22 Jun 2015

Buchprojekt „Was es ist“, Kap. 9: Die Harmonie des Ganzen

Submitted by Delloc

9. Die Harmonie des Ganzen

„Der Forscher ... ist von der Kausalität allen Geschehens durchdrungen. ... Seine Religiosität liegt im verzückten Staunen über die Harmonie der Naturgesetzlichkeit, in der sich eine ... überlegene Vernunft offenbart.“

(Albert Einstein)

Von der „Kausalität allen Geschehens durchdrungen“ zu sein, setzt einen offenen Geist voraus, der den „Einklang“ mit dieser „Harmonie“ resonant erfahren kann. Erst wenn ein Mensch die Hindernisse und Stauungen beseitigt hat, welche den freien Fluss der Seele stören, wirkt diese Harmonie wie ein Magnet, der zieht und zieht, die Vereinigung mit dem Selbst  begünstigend.

 

So wie die materiellen Manifestationen als Erweiterungen jener „überlegenen Vernunft“ gesehen werden können, vereint die Harmonie der Liebe, die tiefste Wahrheit des Herzens, alle ihre Erscheinungsformen wieder mit sich selbst.

Wer von diesen universalen Bewegungsgesetzen Bewusstsein erlangt hat, versteht sofort, dass es in der Wirklichkeit des eigenen Lebens nicht darum geht, einen bestimmten Zustand zu erreichen oder ein selbst gesetztes Ziel anzustreben. Vielmehr wird die Fähigkeit im Mittelpunkt stehen, sich frei und leicht von einem Augenblick zum nächsten mitnehmen und bewegen zu lassen, um den Einklang mit der Harmonie des Ganzen nicht aus dem Auge zu verlieren.

Dabei kann es allerdings zu einer weit verbreiteten Irritation kommen. In Krisensituationen erscheint das Ganze oft gegensätzlich zu den eigenen Lebensentwürfen und persönlichen Wunschvorstellungen. Daher neigen bestimmte Charaktere dazu, das Schicksal tatkräftig zu beeinflussen, um die eigenen Vorstellungen von Schönheit, Stimmigkeit, Ansehen und Erfolg zur Geltung zu bringen.

Wer sich angewöhnt hat, die Welt überwiegend aus der Beschränktheit der persönlichen Tunnelperspektive zu betrachten und zu beurteilen, dem bleibt nichts anderes übrig, als sich ihre Unvollkommenheiten immer wieder auf die eigenen Schultern zu laden, sie dort mühsam zu balancieren, zeitraubend in Gang zu setzen und gemäß den eigenen Wünschen und Vorstellungen zu manipulieren.

Der Hauptantrieb dieser „Machertypen“ ist pure Eitelkeit, der schöne Schein, das jeweils passende Image, um das gewünschte Resultat zu erzielen. Die übertriebene Sorge, wie sie auf andere wirken, ist dem unablässigen Vergleich geschuldet, ob und wie die Resultate ihres Tuns zu ihren inneren Bildern, Vorstellungen und zwanghaften Phantasien von der idealen Wirklichkeit passen.

Ihr Ehrgeiz führt sie häufig dazu, sich und andere gnadenlos anzutreiben und knallhart Täuschungen und Tricks einzusetzen, um ans Ziel zu kommen.

Natürlich werden solche Erfolgstypen in einer Gesellschaft, in der sich eine kleine parasitäre Minderheit die gesellschaftlich erarbeiteten Werte einverleibt, illustrativ bewundert und bei jeder Gelegenheit als Vorbilder präsentiert. Obwohl der Zwang, in jedem Augenblick das eigene kleine Glück schmieden zu wollen, unvermeidlich zur Besessenheit führt, werden diese Getriebenen aufwendig öffentlich dekoriert und beweihräuchert.

Wer beharrlich danach lechzt, Schmerz zu vermeiden und Lust zu erleben, heizt mit emotional geladenen Wunschbildern den Prozess permanenter Selbsterschaffung und Selbstschöpfung an, ohne dass ein erlösendes Ende in Sicht kommt. Denn Images und Idealvorstellungen kreisen nur um sich selbst. Sie sind vom Gewahrsein der Wirklichkeit abgeschnitten und können deshalb kein echtes Gefühl vom Wert und der Bedeutung des Lebens vermitteln.

