10 Jun 2015

Aline und Pierre

Submitted by costa esmeralda


Geschichte einer Einwanderung vom Senegal nach Südwestfrankreich


Foto: Wikimedia Commons, Junge Diola-Mädchen, Casamance, Senegal

 

“Sieh Dir mal die jungen Frauen an, Michel! Was hältst Du von denen?“

            Michel saß zusammen mit Pierre auf dem Beifahrersitz des kleinen Touristenbusses, der nach dem Frühstück am Strand in Cap Skirring in Richtung Diembéring aufgebrochen war. Der Bus musste auf dem staubigen Weg halten und den Zug der Dorfbewohner vorbeilassen. Vorneweg zogen die jungen Diola-Männer, Gesicht und Oberkörper weiß angemalt und bereit für den „boukout“, den Initiationsritus mit Beschneidung, so wie ihre animistischen Vorfahren und auch ihr Nachbarvolk der Balante diesen Ritus seit jeher feierlich begingen. Dann kamen die alten Männer, von denen einige die jungen, unverheirateten Männer für Monate begleiten würden, um ihnen die uralten Traditionen und die Pflichten von zukünftigen Familienvätern zu übermitteln. Schließlich folgten die übrigen Dorfbewohner, unter ihnen die Diola-Mädchen. Sicher hatten einige von ihnen ihren Freund unter den jungen Männern. Auch sie würden bald ihren Initiationsritus unter Führung weiser Frauen antreten. Glücklicherweise war die Beschneidung von Mädchen nicht Teil der Diola-Kultur, die in der multiethnischen und multireligiösen Umgebung mit christianisierten und islamisierten Völkern der Casamance eine wichtige Rolle spielt.

            Pierre und Michel wussten nicht, dass einige dieser Mädchen zu Einbruch der Dunkelheit in Diembéring der Touristengruppe aus dem nahen Cap Skirring, wo der Club Méditerrannée seit Jahrzehnten an einem der schönsten Strände der Casamance im Senegal eine großzügige Anlage unterhielt, ihre traditionellen Tänze vorführen würden.

            Die beiden jungen Franzosen kamen aus Matha, im Herzen der Cognac-Region im südwestlichen Frankreich gelegen. Beide waren unzertrennliche Freunde seit Kindertagen. Sie hatten noch die einklassige Grundschule in Fontaine-Chalendray besucht, die gleich neben der kleinen, im romanischen Stil erbauten Dorfkirche lag. Dann aber siedelten ihre Eltern nach Matha um. Immer mehr Familien verließen ihr einst stolzes Dorf, um in der kleinen Stadt Matha die notwendige Grundversorgung und Arbeit zu bekommen. Die zum Verkauf stehenden Häuser und Gärten von Fontaine-Chalendray wurden allmählich von Ausländern aufgekauft, die hier eine neue Heimat suchten, unter ihnen Engländer, Iren, Belgier und Deutsche.

            Die Eltern von Pierre und Michel waren Landwirte, die vor allem Getreide, Sonnenblumen und Wein anbauten Die beiden Freunde wollten jedoch die harte, wetter- und politik-abhängige Arbeit ihrer Väter nicht ausüben und wählten stattdessen eine Ausbildung in einem regelmäßig bezahlten Beruf. So hatten sie sich für eine Landwirtschafts-Mechanikerausbildung entschieden, die ihnen in der lieblichen Cognac-Region mit ihrer reichen Agrarwirtschaft, im sanften Auf und Ab von flachen, weit gestreckten Hügeln betrieben, ein sicheres Auskommen ermöglichte. Selbst ihr heimatliches Dorf Fontaine-Chalendray und die Umgebung mit zahlreichen, teils verlassenen Dörfern und den typischen romanischen und gotischen Kirchen besuchten sie nur noch gelegentlich. Das war zumeist dann der Fall, wenn die in der Region typischen Feste gefeiert wurden. Leider nahm die Zahl der Mädchen und jungen Frauen, die in ferne Städte abwanderten, von Jahr zu Jahr ab, so dass die beiden Freunde immer weniger potentielle Heiratskandidatinnen zum Dorftanz oder zu Wochenendvergnügungen einladen konnten. 

