23 Jul 2015

Buchprojekt "Was es ist", Kapitel 11.: Eine verhängnisvolle Identifikation

Submitted by Delloc

11. Eine verhängnisvolle Identifikation

„Geist ist nichts als die Identifizierung des Selbst mit dem Leibe. Damit wird ein falsches "ich" geschaffen, das aus sich heraus wieder falsche Erscheinungen schafft und sich unter ihnen umher bewegt; alles dieses ist Wahn. Das Selbst ist die einzige Wirklichkeit.“ (Ramana Maharshi)

Die zunehmende Entmenschlichung der Welt ist die Folge eines vulgären Materialismus, dem Wissenschaft und Ökonomie verfallen sind und den sie wie einen Götzendienst praktizieren. Zwar hat die neue Physik erkannt, „dass die Materie nicht das Fundament unserer Wirklichkeit ist“ (Hans-Peter Dürr), trotzdem dreht sich in den Zentren der Macht alles darum, die Verdinglichung der Welt wie ein wucherndes Krebsgeschwür zu verbreiten. Das Ziel heißt Entsubjektivierung alles Lebendigen und Unterwerfung unter die Diktatur der Finanzmafia.

Wie bei einer Virus-Epidemie wird jede (demokratische) Selbstbestimmung mit den Krankheitserregern des Profits infiziert und erbarmungslos niedergeschlagen. Das aktuelle Unterdrückungsszenario in Griechenland ist ein beispielhaftes Lehrstück, was die Casinomafia und ihre Politlakeien unter Solidarität, Wettbewerbsfähigkeit und Reformen verstehen.

Doch der Wahn beginnt schon früher. Zweifellos produziert der Kapitalismus der Bürgerlichen Gesellschaft einen Warenfetischismus, der die Menschen wie eine Suchterkrankung infiziert, Konsumabhängigkeit auslöst und angepasstes Verhalten fördert. Aber damit dieser Kult der Unterwerfung unter den Zauber eines Dings als Objekt der Begierde die volle Macht des Begehrens entfalten kann, braucht es gleichzeitig eine quälende Bedarfsdisposition, die real oder eingebildet sein kann, aber definitiv existieren muss.

Wie bereits ausgeführt entstehen und verstärken sich kindliche Identifizierungen durch biologische Mangelsituationen, die als körperliche Wahrnehmungen (Hunger, Durst, Unwohlsein, Schmerz) erfahren werden. Momente des Wohlgefühls wirken im Verhältnis dazu wie ein ereignisloser Hintergrund, der keinerlei Reaktionen auslöst, während Ereignisse besonderer Freude (Versorgung mit Nahrung, zärtliche Berührungen, liebevolle Interaktionen) auf die Außenwelt projiziert werden.

Dieses Schema setzt „normale“ Verhältnisse voraus, d.h. Schmerzen oder psychomentale Angriffe, die einem Kind von der Außenwelt zugefügt werden und auch als solche wahrgenommen werden, finden darin keine Berücksichtigung.

Im Normalfall ist der Körper der einzige Bereich, der sich für negative Identifikationen eignet. Im Verbund mit der Erfahrung totaler Abhängigkeit von der Außenwelt ist die Phase der Ich-Differenzierung in jedem Fall durch eine Reihe von Konflikten gekennzeichnet, die überwiegend als körperliche Mangelprojektionen zugeordnet und je nach sozialem Kontext unterschiedlich kompensiert werden.

Alfred Adler hat die kindliche Ich-Identifizierung mit dem Körper in seiner  Individualpsychologie untersucht und den Zusammenhang körperlicher Mängel und ihrer Kompensationen beschrieben. Danach veranlassen die negativen Erfahrungen in der frühen Kindheit den Menschen, ein „Höherstreben“ mit bestimmten, sich stets wiederholenden Verhaltensmustern zu praktizieren. Adler nennt dies den „geheimen Lebensplan“, der wie eine „Leitlinie“ oder „Schablone“ unbewusst die psychomentalen Prozesse eines Menschen bestimmt.

