische Erkenntnisse zurückzuführen ist, soll hier nur kurz erwähnt werden. (Vgl. http://umsetzbare-metaphysik.com/cms/de/raumdimension.asp)

 

Die Fähigkeit des menschlichen Gehirns, alte neuronale Verbindungen durch neue zu ersetzen, nennt man in der Gehirnforschung auch neuronale Plastizität. In der buddhistischen Nomenklatur wird dieses Phänomen Geschmeidigkeit des Geistes genannt. Die buddhistischen Belehrungen für den Pfad zur Erleuchtung richten sich deshalb auch zunächst auf das Ausräumen von mentalen, durch Gewohnheiten geprägten Altlasten, die einer Neuschöpfung im Wege stehen.

 

Doch nicht nur im Buddhismus wird Bewusstheit als Vehikel der Freiheit gepriesen. In “Journey with a Sufi Master” schreibt “H. B. M. Dervish”:

 

„Die meisten Menschen verweilen auf Dingen, die sie befürworten. Wenn dir jedoch ... etwas fremd oder gar unannehmbar vorkommt, solltest du ihm deine besondere Aufmerksamkeit widmen, denn fast immer bedeutet das, dass etwas wirklich Lehrreiches gegen deine Vorurteile geprallt ist, die nun versuchen, es von sich zu weisen und dich in Knechtschaft zu halten. Sufi-Lehrer rufen manchmal hoch-dramatische ‚Zwischenfälle’ hervor, um Menschen, die zutiefst konditioniert sind, zu psychologischen Einsichten zu verhelfen.“ (Zitiert aus: Das Tao des Chaos, ebd., S.47)

 

Rainer Maria Rilke hat in seinen (unvergleichlichen) Gedichten dieses Thema auch immer wieder zum Ausdruck gebracht:

 

Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert,

drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen prunkt;

jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert,

liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt.

 

Was sich ins Bleiben verschließt, schon ists das Erstarrte ;

wähnt es sich sicher im Schutz des unscheinbaren Grau´s?

Warte, ein Härtestes warnt aus der Ferne das Harte.

Wehe - : abwesender Hammer holt aus !

 

Wer sich als Quelle ergießt, den erkennt die Erkennung;

und sie führt ihn entzückt durch das heiter Geschaffne,

das mit Anfang oft schließt und mit Ende beginnt.

 

Jeder glückliche Raum ist Kind oder Enkel von Trennung,

den sie staunend durchgehn. Und die verwandelte Daphne

will, seit sie Lorbeern fühlt, dass du dich wandelst in Wind.

 

oder

 

Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter

dir, wie der Winter, der eben geht.

Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter,

dass, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht.

 

Sei immer tot in Eurydike -, singender steige,

preisender steige zurück in den reinen Bezug.

Hier, unter Schwindenden, sei, im Reiche der Neige,

sei ein klingendes Glas, das sich im Klang schon zerschlug.

 

Sei - und wisse zugleich des Nicht-Seins Bedingung,

den unendlichen Grund deiner innigen Schwingung,

dass du sie völlig vollziehst dieses einzige Mal.

 

Zu dem gebrauchten sowohl, wie zum dumpfen und stummen

Vorrat der vollen Natur, den unsäglichen Summen,

zähle dich jubelnd hinzu und vernichte die Zahl.

 

 

Wenn Mahatma Gandhi sagt „Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir für die Welt wünschst!“, liegt in dieser Aufforderung die Erkenntnis, dass allein eine veränderte Subjektivität die Quelle aller wirklichen Veränderungen bildet.

 

In der Psychologie versucht man dies z. B. durch „Bifurkation“ zu erreichen:

 

der Therapeut verschlimmert einen Zustand, um einen Krisenzustand zu erschaffen, der die Erweiterung von Überzeugungen bewirken soll, um verfestigte Muster auf eine höhere Ebene zu befördern, wo sie sich verändern oder gar auflösen können.

 

Viele denken, dass psychomentale Überzeugungen (Ethik, Moral) und religiöse Glaubensinhalte die Menschheit auf den Pfad der Tugend führen.