Da die Wirklichkeit der „überlegenen Vernunft“ (Einstein) bereits in jedem Augenblick in und durch uns handelt, sind alle Drehbücher für separate Theaterstücke im Grunde sinnlos, überflüssig und zerstörerisch.

Wer sich allerdings für einen separaten Teilnehmer am Spiel des Lebens hält, weil es an der Wahrnehmung jener „überlegenen Vernunft“ und dem eigenen Beteiligtsein mangelt, ist häufig auch blind für die Auswirkungen, die seine Handlungen auf andere oder die Natur haben. Das zeigt sich aktuell bei jenen Profitakteuren, die sich nicht um Umweltschäden scheren, und die aus dem Blick verlieren, dass es nichts mehr zu gewinnen gibt und man sich nirgends mehr erfreuen kann, wenn Klima und Ökosystem kollabieren.

Die Erkenntnis, dass das Leben in und durch uns handelt, ist für die meisten Menschen schwer nachzuvollziehen, zumal die verstandesgemäße Logik damit überfordert ist. Metaphorisch mag das Bild von der einzelnen Welle,  die sich auf der Oberfläche des Ozeans abhebt und wieder vereint, zielführender sein. Die Bewegung jeder einzelnen Welle entsteht nicht aus sich selbst und wird auch nicht separat entschieden. Sie hat an der Bewegung des gesamten Ozeans teil. Auf die gleiche Weise ist alles, was geschieht, Teil der größeren Substanz der Wirklichkeit, jener „überlegenen Vernunft“, von der Einstein spricht.

„Sind wir mit der Persönlichkeit identifiziert, wird das äußere Tun immer vom inneren Tun angetrieben. Die innere Tätigkeit der Persönlichkeit entspricht dem, was im spirituellen Sprachgebrauch Ego-Aktivität genannt wird. Sie bringt unaufhörlich psychologische Inhalte hervor, die auf unserer Identifikation mit einer bestimmten Person beruhen, und fördert diese Identifikation auch noch.

Anders ausgedrückt: Sie unterstützt unser Gefühl dafür, wer wir sind, und entspricht dem, was ich Selbsterschaffung oder Selbstschöpfung genannt habe. Manchmal bewusst, aber meistens unbewusst erschaffen wir unaufhörlich innere Bilder von uns selbst, denen man ansieht, dass sie von unserer persönlichen Geschichte inspiriert wurden. ... holographische Darstellungen, komplett mit Gefühlsschattierungen, emotionalen Strukturen, körperlichen Anspannungsmustern und anderen Empfindungen, und sie gründen auf unseren Überzeugungen.

Wir können uns zum Beispiel als jemand erleben, der missverstanden wird; als jemand, den die anderen eher nicht mögen; als jemand, der immer alles falsch macht oder als jemand, dem es schwer fällt zu handeln. Oder, positiver, als jemand, der klüger ist als andere; jemand, der sehr freundlich ist oder jemand, der große Stärke besitzt. ... Diese Bilder unser selbst, unsere Selbstrepräsentanzen, entstehen als Gegenstücke zu unserem Gefühl für etwas, das anders ist als wir, und verleiht den Objektbeziehungen, den Bausteinen der Persönlichkeit, ihre Gestalt. Desgleichen ... [ist] der wesentliche Antrieb hinter jeder Ego-Aktivität, nämlich Schmerz zu vermeiden und Lust zu erleben, in diese Objektbeziehungen eingebettet [...] und [sorgt] für die Dynamik [...], die zu ihrer Entstehung führt.

Die Ego-Aktivität in der Persönlichkeit findet nie ein Ende, und bis zu dem Zeitpunkt, wo sie für Momente aufhört, haben wir keine Vorstellung davon, wie ermüdend und auslaugend sie ist. Selbst wenn wir schlafen, ist unser Unbewusstes damit beschäftigt, die Erfahrungen des vergangenen Tages zu verarbeiten und das, was der nächste Tag bringen wird, in Form von Träumen vorwegzunehmen. Beim normalen Menschen hören diese Aktivitäten nur im Tiefschlaf auf, und wie Experimente mit Schlafentzug gezeigt haben, werden wir ohne diese Ruhepausen zu psychischen Wracks.“ Sandra Maitri, ebd., S. 114 f.)

