5 Jul 2015

Buchprojekt "Was es ist", Kapitel 10. Sein oder Nicht-Sein

Submitted by Delloc

10. Sein oder Nicht-Sein

„Sei ganz im Sein, dann wird es dir mitteilen, wie das Sein sich ins Nicht-Sein verwandelt.“ (Nisargadatta Maharaj, Nectar of the Lord’s Feet, 1991, S. 5)

„Ganz im Sein“ definiert eine Bewusstseinsqualität, in der kein separater Beobachter existiert. Bewusst und unbewusst sind in diesem Fall identisch. D. h., das universale Bewusstsein (Geist, Selbst) ist in Zeit und Raum manifest, ohne dass eine separate Beobachtung die Qualität dieser Existenz überlagert und ins Unbewusste verdrängt. Positiv formuliert: die raum-zeitliche Dimension ist ganz mit ihrer Existenz jenseits von Raum und Zeit identifiziert und wird so zur „übersinnlichen“ Erkenntnis des ewigen Selbst.

Dies als „kommunikativen“ Akt des „Mitteilens“ (Maharaj) zu bezeichnen, verweist auf die Erfahrung ursprünglicher Subjektivität, mit der jede Existenz willentlich als Manifestation erscheint und in ihrer Rückführung zur Quelle des Willens sich als jenes Werden zu erkennen gibt, das wir Leben nennen.

Ramana Maharshi beschreibt diesen Erkenntnisprozess in drei Entwicklungsschritten:

„Zuerst sieht man das Selbst als die Dinge,

Dann sieht man das Selbst als Leere,

Dann wiederum sieht man das Selbst als das Selbst;

Nur im letzten Fall gibt es kein Sehen,

Denn Sehen ist Werden.“

 

„Nur im letzten Fall gibt es kein Sehen“ beschreibt die Auflösung eines separaten Beobachters, dessen Bedeutung inzwischen auch von der modernen Wissenschaft entdeckt wurde:

"Wir können nicht beobachten, ohne das zu beobachtende Phänomen zu stören, und die Quanteneffekte, die sich am Beobachtungsmittel auswirken, führen von selbst zu einer Unbestimmtheit in dem zu beobachtenden Phänomen." (Werner Heisenberg, Der Teil und das Ganze, 7. Aufl. München: Piper, 2002, S. 126)

Mit anderen Worten: der Versuch, die Welt und ihre Objekte objektiv, d.h. in ihrem tatsächlichen Sosein, zu beschreiben, führt zwangsläufig zu irrtümlichen Schlüssen.

Die Ausschaltung eines separaten Beobachters wird auch das „Gesetz des paradoxen Wandels“ genannt. Wenn man permanent ein Objekt der äußeren Welt beobachtet (z. B. den Lichtegel einer Kerze) und dabei zunehmend den Fokus verkleinert, kann die Beobachtungsperspektive plötzlich „explodieren“. Zugleich werden Beobachter, Beobachtung und Beobachten zu einem Ganzen vereint, in dem sich die Dualität von Zeit und Raum auflöst, lichte Klarheit alles überstrahlt und ein Bewusstsein existiert, in dem jeder Unterschied zwischen Sein und Nicht-Sein ausgelöscht ist. Diese Erfahrung kann natürlich jederzeit – in Meditationen oder einfach beim „Sitzen“ (Zazen) –  passieren.

Das Erkennen des ewigen Selbst wird im tibetischen Buddhismus „Wissen des Wissens“ (rigpa) genannt – allgemein „Buddha-Natur“. Aber auch in andern Kulturen wurde dieser Erkenntnis Ausdruck verliehen: als JHWH oder Gott im Juden- und Christentum, als Selbst, Bhuma, Brahman im Hinduismus, als Essenz im Sufismus, usw. usf..

Wer die ewige Wahrheit erkannt hat, gilt als „erleuchtet“. Allerdings setzt diese Definition eine Perspektive voraus, die der Erkenntnis der ewigen Wahrheit entgegengesetzt ist.

Weil: wenn es wahr ist, dass Sein und Nicht-Sein identisch sind, wie kann dann überhaupt eine separate Wirklichkeit existieren, die noch dazu über eigene Eigenschaften verfügt.