 

Hier eine Reihe prägnanter Mangelprojektionen und Kompensationen (in Klammern die entsprechenden Themen, bzw. Verhaltensmuster):

„Ich bin unvollkommen. Mit mir stimmt etwas nicht.“ wird kompensiert durch „Ich versuche zu beweisen, dass »mit mir alles in Ordnung« ist, und handle, als ob ich vollkommen wäre.“  (Dissoziation als Ideal)

 

„Ich bin wertlos.“ wird kompensiert durch „Ich versuche, zu beweisen, dass ich nicht wertlos bin, und handle, als ob ich wertvoll wäre.“ (Thema Abhängigkeit)

 

„Ich bin unfähig, etwas zu tun.“ wird kompensiert durch „Ich handle, als ob ich in der Lage wäre, hohe Leistungen zu erfüllen“ (Thema Anerkennung und Belohnung)

 

„Ich bin ein Versager“ wird kompensiert durch „Ich versuche, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, und handle, als ob ich allem gewachsen wäre.“ (Schmerz als psychischer Magnet, Themen Oberflächlichkeit und Melancholie)

 

„Ich bin nicht da. Ich existiere nicht.“ wird kompensiert durch „Ich handle, als ob ich da und von Bedeutung wäre.“ (Unempfindlichkeit, Selbstverleugnung, religiöse Verblendung/Frömmelei)

 

„Ich bin allein.“ wird kompensiert durch „Ich handle, als ob ich Bindungen hätte.“ (Themen Autorität und Rebellion)

 

Ich bin unvollständig.“ wird kompensiert durch „Ich versuche, zu beweisen, dass ich nicht unvollständig bin, und handle, als ob ich mich ganz fühlen würde.“ (Selbstbefriedigung, Ausbeutung/Missbrauch, chaotische Welt)

 

„Ich bin machtlos.“ wird kompensiert durch „Ich versuche, zu beweisen, dass ich nicht machtlos bin, und handle, als ob ich Macht hätte.“ (Machtorientierung, Mangel an Wahrheit und Fairness)

 

„Ich bin ohne Liebe.“ wird kompensiert durch „Ich versuche, zu beweisen, dass ich nicht ohne Liebe bin, und handle, als ob ich mich liebenswert fühlen würde“ (Leben als Spiel)

 

Wenn körperliche Wahrnehmungen Ich-Identifikationen beeinflussen, stellen diese immer eine Begrenzung des Bewusstseins dar. Was durch die Augen des Körpers gesehen, durch die Ohren des Körpers gehört und durch das Nervensystem des Körpers wahrgenommen wird, kann immer nur die beschränkten Reaktionen hervorrufen, die den körperlichen Mechanismen zu eigen sind.

Aus Sicht des Unbewussten scheint der Körper weitgehend eigenmotiviert und unabhängig zu sein, doch tatsächlich reagiert er nur auf die Absichten des Geistes. Wird er psychomental in irgendeiner Form ignoriert (Vernachlässigung, Missachtung, Überforderung) oder zweckentfremdet (Aggression, Drogen, Völlerei), sind Krankheit, Alter und Verfall die Folgen. Durch Identifikationen mit dem geistig Unsichtbaren und Reinen (s.o. Sunyata, Heiliger Geist, Bhuma, Rigpa) wird er dagegen wieder heil und vital.

Mit anderen Worten: Identifikationen mit der Vollkommenheit bewirken Gesundheit, Identifikationen mit dem Mangel bewirken Mangel – in der heutigen Heilkunde als Placebo- und Nocebo-Effekt bekannt.

Diese einfache Lebensweisheit ist zwar allgemein bekannt, wird aber im Ernstfall wenig beachtet – als Folge eines dürftigen Bewusstseinsstands, wenn es um Selbstwahrnehmung und Lebensqualität geht. Die Erkenntnis „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ hilft ja nicht weiter bei der Orientierung an positiven Lebensidentifikationen.