 

Albträume und Schlafstörungen sind weitere Konsequenzen der Hyperaktivitäten des Ego, während es die Leinwand attackiert, um die Sequenzen des persönlichen Lebensfilms zu manipulieren. Wer sich selbst leidenschaftlich in Szene setzt, ist total berauscht von einem idealisierten Aspekt der essenziellen Qualitäten der Wirklichkeit und versucht, diese zu imitieren. Dabei bedienen sich diese Selbstdarsteller aller verfügbaren Kniffe, damit die Projektion ihrer Erscheinung dem idealen Spiegelbild möglichst nahe kommt.

Anstatt sich als eine individuelle Manifestation und einen individuellen Ausdruck der kreativen und dynamischen Eigenschaften des Seins zu erfahren, wird das „Ich" als die „Höchste Instanz“ in narzisstischer Verzückung als Regisseur und Akteur vergöttert.

Die tief verankerte Eitelkeit kann auch als übermäßiger Stolz auf sich selbst, auf das körperliche Erscheinungsbild, besondere Errungenschaften, Leistungen, Besitztümer oder Erfolge zu Ausdruck kommen, ggf. auch als Verlangen nach Lob oder Bewunderung, als Prahlen mit modischer Kleidung, Reichtum oder Macht. Womit immer diese Selbstdarsteller sich identifizieren, dafür halten sie sich auch.

Schönheitswettbewerbe, Modenschauen, die Welt des Films und der Medien, Vorstandsetagen, spekulative Finanzgeschäfte, die Werbeindustrie sind Bereiche, in denen sie zu Hause sind. In der Unterhaltungsindustrie wimmelt es von ihnen.

Der Antrieb dieser „Chamäleons“ entspricht im Grunde ihrem Versuch, den unbewussten Mangelzustand im eigenen Kern - ihr Gefühl, ein Versager zu sein - auszugleichen und zu vermeiden. Sie spüren genau, dass es sich bei all ihren Masken und Aktivitäten nur um Äußerlichkeiten handelt, und das Gefühl, persönlich versagt zu haben, stellt sich ein, weil keine weiteren Anteile des eigenen Selbst irgendeinen Wert zu haben scheinen.

Wenn in der Kindheit der Eindruck entsteht, es weder geschafft zu haben, vom Umfeld gehalten zu werden, noch das eigene essenzielle Wesen gespiegelt zu bekommen, entsteht leicht dieses Gefühl von Wert- und Hilfslosigkeit. Verstärkt werden diese Gefühle von dem Glauben, sie hätten Dinge beeinflussen können, die in Wirklichkeit keiner kontrollieren kann. Zusätzliche Schuldzuweisungen jeglicher Art können daraus eine Beklemmungsgefühl erschaffen, dass irgendwann unerträglich wird.

Hyperaktivitäten des Ego stellen immer Versuche dar, psychische Missstände und Versagensgefühle zu entkräften und zu kompensieren.

Die Kosmetikindustrie, die Modebranche, die Schönheitschirurgie, aber auch die Konkurrenz- und Wettbewerbsideologien, die Ehrgeiz, Fleiß und Erfolgsstreben als Tugenden propagieren, benutzen diese seelischen Verletzungen aus gefühlsarmen Kindheitserfahrungen, um ihre ökonomischen Interessen zu verfolgen.

Selbst die globalen Vernetzungen durch technische Geräte, die uns ständig mit dem Rest der Welt verbinden und Verbundenheit vortäuschen, sind Spiegelbilder eines Bewusstseins, in dem Gemeinsinn lediglich als Plakat existiert. In der Psyche der Eitlen und Ehrgeizigen wird man vergeblich nach Spuren von Solidarität oder Gemeinschaftlichkeit suchen.

Da zur Schau gestellte Empathie und Emotionalität auf den Märkten von Politik, Entertainment und Business aber durchaus geeignet ist, den eigenen Beliebtheitswert zu steigern, wird getäuscht und gelogen, dass sich die Balken biegen. Da gibt es die ausgemachten Lügen, die ganz bewusst erzählt werden - über ihre Gefühle, ihre Vergangenheit, ihre Motive, darüber, wie es wirklich war, was jemand wirklich gesagt hat, wer es gesagt hat und so weiter. Diese Lügen werden eingesetzt, um irgendetwas durchzuziehen oder andere zu beeindrucken, Niederlagen zu vermeiden und nicht als Versager oder als nachlässig, unfähig oder unbeholfen dazustehen. Das (deutsche) TV-Programm am Freitagabend ist gespickt mit solchen Lügengeschichten, die als Talkshow aufgemacht sind. 