Nisargadatta Maharaj hält dagegen: „Ohne Selbsterkenntnis ist keine Tugend echt. ... Was ist Religion? Eine Wolke am Himmel. Ich lebe im Himmel, nicht in den Wolken, die nichts als ein Haufen Worte sind. Entfernen Sie die Worte, und was bleibt übrig? Die Wahrheit bleibt übrig. ... wahre Kommunikation zwischen Menschen findet nicht auf der verbalen Ebene statt. Um Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, bedarf es eines liebevollen Gewahrseins, das sich in direkten Handlungen ausdrückt. Nur was Sie tun zählt, nicht, was Sie sagen. Der Verstand erschafft die Worte, aber sie haben nur auf der Ebene des Verstandes eine Bedeutung. Sie können das Wort „Brot“ weder essen noch davon leben. Es vermittelt lediglich eine Vorstellung und erhält erst dadurch, dass man das Brot tatsächlich isst, eine Bedeutung.

Worte sind von sehr beschränktem Wert, aber wir überstrapazieren sie und bringen uns an den Rand einer Katastrophe. Unsere edlen Vorstellungen werden von unseren unedlen Handlungen aufgehoben. Wir reden über Gott, Wahrheit und Liebe, doch anstatt sie direkt zu erfahren, geben wir uns mit Definitionen zufrieden. Anstatt unsere Handlungen zu vertiefen und auszuweiten, verfeinern wir unsere Definitionen und glauben dabei auch noch, dass wir wissen, was wir definieren können!“

 

Begriffliches Denken ist auch deshalb so gefährlich, weil es einen Erkenntnisgewinn vortäuscht, der gar nicht vorhanden ist. Der unbewusste Automatismus der Selektiven Wahrnehmung hat nämlich bereits aussortiert, was zur persönlichen Vorstellungswelt unpassend erscheint, sodass gedankliche Reflektionen in einem Raum stattfinden, der subjektiv willkürlich und dementsprechend unwirklich ist. (s. o. „fatale Attraktoren“)   

 

„Nur indem ihr verhindert, dass begriffliches Denken entsteht, werdet ihr Bodhi (= Erleuchtung...) erfahren.“ (Huang–Po, Der Geist des Zen, John Blofeld (Hrsg.), Bern u. a. 1987, S. 51)

 

Begriffslosigkeit als willentliche Entscheidung schließt bewusst jene Dimension aus, in der Wissen über die Erscheinungsformen des Lebens angehäuft wird. Begriffslosigkeit setzt eine andere Priorität, durch die das Universum als tätige, lebendige Schöpfung des Augenblicks erkannt wird. Nur so ist die existenzielle und kommunikative Beteiligung des Menschen als Identität des Selbst mit dem Selbst möglich.   

Ramana Maharshi bezeichnet diese erkennende Bewegung des Bewusstseins, die über das Denken hinausgeht, als „SEIN“ und den „Raum“, in dem Erkennen und Erkanntwerden eins werden, als „Herz“. Dieses „Herz“ zu finden, bedeutet in der „Wirklichkeit des Namen- und Gestaltlosen die eigene Wirklichkeit zu erleben, in IHM aufgehn und Eins mit IHM sein.“ (Ulladu Napardu, Vers 8)

Ramana nennt es das „Selbst“, bei dessen „Erreichen im Herzen“ das „ich“ des Egos „gleichsam in Scham sein Haupt neigt“. (Ebd., Vers 30)

 

Zuvor (Vers 25) beschreibt er dieses „ich“ als ruhelosen, flüchtigen „Dämon“:

 

„Es greift nach einer Form – und so entstand es;

Hält fest an einer Form – so dauert es;

Es nährt von Formen sich – so wird es groß.

Es tauscht nur eine Form für eine neue,

Suchst du nach ihm: Es flieht vor dir!

Ergründe dieses „ich“: Es ist ein Dämon,

Und ohne eig’ne Form.“

 

Und erst, wenn „das „Herz“ erreicht“, „erstrahlt von selbst ein „Ich-ich““, ist die „Vollkommenheit“ des „Selbst“ (Vers 30) präsent und der „ich-Dämon“ verschwunden. „Der Untergang des „ich“...das ist die Freiheit.“ (Vers 40)

 

Verschiedenste Tranceformen (s.o.) verfolgen das Ziel, den „ich-Dämon“ in der Weise zu füttern, sodass die angesammelten Bilder, Erinnerungen, Überzeugungen, Assoziationsmuster, etc. "Angstabwehr" und "Lustgewinn" in idealer Weise maximieren und optimieren. Warum diese Ziele durch Projektionen aber nicht erreichbar sind, wird in „Ein Kurs in Wundern“ anschaulich beschrieben:

 

„1. Jede Spaltung des Geistes beinhaltet zwangsläufig die Zurückweisung eines Teils davon, und das ist der Glaube an die Trennung. ... Ausschluss und Trennung sind synonym, wie Trennung und Dissoziation es sind. Wir haben schon gesagt, dass die Trennung Dissoziation war und ist und dass, sobald sie geschieht, die Projektion zu ihrer Hauptabwehr wird oder zu jener Einrichtung, durch die sie in Gang gehalten wird. Der Grund dafür mag jedoch nicht so offensichtlich sein, wie du denkst.