Hinzu kommt, dass alle unerfüllten Bedürfnisse und zurückgebliebenen Potenziale eine Goldgrube für finanzielle Investitionen darstellen, sofern sie die Surrogateigenschaft der Warenform und die Nutzlosigkeit kosmetischer und medizinischer Dienstleistungen raffiniert vertuschen.

Aus Sicht des Universalen Bewusstseins ist alles Körperliche lediglich ein sinnliches Kommunikationsmittel, das insofern auch als Lerninstrument dient. Darüber hinaus haben materielle Objekte (atomar wie molekular) keinerlei eigene Zwecke.

„Es gibt streng genommen keine Elektronen, es gibt keinen Atomkern, sie sind eigentlich nur Schwingungsfiguren. An diesem Punkt hatten wir die Materie verloren. Denn was wir am Ende allen Teilens vorfanden, waren keine unzerstörbaren Teilchen, die mit sich selbst identisch bleiben, sondern ein feuriges Brodeln, ein ständiges Entstehen und Vergehen, etwas, das mehr dem Geistigen ähnelt - ganzheitlich, offen, lebendig. ...

Primär existiert nur Zusammenhang, das Verbindende ohne materielle Grundlage. Wir könnten es auch Geist nennen. Etwas, was wir nur spontan erleben und nicht greifen können. Materie und Energie treten erst sekundär in Erscheinung – gewissermaßen als geronnener, erstarrter Geist. ...

Am Anfang gibt es gar keine Hardware, sondern nur Software. Eine Software, die man nicht begreifen kann, die nur eine Gestalt, aber keine Existenz im ursprünglichen Sinne des Wortes hat. Materie besteht also nicht aus Materie. Am Ende finden wir etwas, das weit mehr dem Geistigen ähnelt, eine Art «verkrusteter Geist».“ (Hans-Peter Dürr, Direktor des Max-Planck-Institut für Physik (Werner-Heisenberg-Institut) in München bis 1997)

„Es gibt einen universellen Fluss, der sich nicht explizit fassen, sondern nur implizit erkennen lässt, wie es die explizit fassbaren Formen und Bildungen andeuten - einige gleichbleibend, andere veränderlich -, die man von dem universellen Fluss abstrahieren kann. In diesem Fließen sind Geist und Materie keine voneinander getrennten Substanzen, sondern vielmehr verschiedene Aspekte einer einzigen ganzen und bruchlosen Bewegung. Auf diese Weise können wir alle Erscheinungsformen des Daseins als nicht voneinander getrennt ansehen, und damit können wir der Fragmentierung ein Ende setzen, die in der derzeitigen Einstellung zum atomistischen Standpunkt angelegt ist, der uns dazu führt, gründlichst alles von allem zu trennen.“ (David Bohm, Quantenphysiker und Professor am Birkbeck College der Universität London bis 1987)

Die Beobachtung Bohms, dass der materialistische, dingliche, „atomistische Standpunkt“ der Wissenschaft „dazu führt, gründlichst alles von allem zu trennen“, verweist auf den Wirkungsgrad des fragmentarischen Geistes (split-mind), der ja aus der Angst des Ego, „Opfer einer Wirklichkeit zu sein oder zu werden, die von uns getrennt ist und fremde Absichten verfolgt.“ (s.o.)., entspringt.

Nur ein gespaltener Geist (ein dissoziativer Beobachter) eröffnet die Möglichkeiten von Verdinglichung und Entsubjektivierung. Diese Reduzierung des menschlichen Lebens und geistigen Potenzials ist immer mit einer Selbstunterwerfung an die Sachgewalt der Gegebenheiten verbunden. Ihre geistige Unreflektiertheit führt zu einer Huldigung der Normativität des Faktischen – als Fixierung des Bewusstseins auf die Macht der Verhältnisse und als Unterdrückung jeglichen Selbstbewusstseins.

Die Verblendung durch den Warenfetisch der Konsummärkte funktioniert natürlich nur dort, wo die Objekte der Begierde angeboten werden und erschwinglich sind. Diese Bedingung erscheint in der zunehmend globalen Sicht auf  den ökonomischen Status der Kulturen und Völker hingegen kaum noch erfüllbar zu sein.