Mit dem zunehmenden Zerfall demokratischer Strukturen und der wuchernden Diktatur privater ökonomischer Interessen, etablieren sich auch in der Öffentlichkeit immer mehr Ego-Aktivisten, die begriffen haben, dass sie ohne Lügengeschichten keine Karriere machen können. Der UNO-Auftritt des US-amerikanischen Außenministers Colin Powell zum Irak oder die Äußerungen der Bundeskanzlerin Angela Merkel zur NSA-Spitzelaffäre sind nur die Spitze des Eisbergs.

Ego-Aktivisten verzichten schon aus Gründen der Eitelkeit darauf, nach innen zu schauen und können deshalb keine klare Grenze zwischen sich und andern ziehen. Der Vietnam-Völkermord-Berater Henry Kissinger begründete die verdeckte Aktion der CIA in Chile mit den Worten: "I don't see why we need to stand by and watch a country go communist due to the irresponsibility of its own people." ("Ich sehe nicht ein, weshalb es nötig sein sollte, stillzuhalten und zuzusehen, wie ein Land durch die Verantwortungslosigkeit seines Volkes kommunistisch wird.")

Für Ego-Aktivisten wäre es von entscheidender Bedeutung, zwischen dem Selbst und dem Nicht-Selbst zu unterscheiden. Dazu müsste man sich aber zunächst nach innen wenden. Das ist keine leichte Aufgabe für einen Menschen, dessen Selbstwertgefühl von seiner Spiegelung in den Augen anderer abhängig ist und der seine innere Erfahrung äußeren Aktivitäten opfert.

Ein Gefühl für Wahrhaftigkeit zu entwickeln, ist für viele Menschen auch eine Frage, ob und wie sie ihren eigenen Körper wahrnehmen. Je lückenhafter bzw. ungenauer die körperliche Selbsterfahrung ist, desto einfacher ist es, Lügengeschichten zu erfinden und zu erzählen. „mens sana in corpore sano“ oder „Ein gesunder Körper kann nur sein eigenes Sein ausdrücken; er kann nicht lügen, weil er nichts anderes sein kann als das, was er ist." (Ichazo)

Die erste Lüge, die Ego-Aktivisten verstrickt und aufs Glatteis führt, ist ihre Überzeugung, dass sie sind, was sie tun. Zwar wird der Standpunkt, dass sich der Mensch seine Würde erst „verdienen“ müsse, seit der Aufklärung gepredigt, ist aber als Propaganda der Bürgerlichen Gesellschaft leicht zu durchschauen. Im Grunde ein Affront gegen die Botschaft des Evangeliums, die jeden Menschen als Ebenbild Gottes ansieht und demnach als ein vollkommenes heiliges Geschöpf von Geburt an betrachtet.

Erst wenn ein Mensch versteht, dass sein Selbstwertgefühl nicht von seinen Leistungen abhängt, kann er ernsthaft daran denken, die Bühne von Eifersucht und Eitelkeit zu verlassen und sich seinem inneren Leben widmen. Wer nämlich die eigene innere Wahrheit entdeckt, für den sind Erfolg und Misserfolg dasselbe. Deeds are done, but there is no doer.

„Es ist deine Einbildung du müsstest irgendetwas tun, die dich in die Erwartungshaltung bezüglich deines Bemühens ... verstrickt ... . Schau einfach auf das, was sich auch immer ereignet, wissend, dass du über den Dingen stehst.“ (Nisargadatta Maharaj)

Dieses Wissen wird über einen längeren Weg des Erforschens gewonnen, wie es dazu kam, dass man selbst aufgehört hat, auf die innere Welt zu achten. Es wird auch viel Trauer und Schmerz da sein, wenn man sich erinnert, in welch geringem Ausmaß die kindliche Seele von wirklichem Kontakt und echter Liebe berührt wurde und wie die hauptsächliche Aufmerksamkeit lediglich den Leistungen galt und nicht dem, was das Kind fühlte oder dachte.