Etwas, das identisch mit sich selbst ist, kann sich selbst ja nicht sehen und kann deshalb auch keinen Beobachterstandpunkt einnehmen, der außerhalb liegt. Wenn aber trotz dieser Identität  plötzlich ein Beobachter (Ego) auftaucht, der die Reaktionen seines Nervensystems als Beobachtungen eines separaten Geschehens interpretiert, stellt sich die Frage, wie diese paradoxe Situation zu deuten ist.

Die Lösung liegt in der Tatsache, dass jede Erkenntnis nur durch Unterscheidung gewonnen werden kann. Wenn dabei die Identifizierung des Identischen mit dem Nicht-Identischen vollendet wird, kann die manifestierte Wirklichkeit sich gleichsam nur in harmonisch vollkommener Weise äußern und wahrgenommen werden. Diese Vollendung vollzieht sich in der Achtsamkeit des vertrauensvollen Gewahrseins, mit der die Wahrnehmung sich selbst begegnet und wird durch ihr wahrnehmbares Resultat (!) „evaluiert“.

Die Frage, die Rumi in einem seiner Gedichte stellt („Sag, wie kommt es, dass wir auf dem Pfad der Liebe durch dich die Welt, doch dich nicht sehen?“), ist eher rhetorisch zu verstehen, da er sie im selben Text beantwortet: „Siehst du die Form, die formlose, des Geliebten, bist du selbst der Herr, die Gabe und das Haus.“ „Herr“, „Gabe“ und „Haus“ verweist auf die Identität von Regisseur, Film und Leinwand im Welt-Kino des Lebens.

 

Oder wie Meister Eckhart geschrieben hat: „Das Auge, mit dem ich Gott sehe, ist dasselbe, mit dem Gott mich sieht. Mein Auge und Gottes Auge sind ein und dasselbe im Sehen, ein und dasselbe im Wissen, ein und dasselbe im Lieben.“

Diese Aussage benennt die Essenz des menschlichen Selbstverständnisses und bereitet den Boden für ein Leben in Harmonie oder Desaster.

 

Lama A. Govinda schreibt dazu: „Derjenige, der erfährt, dass »Wirklichkeit« das Produkt unseres eigenen Wirkens ist ..., wird von der materialistischen Vorstellung der Welt, als einer an sich bestehenden oder »gegebenen« Wirklichkeit, auf die alleranschaulichste Weise befreit.“ (Ebd., S. 116 f.)

Die Weisheit dieser Erkenntnis wurde und wird in esoterischen Szenekreisen oft missbräuchlich benutzt. Projektive Vorstellungen sollen beispielsweise dazu dienen, Wünsche zu erfüllen. Projektionen sind aber nur subjektive Verzerrungen der Wirklichkeit. Sie verfolgen die Absicht, Wahrnehmungen so lange zu manipulieren, bis das persönliche Wunschbild mit der äußeren Welt identisch erscheint. Diese Strategie muss langfristig scheitern, weil jeder einzelne Wille nur dann einen reinen Klang erzeugen kann, wenn er aus der universalen Präsenz heraus entsteht.

Das Wort Präsenz kommt aus dem Lateinischen (prae = vor, vorher und sentire = fühlen, wahrnehmen) und bezeichnet die existenzielle Intensität des Bewusstseins. Wenn wir das Leben mit einer Filmvorführung vergleichen, dann beinhaltet PRÄSENZ das WISSEN des Videoplayers, dass er SELBST ALLES bewirkt: die Regie, das Drehbuch, die Schauspieler, die Leinwand, die Zuschauer, das Kino, die Beleuchtung ... wirklich ALLES.

„Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern nur die, die den Willen meines Vaters im Himmel tun.“ (Matthäus 7, 21)

Der Wille, der dieses Universum bestimmt und lenkt, wirkt aber nicht – wie bei der menschlichen Wahrnehmung – durch Projektion, sondern durch Erweiterung. Erweiterung heißt, über den Fokus der Singularität und des Fragmentarischen hinausgehen und sich in Allem wiedererkennen, Alles zugleich als identisch mit sich selbst zu sehen.

Sich auszudehnen, statt zu projizieren, ist ein grundlegender Aspekt des universalen Geistes, über den natürlich auch der Mensch potenziell verfügt. Darin liegt die Fähigkeit zur Kreativität begründet. Dieses Talent wird aber immer dann unangemessen genutzt, wenn durch Projektionen (s. o.) eine Leere oder ein Mangel vorgetäuscht wird, der durch eigene Ideen gefüllt bzw. beseitigt werden soll.