Es wird nämlich immer offensichtlicher, dass die Ordnungsprinzipien des Kapitalismus (Konkurrenz und Wettbewerb) nur funktionieren, wenn Wachstum und Profitmaximierung durch rücksichtslose Ausbeutungspraktiken von Mensch und Natur nur regional begrenzte Zerstörungen verursachen, während die Zentren der Macht davon unbehelligt bleiben.

9/11, die weltweiten Flüchtlingsströme, Terrorismusanschläge, Epidemien und ökonomische Krisen sind jedoch eindeutige Anzeichen dafür, dass der Kapitalismus zunehmend zu einer globalen Bedrohung der Menschheitskultur auf diesem Planeten geworden ist.

"Schaff mir etwas vom Engelsschatz,

Führ mich an ihren Ruheplatz,

Schaff mir ein Halstuch von ihrer Brust,

Ein Strumpfband meiner Liebes Lust!" (Goethe, Faust I)

Das Wort "Fetisch" kommt aus dem Portugiesischen und steht für "Machwerk", "Sachzwang". Es ist Sinnbild der Fixierung auf eine höhere Gewalt, die Huldigung einer vermeintlichen Macht, die durch die Symbolkraft des Objekts ihre metaphysische Wirkung entfaltet. In dieser Objektfixierung soll sich ein erhabener Sinn erfüllen, den die Menschen für sich selbst nicht haben, bzw. aus sich selbst nur zu beleben glauben, indem sie Objekte kultisch verklären.

"Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, dass sie dem Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eigenen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. Durch diese quid pro quo werden die Arbeitsprodukte Waren, sinnlich-übersinnliche oder gesellschaftliche Dinge ... Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt." (MEW 23, 86)

Wenn aber das „gesellschaftliche Verhältnis der Menschen“ privaten Reichtum und gesellschaftliche Armut produziert, muss die Symbolkraft der Objekte zwangsläufig propagandistisch derart manipuliert werden, dass sie über diesen Skandal hinwegtäuschen.

Täuschung ist heutzutage die Aufgabe von Design, Werbung, Mode, Drogen, Politik und Unterhaltung. Sie geschieht durch Fälschung, Magie, Suggestion und Überflutung der Sinnesorgane. Die Erkenntnis, dass man sich getäuscht hat, ist die Gewissheit, dass etwas anders ist, wie es geschienen hat, dass die Täuschung der Schein von etwas anderem war.

Letztlich ist Täuschung ein Begriff der Erkenntnistheorie, der eine Aussage beschreibt, in welcher die Gegenstände als Erscheinung von einem Zusammenhang erfasst sind, dessen Wesen nicht wirklich erkannt und daher nur scheinhaft begriffen wird. Wenn sich die Menschen der Täuschung wie einem Fetisch überlassen, offenbart dies allerdings auch eine Art von Wahrheit, die bewusst oder unbewusst eine eigene Sinnlichkeit zum Ausdruck bringt, die den Menschen zu dieser Nichterkenntnis treibt.

Natürlich sind persönliche Absichten die Urheber dieser Betrugsversuche – mehr oder weniger verborgen. Werden diese bewusst, kann es zu einem Änderungsverhalten führen, muss es aber nicht. Manchmal erscheinen Lügen attraktiver als die Wahrheit.  

Z. B. in der Paarbeziehung kann die Angst vor dem Alleinsein und der Widerstand gegen die Wunden narzisstischer Kränkungen dazu führen, dass wir uns an völlig falschen Bildern und Vorstellungen über ihn/sie klammern, um den Schock des Getrenntseins nie wieder zu erfahren.

Lügen, mögen sie auch noch so raffiniert ersonnen sein, sind weder geeignet, dauerhaft die Wahrheit zu verdrängen, noch können sie uns vor dem Trennungsschmerz schützen, der durch die Identifikation mit dem Körper noch verschlimmert wird.