Der Charaktertyp, der diese psychischen Zustände erfährt, ist im Enneagramm die Drei, über deren Therapieprobleme Sandra Maitri schreibt:

„Je mehr sie ihre Aufmerksamkeit auf sich selbst richtet, desto deutlicher wird die Drei wahrnehmen, in welchem Ausmaß sie sich mit ihrem Image identifiziert hat. Sie wird entdecken, dass es kaum eine Lücke zwischen dem gibt, was sie darstellt, und allem, was sich sonst noch in ihr abspielt. Das ist eine besonders schmerzhafte Station auf der Reise der Drei, die zu dem Gefühl führt, seicht und oberflächlich zu sein - ein besonders fruchtbarer Boden für ihr Über-Ich, das jetzt alles daran setzen wird, ihr das Leben schwer zu machen. Es hat sie wahrscheinlich schon vorher fertig gemacht, weil sie diese Reise angetreten hat, um sich selbst genauer anzuschauen. Nun greift es sie an, weil sie so substanzlos und leer ist. Gelingt es ihr, sich gegen seine Angriffe zur Wehr zu setzen und ihre innere Realität weiter zu erforschen, wird sie erkennen, wie umfassend ihre Identifikation mit familiären und kulturellen Idealen gewesen ist. Sie wird sehen, wie sehr sie sich an jenen Idealen orientiert hat und zu ihnen geworden ist, bis von ihr selbst außer jener Form fast nichts mehr übrig blieb. Sie wird vielleicht entdecken, dass sie nicht wirklich weiß, was sie neben all dem, was sie meint, wollen und fühlen zu müssen, wirklich selbst will oder fühlt - und schlimmer noch, dass sie nicht einmal weiß, wie sie damit beginnen kann, sich diese Dinge zu fragen.

Hat sie das Ausmaß ihrer Identifikation mit ihrem Image erkannt, kommt eine sehr tiefe innere Leere zum Vorschein. Da sie so viel von ihrer Psyche und ihrer Lebenskraft in ihr Image investiert hat, ist sehr wenig von ihrer Seele übrig geblieben, dem sie sich zuwenden könnte.

Sie steht also vor einem gähnenden Abgrund, wenn ihre Seele anfängt, diese Fassade nicht länger mit aufrechtzuerhalten. Das ist der Grund, warum die Dreien die vielleicht schmerzhafteste Reise aller Enneatypen durchmachen. Wenn das Image eine Lüge ist, was bleibt ihnen dann noch? Eine sehr schwierige innere Konfrontation. Die Drei hat auch nicht das Gefühl, sich in diesem Bereich ihres Inneren wirklich auf sich selbst verlassen zu können, weil ihr Gefühl für das Wirkliche und die Wahrheit so veränderbar und unzuverlässig ist. Vor diese Aufgabe sieht sie sich im Verlauf ihrer inneren Arbeit immer wieder gestellt: Das, was wirklich wahr für sie ist, von dem zu unterscheiden, was sie selbst aus den Dingen gemacht hat. An diesen Punkten empfindet sie sich selbst als ebenso wenig verlässlich wie das stützende Umfeld ihrer Kindheit, das ihr zutiefst unzuverlässig vorkam und das Gefühl in ihr hinterließ, sie würde niemals gehalten werden, es sei denn von sich selbst.“ (Ebd., S.128 f.)

 

Der folgenschwerste Irrtum des homo sapiens ist die Etikettierung der unergründlichen Quelle allen Seins als „Nichts“. Aus diesem Irrtum resultieren weitere urteilende Fehldefinitionen, z. B. Leere als Unvollkommenheit, Abhängigkeit, Unfähigkeit, Schwäche, Machtlosigkeit, Unwissenheit, Unwahrheit, Lieblosigkeit oder Beziehungslosigkeit zu etikettieren. Diese Eigenschaften bezeichnen jene Traumata, die die kindliche Seele nach dem vermeintlichen Verlust der essenziellen Leere zu vermeiden und zu kompensieren anstrebt und aus deren Konfrontation sich die Besonderheiten der individuellen Charaktere entwickeln. Dass diese vermeintlichen Kerneigenschaften der individuellen Psyche falsch sind, bzw. unwahr oder gar nicht existieren, kann im Kindesalter nicht erkannt werden, weil die Mechanismen des automatischen Lernens in dieser Lebensphase lediglich über begrenzte Erfahrungen und Interpretationen verfügen.