2. Was du projizierst, das erkennst du nicht als zu dir gehörig an, und daher glaubst du auch nicht, dass es dein ist. Du schließt dich selbst gerade durch das Urteil aus, dass du anders bist als derjenige, auf den du projizierst. Da du auch gegen das, was du projizierst, geurteilt hast, greifst du es weiterhin an, weil du es weiterhin von dir getrennt hältst. Indem du dies unbewusst tust, versuchst du die Tatsache, dass du dich selbst angegriffen hast, aus deinem Bewusstsein fernzuhalten, und bildest dir auf diese Weise ein, dass du dich selbst in Sicherheit gebracht hast.

3. Die Projektion wird dich aber immer verletzen. Sie verstärkt deinen Glauben an deinen eigenen gespaltenen Geist, und ihr einziger Zweck ist der, die Trennung in Gang zu halten. Sie ist einzig und allein eine Einrichtung des Ego, damit du dich anders als deine Brüder und getrennt von ihnen fühlst. Das Ego rechtfertigt das mit der Begründung, dass sie dich »besser« erscheinen lässt als diese, und verschleiert dadurch deine Gleichheit mit ihnen noch mehr. Projektion und Angriff sind unvermeidlich miteinander verbunden, weil Projektion immer ein Mittel ist, um den Angriff zu rechtfertigen. Ärger ohne Projektion ist unmöglich. Das Ego benutzt die Projektion nur dazu, um deine Wahrnehmung sowohl deiner selbst als auch deiner Brüder zu zerstören. Der Prozess beginnt damit, dass du etwas ausschließt, das in dir existiert, das du aber nicht haben willst, und führt geradewegs dazu, dich von deinen Brüdern auszuschließen.“ (Ebd., 4. Aufl. Gutach i. Br. 1999, Textbuch, S. 96)

 

In diesem Zusammenhang erscheint das „Urtrauma“ des Kleinkindes, das gewöhnlich als einmaliges Schockerlebnis beschrieben wird, in einem neuen Zusammenhang. Demnach ist es nicht nur die deutliche Erfahrung, dass die Einheit mit der Mutter verloren wurde, sondern auch die Reizüberflutung von Bildern, Gedanken und Gefühlen, die diese Erfahrung verstärken. Dabei scheint die Erinnerung an das Einsseins noch so stark zu sein, dass die projektive Wahrnehmung von Ich und Außenwelt als getrennte Wirklichkeiten nicht überwiegend als Verletzung erlebt wird – trotz der ohrenbetäubenden Schreie, die diese Kindheitsphase begleiten.

Der Unterschied des ursprünglichen Einsseins zur dualen Erfahrung von Ich, Körper und Außenwelt stimuliert zudem im Kind eine unablässige Suche, eine unendliche Neugier, die zum Ziel hat, den Verlust der Einheit wieder rückgängig zu machen. Dazu beginnt es, alle Strukturen und Muster geistiger, energetischer und emotionaler Art, die es in seiner unmittelbaren Umgebung erlebt, zu imitieren und zu beurteilen, welche gut, weniger oder gar nicht geeignet sind.

So entstehen die Reiz-Reaktions-Schemata des konditionierten Geistes, die wir „Persönlichkeit“ nennen. Der Automatismus, der in solchen neuronal gebildeten Netzwerken wiederholt die gleichen Schleifen fährt, ist aufgrund äußerlicher Veränderungen und Lebenszusammenhänge oft nicht leicht zu durchschauen. Erst wenn die daraus resultierenden Wahrnehmungen wiederholt zu Misserfolgen führen, leidvolle Krisen bewirken oder Krankheiten hervorrufen, geraten sie in den Fokus, bewusster wahrgenommen zu werden.

Je später Bewusstheit in die Automatismen des menschlichen Lebens eingreift, desto schwerer ist der Rucksack, der in den Jahren zuvor mit nutzlosem Plunder und Gepäck beladen wurde. Soll aber irgendwann mit einer befreienden Entladung begonnen werden, dann wissen viele Menschen nicht, wie das geschehen könnte.