Der Königsweg, der in der Paarbeziehung aber auch in andern Lebenssituationen für augenblickliche Enttäuschung sorgt, ist die Rückkehr der Wahrnehmung in die Gegenwart.  Eckhart Tolle beschreibt diesen Weg so:

„Achte auf Pausen - die Pause zwischen zwei Gedanken, die kurze Pause zwischen den Worten eines Gesprächs, zwischen den Tönen beim Klavier- oder Flötenspiel, auf die Pause zwischen Ein- und Ausatmen. Wenn du diesen Pausen Aufmerksamkeit schenkst, wird aus dem Gewahrsein von »etwas« einfach Gewahrsein. Die gestaltlose Dimension reinen Gewahr seins steigt in dir auf und tritt an die Stelle der Identifikation mit Form.“

Die Erfahrung einfachen Gewahrseins fördert jedes Mal die Sensibilität für die Unterscheidung, ob man sich in der Gegenwart bewegt oder ob man sich (wieder einmal) daraus verabschiedet hat.

Für die meisten Menschen ist das ein schwieriger und langwieriger Lernprozess, zumal die kapitalistische Kultur, deren politökonomische Basis ja Lug und Betrug sind, alle Register zieht, um die Wahrnehmung der Bürgerlichen Gesellschaft im Käfig der Selbsttäuschung und Verfälschung der Wahrheit einzusperren.

In der Bürgerlichen Pädagogik wird z. B. die Phantasie besonders hoch geschätzt und als Grundlage jeglicher Kreativität definiert. Tatsächlich sind Phantasien aber Verzerrungen, weil sie immer beinhalten, dass die Wahrnehmung zur Unwirklichkeit verdreht wird. Die Manipulation der Wahrnehmung ist aber notwendig, wenn im Marketing die Propagierung falscher Bedürfnisse Erfolg haben soll.

Insofern sind Phantasien ein Mittel, falsche (= unwirkliche) Assoziationen herzustellen und zu versuchen, sich und anderen daraus Lust zu verschaffen. Diese Lust ist zwar nie praktisch zu verwirklichen, sondern existiert nur in den Augenblicken, in denen ihr psychomental Energie zugeführt wird, aber auf dieser Onanie beruht schließlich das gesamte Ego-System der Bürgerlichen Gesellschaft.

Jede wirkliche Lust dagegen resultiert aus dem Willen, sich im Einklang mit der Wirklichkeit zu bewegen und sich bewusst zu machen, dass alles andere das Wahre Selbst ignoriert und den Glauben an Magie und phantasmagorische Träume.

Hinzu kommt der hohe Energieverlust, der durch die Anstrengung entsteht, nicht nur unwirkliche Vorstellungen zu erzeugen, sondern diese auch möglichst so zu gestalten, dass sie als Angstabwehr geeignet sind.

Angst ist ja die natürliche Folge der Identifikation des Ego mit dem Körper, der auch nur ein vergänglicher Traum ist und irgendwann vergangen und vermodert sein wird. Um dieses unvermeidliche Schicksal, das das Ego mit seiner Wohnstatt teilt, zu verdrängen, hat es ein Spiel kreiert, das man Zeitvertreib nennt. Bei diesem Spiel geht es darum, die Gegenwart, also die einzige Zeit, in der sich Wirklichkeit und Ewigkeit vereinen, zu vertreiben.

Um dies zu vollbringen, werden die Impulse und Ereignisse der Gegenwart dazu benutzt, sie entweder in die Geschehnisse der Vergangenheit einzuordnen oder sie zu Phantasiegebilden zu ergänzen, die auf Wünsche und Begierden (der Zukunft) gerichtet sind.

Die Medien, die diese Arten von Gehirnwäsche unterstützen, sind prall gefüllt mit Geschichten, die in dem Glauben erzählt werden, singuläre Ereignisse würden tatsächlich existieren und könnten wahrheitsgemäß individuell erlebt werden.