Ob die ersten Lernimpulse, die auf jungfräulichen Boden fallen, und in Identitätskrisen  besonders schwer wiegen, sich verfestigen und tief wurzelnde Traumata bewirken, hängt natürlich auch davon ab, in welcher Verfassung sich die erwachsenen Bezugspersonen befinden und wie verständnisvoll und zugewandt sie auf die Emotionen der Kinder eingehen können. Natürlich kann jeder erwachsene Mensch nur jene Gefühle und Umgangsformen praktizieren, die in seiner Kultur bereitgestellt werden und die er selbst erfahren hat.

Die Bürgerliche Gesellschaft der westlichen Zivilisationen ist in Fragen der Lebensqualität (ars vitae) relativ ungeübt und unbedarft. Aus zwei Ursachen. Zum einen ist die wissenschaftliche, ökonomische und politische Organisation der Gesellschaft dem Materialismus verfallen. Zum andern haben die jüdisch-christlichen Dogmen die Quelle allen Seins dermaßen verunstaltet, dass religiöse Rituale die menschliche Selbstbesinnung eher verhindern als fördern. Dies ist umso erstaunlicher, als die Weisheitslehren des Ostens von den Forschungsresultaten der modernen Physik inzwischen sukzessiv experimentell bestätigt werden.

Über die Gefahr, die universale Leere mit „Nichts“ gleichzusetzen, schrieb der Zen-Meister Hui-Neng im 7. Jahrhundert n. Chr. im Sutra des Sechsten Patriarchen:

„Wenn ihr mich von der Leere sprechen hört, so lasst euch nicht zu der Auffassung verleiten, dass ich die Leerheit (eines bloßen Vakuums) meine. Es ist von größter Wichtigkeit, dass wir nicht einer solchen Auffassung verfallen; denn wenn beispielsweise ein Mann dasitzt und seinen Geist völlig leer hält, so würde er nur in ... völliger Gleichgültigkeit und Indifferenz verharren. Die unendliche Leere des Universums aber ist fähig, Myriaden von Dingen verschiedenster Form und Gestalt zu bergen: Sonne und Mond, Sterne und Welten; Berge Flüsse, Bäche und Quellen; Wälder und Sträucher; ... himmlische und höllische Welten; die tiefsten Weltmeere und die höchsten Berge. Der Raum umfasst all diese, und in gleicher Weise tut dies die ‚Leere‘ unserer eigenen Natur. Wir sagen, dass das wahre Wesen unseres Geistes groß ist, weil es alle Dinge umfasst, weil alle Dinge in unserer Natur beschlossen liegen.“ (Hui-Neng, in: Dwight Goddard (Hrsg.), A Buddhist Bible, London 1957)

 

Für die Vielzahl der Beobachtungen der modernen Wissenschaften sei hier nur ein Zitat des bekannten Physikers John Wheeler angeführt:

„Man kann auch annehmen, dass das Nichts des Raumes aus fundamentalen Gebäudeblöcken zusammengesetzt ist. Wenn wir es mikroskopisch untersuchen könnten, würden wir herausfinden, dass sich das Gewebe der Raum-Zeit oder des ‚Superraums‘ aus einem unruhigen Meer an Blasen zusammensetzt.“ (C. DeWitt, J.A. Wheeler, Superspace and the Nature of Geometrodynamics, in: Lectures in Mathematics and Physics (Hg. W.A. Benjamin), New York 1968, S. 60)     

Im buddhistischen Herz-Sutra, das auch das Sutra der Höchsten Weisheit genannt wird, lautet der Kernsatz zur Leere (in japanischer Aussprache der chinesischen Übersetzung):

„Shiki soku ze kū, kū soku ze shiki“ („Form ist Leere, Leere ist Form“).

 Im Taoismus wird die Kraft, die der Leere entströmt, Chi genannt. Wenn sich Chi „verdichtet“, „atmet“ die Leere aus und nimmt die Formen einzelner Dinge an, die sich beim „Einatmen“ wieder auflösen und die große Leere formen. (Notiz: „Tod“ als formgestaltende Kraft...)