 

Wenn dieses Bekenntnis zum Nicht-Wissen – aus dem tiefsten Tal leidensvoller Lebenskrisen geboren – erhalten bliebe, wäre die längste Strecke des Weges schon zurückgelegt. (!)

Diese ungewöhnliche Ansicht schöpft ihr Geltung aus dem Vertrauen auf ein Universum, das sich in jedem Augenblick aus sich selbst heraus als lebendige Bewusstheit manifestiert, ohne dass es über das Wahrgenommenwerden durch die Wahrnehmung noch einer weiteren absichtsvollen Anstrengung bedarf.

Anders gesagt: Wenn ich der einfachen Bewusstheit einer bestimmten Fokussierung gestatte, wirksam zu sein und dabei verhindere, dass sie sich mit gedanklichen, bildhaften, gefühlsmäßigen oder anderen Projektionen verbindet, verlieren die unbewussten Muster und Tranceformen allmählich ihre Kraft und verblassen nach und nach.

Diese Wirkung wird durch eine Erweiterung der universalen Bewusstheit möglich, vergleichbar dem dunklen Ursprung des Subquantenfeldes, das aus sich selbst heraus permanent Licht erzeugt.

Manche Autoren beschreiben diese Bewusstheit („awareness“) auch als Feuer, das die „ungekochten Saaten“ („uncooked seeds“) des Unbewussten ein für alle Mal so restlos verbrennt, dass sie nie wieder keimen können.

 

The whole world is illusory

because it is just your projection.

Once your projections disappear,

then suddenly you become aware

that the whole world has disappeared,

and another world has arisen,

the real.

When you don’t have anything to project,

then the real arises,

that which is.

Call it god, call it truth,

or whatsoever you like;

but the only way to know that truth,

is to become aware of your projections.

And in awareness they start dropping by and by.

The day is not far off when projections will disappear,

if you can remain aware.

Awareness is a tremendous fire,

it burns all, root and all.

It burns the very seeds.

And only then, the truth is realized.

(Osho)

 

 

Dabei findet „Verbrennung“ als „Entwaffnung“ unbewusster Reiz-Reaktionsmechanismen immer nur im gegenwärtigen Augenblick ihrer Wirkungen statt. Wenn die Energie situativer Aufmerksamkeit aber von dem Reiz total verbraucht wird, wie soll dann zusätzlich das Feuer erweiterter Bewusstheit generiert werden?

 

Der radikalste Weg der „Entwaffnung“ unbewusster Reiz-Reaktionsmechanismen wird in „Ein Kurs in Wundern“ beschrieben. „Entwaffnung“ geschieht unmittelbar durch „Versöhnung“, indem alle Projektionen durch „Vergebung“ gesühnt werden.

Das bedeutet, dass alle Reiz-Reaktionsmechanismen keinerlei Bedeutung im Hinblick auf irgendwelche Bewertungen oder Beurteilungen besitzen, sodass jeder Versuch einer Interpretation oder Sinngebung fruchtlos bleiben muss.

Jede Identifikation mit Projektionen, durch die der Energielevel einfacher Wahrnehmung erhöht wird, ist demnach überflüssig und reine Energieverschwendung.

Allen Projektionen zu vergeben, ermöglicht erst die „Anerkennung“, dass „du nicht von dieser Welt bist, denn die Welt ist unglücklich. Wie kannst du Freude finden an einem freudlosen Ort, außer durch die Einsicht, dass du gar nicht dort bist?“. (Ebd., Textbuch, S. 97)

In diesen Worten werden Freude und Glück als die tiefsten Sehnsüchte der Menschen berührt und gleichzeitig darauf hingewiesen, wo und wie sie unerfüllt bleiben. „Die Wahrnehmung des Ego hat keine Entsprechung in Gott“ (Ebd.)

 

„Kümmere dich nicht um die Welt. Glaube nicht, dass du Frieden in diese Welt bringen musst. Es gibt eine größere Kraft, die den Weg kennt, die für die Welt und das ganze Universum sorgt. Und die braucht keine Hilfe von dir. Die einzige Art, wie du der Welt helfen kannst, ist durch dein Aufwachen, deine Erleuchtung. Wie hilfst du der Welt durch deine Erleuchtung? Wenn du erleuchtet bist, bist du nicht mehr der Körper. Du bist Allumfassendes Bewusstsein, Absolute Realität. Du bist Grenzenloser Raum. Du bist die Bäume, die Berge, die Flüsse, die Tiere, die Insekten, die Vögel. Du bist alles geworden. Du bist das Selbst. Das unvergängliche, unveränderliche Selbst.“ (Robert Adams)