Solange die Identifikation mit dem Körper dominiert, bewegen wir uns in der Welt der Projektionen, die die Wirklichkeit verfälschen, übertönen, falsch interpretieren und separate Bedeutungen erfinden, um Ängste abzuwehren und nach lustvollen Befriedigungen zu gieren. Trotzdem glauben die Menschen, dass ihre Wahrnehmung die einzig mögliche sei und die Wahrheit zurückspiegeln würde.

Es ist ja kein böser Wille, dass das Ego sich mit dem Körper identifiziert. Damit das „Ich“ des Kleinkindes überhaupt entstehen kann, ist eine Differenzierung/Separierung von der Mutter respektive Außenwelt ein erster notwendiger Schritt. Die Frage, die sich aber danach stellt, betrifft die Art und Weise, wie die Erweiterung des individuellen psychomentalen Horizontes gestaltet und gefördert wird.

Die meisten Begriffe im Zusammenhang mit dem menschlichen Geist (wie „Bewusstsein“,  „Wahrnehmung“, „Verstand“, „Gedanke“, „Geist“ und „Seele“) werden in der Umgangssprache und in der Literatur in teilweise sehr unterschiedlichen Bedeutungsnuancen verwendet. Schon der Begriff der „Wahrnehmung“ besitzt ein recht breites Bedeutungsspektrum. Er bezeichnet zum einen den gesamten biologischen Prozess vom physikalischen Signal, das unsere Sinnesorgane empfangen, über die Datenvorverarbeitung in den Sinnesorganen und im Gehirn bis hin zur verstandesmäßigen Bewertung und Speicherung der extrahierten Informationen. Die auswertende Instanz ist hier zunächst der Verstand, der nicht mit dem Bewusstsein identisch ist.

Zum anderen wird „Wahrnehmung“ aber auch zur Bezeichnung dessen verwendet, was unser Bewusstsein tut. Viele gehen davon aus, dass das Bewusstsein ebenso wie der Verstand einfach eine Funktion unseres Gehirns ist, die durch Evolution mehr oder weniger automatisch entsteht, wenn das Gehirn eine gewisse Komplexität und Leistungsfähigkeit erreicht. Wahrscheinlicher ist aber, dass das Bewusstsein eine vom Gehirn (und auch vom Körper insgesamt) unabhängige Instanz ist. Unabhängig heißt hier nicht, dass keine Zusammenhänge zwischen Gehirn und Bewusstsein bestehen würden, sondern dass das Gehirn nicht „Träger“ bzw. „Erzeuger“ des Bewusstseins ist und dieses auch unabhängig vom Körper existieren kann.

Das Bewusstsein agiert auf einer reinen Informationsebene. Norbert Wiener, einer der Begründer der Kybernetik, drückte es so aus: „Information ist Information, nicht Materie oder Energie.“ Obwohl zur Speicherung und Weitergabe von Information in der Praxis Energie und Materie (die ja auch eine Form von Energie ist) zum Einsatz kommen, ist die Information an sich keine Form von Energie.

Tatsächlich scheint es eher umgekehrt u sein: Der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker stellte 1971 die „Quantentheorie der Ur-Alternativen“ vor, in der Energie und Materie Erscheinungsformen von Information sind, womit die Information zur eigentlichen „Ursubstanz“ des Universums und der Physik wird. Information ist einfach nur Information, Struktur, etwas mit Sinn. Das Bewusstsein nimmt reine Information wahr. Wenn unser Bewusstsein die Welt beobachtet, die wir über die Sinne wahrnehmen, beobachtet es tatsächlich nichts anderes, als die von unserem Gehirn verarbeitete Information.

Diese Unterscheidung der Wahrnehmungsebenen ist sehr wichtig, vor allem wenn es um Selbsterkenntnis geht. Es ist klar: Wir sind nicht der Körper, wir sind nicht das Gehirn, wir sind nicht der Verstand. Das alles gehört zu uns, aber im Wesenskern sind wir etwas anderes.