Eine moderne Fassung dazu liest sich so:

„In der Quantenfeldtheorie verliert die Unterscheidung zwischen Teilchen und dem sie umgebenden Raum ihre ursprüngliche Schärfe, und die Leere wird als eine dynamische Eigenschaft von überragender Bedeutung erkannt. In Einsteins Feldgleichungen kann die Materie nicht von ihrem Schwerkraftfeld getrennt werden, und das Schwerkraftfeld kann nicht getrennt werden vom gekrümmten Raum. Die Materie und der Raum werden daher als untrennbar und voneinander abhängige Teile eines einzigen Ganzen gesehen. Die moderne Physik zeigt uns wieder einmal, dass körperliche Objekte keine klaren Einheiten sind, sondern untrennbar an ihr Umfeld gekettet sind, dass ihre Eigenschaften nur verstanden werden können, wenn man ihre Interaktion mit dem Rest der Welt berücksichtigt. Ein Quantenfeld ist ein Feld, das die Form eines Quantums oder Teilchens einnehmen kann. Das Quantenfeld wird als die fundamentale physikalische Einheit betrachtet, als ein unaufhörliches Medium, das überall im Raum vorhanden ist.“ (M. Capek, The Philosophical Impact of Contemporary Physics, New Jersey 1961, S. 49)

 

Damit wird (hoffentlich) deutlich, was es bedeutet, wenn ein Mensch bestimmte Eigenschaften auf die Leere projiziert.

In einer gruppentherapeutischen Sitzung wurde ein Teilnehmer gefragt, wie er seine Depression erfahre. Er sagte: „Als leer, als das Nichts.“ Ein Teilnehmerin begann spontan zu lachen und erklärte: „Ein Freund hat mir vor einer Stunde noch erzählt, er wolle nur noch die Glückseligkeit der Leere erfahren.“

Es ist schon irgendwie absurd. Wenn man Freunde und Bekannte fragt, will die eine Hälfte in die Leere gelangen, während die andere Hälfte versucht, aus ihr herauszukommen.

Es hängt alles vom Etikett ab!

Die Wahl des Etiketts wird jedoch durch das Selbstbild und die Selbstwahrnehmung bestimmt. Wenn man sich aufgrund des Kontaktverlustes von der essenziellen Leere als ein getrenntes Wesen begreift, das auf sich allein gestellt ist, wird man jedem Raum zu entfliehen trachten, der einem öde und leer vorkommt. Die Ego-Aktivität des Enneatyps Drei repräsentiert diese Flucht in idealer Weise.

Die Bilder dieser Fluchtwesen sitzen oft so fest, dass selbst, wenn sie wollen, diese nicht loswerden. Mit den Methoden des NLP (Neurolinguistisches Programmieren) wird z. B.  versucht, so viele Kopien davon anzufertigen, bis sich ein Bild allmählich aufzulösen beginnt. Dieser Ansatz kann manchmal nützlich sein, das Problem zu verarbeiten und es zu seiner ursprünglichen Substanz (der Leere) zurückzuführen.

Eine andere Methode arbeitet mit Vergrößerungen. Wenn wir bestimmte Verdichtungen (Bilder, Emotionen, Vorstellungen) sehr stark vergrößern, stellen wir vielleicht fest, dass wir hauptsächlich aus Leere bestehen, durchdrungen von oszillierenden Feldern. Je reiner wir die physikalische Wirklichkeit als Schwingung von Licht und Energie wahrnehmen, desto eher sind wir in der Lage, ihre ehemalige ideologische/emotionale Bedeutung abzuschwächen.

Wenn eine Energie zuvor unangenehm/unerwünscht war, vielleicht Wut oder Schmerz, könnten wir sie als Teilchen oder Welle betrachten und den sie umgebenden Raum als aus einer Substanz bestehend zusammendenken. So kann es durchaus passieren, dass die „Kontrastierung“ dieser Energie verloren geht und schließlich (ausgedünnt) einfach aus dem Bewusstsein verschwindet.

Ehrgeiz, Eitelkeit, Eifersucht, Hochstapelei, Missgunst und Neid – die Plagegeister des Enneatyps Drei – sind letztlich nur Verdichtungen der EINEN SUBSTANZ. Insofern steht ihnen nur das individuelle Festhalten im Wege, sie in die Leere zurückgehen zu lassen.

Am Ende dieses Kapitels zur „Harmonie des Ganzen“ sei noch einmal ausdrücklich betont, dass die Quelle des Seins und das Ego als getrennte Veranstaltungen nicht nebeneinander existieren können. Wie bereits zuvor beschrieben wurde, kommen wir der „überlegenen Vernunft“ am nächsten, wenn wir jede Form von Verdichtung als vorübergehende Erscheinung begreifen. Dazu zählen natürlich auch alle Zustände des Bewusstseins, alle Identitäten, Glaubenssätze und Emotionen. Zwar bin ich nicht diese Erfahrungen, trotzdem gehe ich durch alle diese Erfahrungen hindurch, weil ich dieses Erfahren bin.