Der grundlegende Unterschied zur natürlichen evolutionären Kreativitätsvariante ist einfach zu erkennen: eine Veränderung, die etwas ausschließen möchte, verzerrt mit voller Absicht die Perspektive der Totalität aus persönlichen Motiven. Hinzu kommt die Hybris, sich über die Vollkommenheit der universalen Vernunft erheben zu können. Die Kreativität des Ego basiert zwangsläufig auf einer Täuschung, solange seine persönlichen Motive unbewusst bleiben oder verschwiegen werden.

Dagegen ein geläuterter Geist, eine gereinigte Seele, ein vollendeter Mensch:

„Wo jemand nichts anderes sieht als das eigene Selbst, wo jemand nichts anderes als das eigene Selbst hört, wo jemand nichts anderes als das eigene Selbst versteht, das ist Bhuma, das Absolute; und wo jemand etwas außerhalb davon sieht, hört, denkt oder versteht, das ist das Endliche.“ sagt Sanutkamara in den Chandogya Upanishaden.

Wie zuvor beschrieben, braucht es dazu keine besondere „Erleuchtung“, sondern nur etwas Aufmerksamkeit:

Aufmerksam zu beobachten, welche Disharmonien du produzierst und wie du die natürlichen kosmischen Aktivitäten behinderst, bringt schon die Lösung. Die Wachheit, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit deinen eigenen Behinderungen gegenüber ist die Art und Weise, sie zu heilen.

Spür hinein in den augenblicklichen Moment wie ein leerer Wind, der den Duft der nächsten Blume erwartet! Lausche in Ruhe, was dir die Lippen der Stille flüstern!

Darüber hinaus kannst du nichts tun, wirklich nichts, was nützlich wäre. Der letzte Schritt wird für dich getan, wenn du bereit bist.

Selbst den Status deiner Reife kannst du nicht beurteilen. Deshalb ist es auch sinnlos, sich Sorgen zu machen. Deine Reise des Lebens läuft absolut planmäßig, und DU kannst SEINEM Willen als DEINEM Willen total vertrauen.

 

Der Geist, der dieses Universum mit höchster Weisheit, Vernunft und Vollkommenheit erschafft, erhält und durchdringt, ist eine Kraft, die von sich aus Vereinigungen in unendlicher Vielfalt manifestiert und neu gestaltet.

 

In den Chandogya-Upanishaden lesen wir:

„Liebe und Glück versuchen permanent ihr eigenes Bewusstsein wiederherzustellen und sich selbst in ihrer eigenen ursprünglichen, alles umfassenden Universalität wiederzufinden. Darauf basieren alle Aktivitäten der kosmischen Evolution. Vor diesem Hintergrund finden alle Inspirationen, Geburten, Veränderungen und Zerstörungen statt.“

Die separate Suche des Egos nach Glück, Liebe oder was es auch sein mag, entspricht dagegen einem Fisch, der versucht, schwimmen zu lernen und durch diese unnatürliche Anstrengung noch dazu die Möglichkeiten drastisch reduziert, seine Aufmerksamkeit auf das Wesentliche zu lenken, nämlich in jedem lebendigen Augenblick des Werdens das zu sein, was das wahre Subjekt dieses Universum, das Selbst, will und an dieser Liebe und diesem Glück zu partizipieren.

Zu Liebe und Glück zu erwachen bedeutet aber nicht, einen unliebsamen gegen einen angenehmeren Traum auszutauschen. Erwachen vollzieht das bedingungslose Sein und die totale Akzeptanz im gegenwärtigen Moment, ohne dass ein noch so schwacher Windhauch jemals Wind sein könnte...

„Ein schlafender Geist muss erwachen, wenn er erkennt, wie seine eigene Vollkommenheit den HERRN des LEBENS so vollkommen spiegelt, dass er in dem aufgeht, was dort gespiegelt wird.

Und nun ist er nicht länger eine bloße Spiegelung. Er wird zu dem Gespiegelten und zu dem Licht, das Spiegelung ermöglicht. Keine Schau wird nun gebraucht. Denn der erwachte Geist ist einer, der seine QUELLE, sein SELBST und seine HEILIGKEIT erkennt.“ (Ein Kurs in Wundern, ebd., Übungsbuch, S. 320)