            Als Pierre und Michel Mitte zwanzig waren, fassten sie den Entschluss, all ihr erspartes Geld für eine Afrika-Reise in den Senegal auszugeben. Nicht nur Abenteuerlust und die Aussicht, einmal aus der heimatlichen Enge herauszukommen, sondern auch die Möglichkeit, Bekanntschaft mit afrikanischen Frauen zu schließen, trieben sie dazu an. Und eine Reise im Rahmen des „Club Med“, wie die Franzosen sagen, schien ihnen dazu bestens geeignet.

            Der Anblick der jungen Diola-Frauen hatten Pierre und Michel neugierig gemacht. Mit Ungeduld erwarteten sie den vom Reiseveranstalter angesagten Abend in Diembéring. Es standen nicht nur Tänze der Diola-Kultur auf dem Programm, sondern es wurde den Touristen auch empfohlen, sich selbst in afrikanischen Tänzen unterweisen zu lassen.

            Mittags in Diembéring angekommen, gab es zuerst ein schmackhaftes Essen aus in Kokosmilch zubereitetem Reis mit Hühnchen in Erdnuss-Soße. Als Nachtisch wurden Mango, Papaya und Wassermelone gereicht. Die beiden jungen Mechaniker aus Matha waren bester Stimmung, als die kleine Touristengesellschaft an dem endlos scheinenden, weißen Sandstrand des Ortes anlangten. Dort verbrachten sie den Nachmittag inmitten einer Gruppe Diola-Kinder, deren bevorzugte Beschäftigung nach der Schule das Herumtollen am Strand und das Schwimmen im Meer war.

            Die Hitze des Nachmittags am Meer in Gesellschaft unbefangener Diola-Kinder, die Weite des nimmer endenden Strandes, die Frische des Meeres und die Bekanntschaft mit den verschiedenen Seevögeln waren die ideale Vorbereitung für den kommenden Abend, den Pierre und Michel zusammen mit der einheimischen Bevölkerung zu verbringen gedachten.

            Die Tanzvorführung der Diola-Frauen und Männer, die auf dem Dorfplatz stattfand, wurde von einer Gruppe von Trommlern und einem Balafon-Spieler begleitet. Es dauerte nicht lange, so wurden die Tanzenden wie auch die Zuschauer, unter ihnen neben den französischen Touristen viele junge und alte Dorfbewohner, vom Rhythmus der afrikanischen Musik derart ergriffen, dass sich die Körper im wilden Wirbel der Trommeln zu verselbständigen schienen.

            Als dann die jungen Diola-Männer und Frauen die Touristen aufforderten, mit ihnen die traditionellen Tänze zu versuchen, gab es keine Gegenwehr. Wie selbstverständlich ließen sich auch Pierre und Michel auf die Tänze ein. Zuerst gehorchten sie ungelenk den Bewegungen ihrer jungen, feurigen Diola-Lehrerinnen, doch bald gaben sie sich bereitwillig den einladenden Körperkontakten ihrer Partnerinnen hin und versanken alsbald in einen Sinnenrausch, der ihnen bis dahin unbekannt war. Nie hatten sie in ihrer Heimat ein derartiges Eintauchen und Sichverlieren in Musik und Tanz erlebt, das sie schier um den Verstand brachte.

            Pierres Tanzpartnerin hieß Aline. Sie war aus Diembéring. Des Morgens arbeitete sie als Zimmermädchen im Club Méditerrannée in Cap Skirring. Am Nachmittag fuhr sie nach Hause zurück, um Abends mit ihrer Tanz- und Musikgruppe in Diembéring noch ein Zubrot zu verdienen. Ihre Familie konnte schon lange nicht mehr vom Reisanbau und den wenigen Kühen leben. Trotz eines ausgeklügelten Bewässerungssystems, das zum Teil von der französischen Entwicklungshilfe gesponsert wurde, verringerten sich die Reiserträge zusehends. Das war unter anderem durch immer häufigere Trockenperioden wie auch durch jahrzehntelangen Düngemittelgebrauch bedingt, der die zunehmende Versalzung der Böden noch verstärkte.