Wenn Hans einer Flasche das Etikett „Hans“ aufklebt und in diese Flasche alles hineingibt, was Hans ausmacht: seinen Körper, sein Wissen, seine Charakterzüge, seine Meinungen, einfach alles. Und wenn Hans dann in die Flasche hineinschaut und sich alles ansieht: dann kann Hans augenblicklich erfahren, dass er der ist, der in die Flasche schaut.

Den meisten Menschen ist die Idee nicht vertraut, dass es einen Unterschied zwischen dem eigenen Bewusstsein und dem eigenen Denken gibt. Aber das ist nur eine Frage der Übung! Mit etwas Geduld kann man sehr genau feststellen, dass man tatsächlich in der Lage ist, sich selbst beim Denken zu beobachten. Und dann stellt sich die Frage: „Wer beobachtet da?“

Das Bewusstsein, das dies wahrnimmt, ist der Wesenskern des Menschen - es ist das, was übrig bleibt, wenn man alle mit dem Körper und dem Gehirn verbundenen Eigenschaften und Interpretationen wegnimmt. Es ist derjenige Aspekt von uns, der sich selbst beobachtet.

Was Du beobachtest, ist das, was beobachtet. Das Bewusstsein als solches hat keine Eigenschaften im herkömmlichen Sinne. Es beobachtet Eigenschaften. Es beobachtet Informationen, ohne sie zu interpretieren (denn das tut nur der Verstand). Dies klingt zunächst sehr passiv. Aber im Zusammenhang mit der Quantenphysik wird klar, dass die Beobachtung ein sehr aktiver Prozess ist.

Denn die Welt, die wir als Ergebnis der Beobachtung erleben, entsteht erst durch die Beobachtung! Ohne bewusste Beobachtung existiert die Welt, wie wir sie kennen, überhaupt nicht. Anders ausgedrückt: Wir erschaffen unsere Realität selbst!

Wenn wir die Vorstellung eines unendlichen Möglichkeitsraumes für Realitäten entwickeln, bedeutet dies, dass unser Bewusstsein aus der Vielzahl parallel existierender möglicher Realitäten eine bestimmte Variante auswählt und zur erlebten Wirklichkeit macht. Unsere Wahrnehmung ist also letztlich nichts anderes als ein Filter, der aus einem gigantischen Spektrum an Möglichkeiten eine bestimmte Realität herausfiltert.

Etwas Ähnliches tut unsere Wahrnehmung im Akt des bewussten Beobachtens: Sie blendet den allergrößten Teil aller Möglichkeiten aus, so dass eine bestimmte Realität übrig bleibt. So entsteht aus dem Chaos der Möglichkeiten eine überschaubare und in sich schlüssige Welt. Man könnte es auch die „Kunst des kreativen Weglassens“ nennen.

Wie die Geschichte von dem Bildhauer, der für seine absolut naturgetreuen Statuen berühmt war, die ihm mit Leichtigkeit gelangen. Als man ihn fragte, was das Geheimnis seiner Kunst sei, antwortete er: „Das ist doch ganz einfach: Ich schaue mir die abzubildende Person genau an und schlage dann von dem Stein alles weg, was ihr nicht ähnlich sieht!“

„Der Grundfehler aller Systeme ist das Verkennen dieser Wahrheit, dass der Intellekt und die Materie Korrelata sind, d. h. eines nur für das andere da ist, beide miteinander stehen und fallen, eines nur der Reflex des anderen ist, ja, dass sie eigentlich eines und dasselbe sind, von zwei entgegengesetzten Seiten betrachtet.“ (Arthur Schopenhauer)

Unsere Wahrnehmung hat offenbar ebenfalls die Fähigkeit, wahlweise einen mehr oder weniger „breiten“ Bereich aus dem Spektrum aller Möglichkeiten des Multiversums herauszufiltern (da es sich hierbei um ein kontinuierliches Spektrum und nicht um eine Ansammlung scharf voneinander abgegrenzter Einzelrealitäten handelt). Je nach eingestellter „Bandbreite“ nehmen wir entweder eine Überlagerung möglicher Zustände oder einen einzelnen Zustand wahr (wobei der Übergang hier stufenlos ist, denn auch eine sehr genaue Beobachtung enthält im Normalfall immer noch einen kleinen Rest Unschärfe).