Um das wahre Selbst zu finden, muss die Erkenntnis voll und ganz im Bewusstsein verankert sein, dass es um die Fähigkeit geht, alles loszulassen und alle Begrenzungen zu überschreiten. Das „Ich“ ist vielleicht sogar die fürchterlichste und folgenschwerste Begrenzung des Denkens. Doch selbst die Vorstellung von der Leere kann eine Art Käfig sein. 

„Mein Freund“, sagte der Schüler zum Zen-Meister, „ist immer in der Leere. Was soll er tun?“

Der Meister antwortete: „Sag ihm, er soll die Leere aufgeben.“

In diesem Sinne ist die „Harmonie des Ganzen“ auch nur eine flüchtige Vorstellung, selbst wenn sie ein gewisses Maß an Glückseligkeit mit sich führt.

Kommentare

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"Am Ende dieses Kapitels zur „Harmonie des Ganzen“ sei noch einmal ausdrücklich betont, dass die Quelle des Seins und das Ego als getrennte Veranstaltungen nicht nebeneinander existieren können. Wie bereits zuvor beschrieben wurde, kommen wir der „überlegenen Vernunft“ am nächsten, wenn wir jede Form von Verdichtung als vorübergehende Erscheinung begreifen. Dazu zählen natürlich auch alle Zustände des Bewusstseins, alle Identitäten, Glaubenssätze und Emotionen. Zwar bin ich nicht diese Erfahrungen, trotzdem gehe ich durch alle diese Erfahrungen hindurch, weil ich dieses Erfahren bin."

Wenn ich der Empfehlung nun voll nachkomme gerate ich in eine paradoxe Situation. Falle ich "Eins" bin, ist Ende mit der Schreiberei. "Verzücktes Staunen", wie von Einstein zitiert, fällt dann ebenso weg. Wer Gegenteiliges behauptet, kann es nicht beweisen, wie auch. "Überlegene Vernunft" sich als Metaebene vorzustellen, ist aber auch wieder nur der Ausfluss reflexiven Vorstellungsvermögens, also meines Egos. Lege ich mein Ego aber ab/ still (sozusagen das diskursive Denken), dann bin ich ich zwar nichtdenkend, soll dann aber im Bereich der "überlegenen Vernunft" sein (zumindest annähern), die ich übrigens auch nur für eine Extrapolation unseres Vermögens halte.

Es ist wie mit dem Atmen. Mein Ego kann einfach nicht darauf verzichten. Sollte ich vorübergehend ein "höheres Niveau" erreichen, erledigen das für mich niedere Subroutinen. Mit anderen Worten, die Dinge gehören zusammen und bauen aufeinander auf. Beim höher steigen fällt der Berg unter einem nicht weg, selbst wenn man es manchmal vergisst, und sich auf den Gipfel konzentriert. Zurück muss man ever.

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Ja, lieber Pleifel, etwas, das identisch mit sich selbst ist, kann sich selbst nicht sehen und kann deshalb auch keinen Beobachterstandpunkt einnehmen, der außerhalb liegt. Sofern aber ein separater Beobachter (Ego) installiert wird, ist die Gretchenfrage, wie du das interpretieren möchtest.

Um fruchtbare Konsequenzen aus dieser paradoxen Situation zu ziehen, braucht es eine  Achtsamkeit des vertrauensvollen Gewahrseins, mit der die Wahrnehmung sich selbst begegnet. Darin liegt die Lösung aller Paradoxien und Zweifel. Wenn dabei die Identifizierung des Identischen mit dem Nicht-Identischen vollendet wird, kann die manifestierte Wirklichkeit sich gleichsam nur in harmonisch vollkommener Weise äußern und wahrgenommen werden.

Dabei geht es um die Lücke, die zwischen dem „ewigen Jetzt“ (Selbst, Essenz, Sein) und der Wahrnehmung geschlossen werden kann. Von dem Sufi-Meister Hameed Ali stammt die Aussage, dass das Alter eines Menschen daran gemessen wird, wie viel Zeit er in der "wahren Zeit" zugebracht hat, denn nur dadurch ließe sich das Alter seiner Seele bestimmen. Der Gedanke eines Egos dagegen kann nur in der flüchtigen Raumzeit existieren.