            Alines Familie baute schon seit Beginn der neunziger Jahre, wie übrigens fast alle Familien in Diembéring, auf Geld-Überweisungen aus Frankreich. Zwei ältere Brüder, die in Marseille arbeiteten, schickten regelmäßig Geld nach Diembéring und rieten Aline, ebenfalls nach Frankreich auszuwandern. Nur so könnte sie später einmal für eigene Kinder Sorge tragen. Außerdem gäbe es bereits genügend junge Diola-Männer vor allem in Südfrankreich, die sich sicher für sie interessieren würden.

            Aline war es bisher nie in den Kopf gekommen, eine ungewisse Überfahrt nach Frankreich zu wagen. Ein Visum für Frankreich hatte sie zwar in Dakar bei der französischen Botschaft beantragt, jedoch nicht bewilligt bekommen. Europa verhielt sich immer unerbittlicher gegenüber Einwanderern aus peripheren Ländern und hatte damit begonnen, die Einreise in die EU strikt zu kontrollieren, besonders seit der Wirtschafts- und Finanzkrise in 2008.

            Als spät abends die Rückfahrt der Touristengruppe nach Cap Skirring anstand, war Pierre bereits hoffnungslos in Aline verliebt. Er kannte sich selbst nicht mehr aus. Am liebsten wäre er mit Aline in der nächsten Dorfhütte untergetaucht und hätte sich auf sie geworfen, um in einem erregenden Taumel die Wirklichkeit um sich herum wie auch Matha und die Region Cognac ein für alle Mal zu vergessen. Aline musste ihm versprechen, ihn am nächsten Tag im Club Med zu besuchen, bevor sie dann wie jeden Nachmittag nach Diembéring zurückfahren würde.

            Aline war ebenfalls von Pierre angetan. Niemals vorher war sie einem weißen Mann derart körperlich nahe gekommen. Die Hitze des Tanzes des aneinandergeschmiegten Paares und die für sie neuen Körpergerüche des jungen Franzosen brachten sie um den Verstand. In dem armseligen Haus ihrer Eltern in Diembéring, dessen Strohdach erst vor ein paar Jahren durch ein Wellblechdach ersetzt wurde, fand sie lange Zeit keine Nachtruhe. Sie nahm sich vor, anderntags ihre Arbeit im Club Med so schnell wie möglich zu erledigen, um sich abermals mit Pierre zu treffen. 

            Pierre und Aline trafen sich von diesem Abend an jeden Nachmittag in Pierres und Michels kleinem Bungalow, wo sie sich liebten, wie beide es nie zuvor erlebt hatten. Michel verbrachte diese Stunden derweil am Meer. Er hatte nicht das gleiche Glück gehabt wie Pierre, eine senegalesische Partnerin zu finden, die ihm den Kopf verdreht hätte.    

            Noch bevor die drei Wochen Urlaub in der feuchten, tropischen Casamance zu Ende gingen, hatten Pierre und Aline ausgemacht, ein gemeinsames Leben in Frankreich zu beginnen. Mit oder ohne Einverständnis der Eltern von beiden würden sie sich als Brautleute erklären und das Visum für Aline beantragen.

            Es dauerte weitere drei Monate, bis Aline schließlich in Matha ankam. Sie war bereits im dritten Monat schwanger und Pierres Eltern arrangierten in aller Eile die Hochzeit in der kleinen Stadt.                                       

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Foto: Hermann Gebauer (1. Juni-Woche 2015), romanische Kirche in Fontaine-Chalendray, erbaut 12., 13. Jh.)