Das entscheidende Kriterium dafür, wie sich die Bandbreite des Wahrnehmungsfilters einstellt, scheint die Widerspruchsfreiheit zu sein - unsere Wahrnehmung hat offenbar eine integrierte Logik, die es ihr verbietet, bestimmte Kombinationen von Zuständen gleichzeitig wahrzunehmen (eben solche, die uns widersprüchlich erscheinen, beispielsweise dass eine Münze Kopf und Zahl zeigt). Nach der Viele-Welten-Deutung der Quantentheorie muss, sobald eine Beobachtung stattfindet, bei der der Beobachter von der Quantenwahrscheinlichkeit her mehrere sich widersprechende Zustände beobachten könnte, zwangsläufig eine Aufspaltung seiner Realität stattfinden, so dass jede Instanz des Beobachters nur einen der möglichen Zustände in einem widerspruchsfreien Zusammenhang beobachten kann. (Ob jede dieser Instanzen des Beobachters „gleich real“ ist oder nicht, müssen wir dabei offen lassen.)

Wir sind die Schöpfer unserer eigenen Wirklichkeit Die Welt, die wir erleben, entsteht erst durch unsere bewusste Wahrnehmung, die aus dem gigantischen Spektrum aller Möglichkeiten eine bestimmte, mehr oder weniger scharf abgegrenzte Realität herausfiltert.

Die Anforderungen an eine widerspruchsfreie Realität und damit zur Einstellung der „Wahrnehmungsbandbreite“ müssen dabei nicht zwangsläufig für jeden Beobachter dieselben sein. Die Welt wird ja nicht nur von Menschen, sondern auch von anderen, mehr oder weniger intelligenten Lebewesen beobachtet.

Die Kriterien für die Widerspruchsfreiheit unserer Realität sind sicherlich nicht alle biologisch determiniert, sondern in großen Teilen vom persönlichen und kulturellen Hintergrund eines Menschen sowie dem Entwicklungsstand seines Bewusstseins abhängig. Zahlreiche „abnorme“ Wahrnehmungsphänomene (ein wissenschaftlicheres und weniger wertendes Attribut wäre „paranormal“), die in unserer Kultur gemeinhin entweder als erfundene Geschichten oder als Halluzinationen abgetan werden, müssten vor diesem Hintergrund neu bewertet werden.

„Das ichhafte Selbstbewusstsein befindet sich auf halbem Wege zwischen dem Unbewussten der Natur und dem Überbewussten des GEISTES. Das Unbewusste von Materie und Körper weicht dem seiner selbst Bewussten des Verstandes und des Egos, das seinerseits dem Überbewussten der Seele und des GEISTES Platz macht.“  (Ken Wilber)

In der europäischen Philosophie war übrigens Baruch de Spinoza (*1632 in Amsterdam) der erste, der das Eine und Unendliche als DAS, was unter und hinter allen Dingen steht, als universale SUBSTANZ definierte. (Aus der ursprünglichen lateinischen Bedeutung des „darunter Seienden“ abgeleitet.)

In der monistischen Identitätsphilosophie Spinozas gilt die Gleichung: SUBSTANZ = GOTT = NATUR. Da GOTT Kraft (Energie) ist, bewegt sich die NATUR aus sich selbst heraus. Dabei unterscheidet er zwischen der unendlichen Schöpferkraft „natura naturans“ (Geist) und der vergänglichen Manifestation „natura naturata“ (Ausdehnung).

So sei auch der Mensch unter dem Gesichtspunkt des Denkens eine Idee und unter dem Gesichtspunkt der Ausdehnung ein Körper, doch seien dies lediglich zwei Seiten ein und desselben Wesens.

Zu den glühendsten Verehrern Spinozas zählten u.a. Goethe, Schelling, Hegel und Albert Einstein!