8 Jun 2015

Die politisch korrekte Relevanz!

Submitted by ebertus

Auch Du mein Wikipedia? Die sog. "Homo-Ehe" wird aktuell recht kontrovers diskutiert. Hier nun eine mit Sicherheit ganz andere Perspektive; eine sehr spezifisch "deutschsprachige" Metaebene.

Es sind nach meinem Eindruck und spätestens seit dem Frühjahr 2014 die gesellschaftspolitisch relevanten Themen, innen wie außenpolitisch und soweit jenseits der systemisch-alternativlosen Leitplanken  nun beinahe flächendeckend aus dem medialen Mainstream verschwunden; alternativ Inhalte wie Protagonisten einer wohlfeilen Diffamierung anheim gestellt.

Nein, nicht offen verschwörerisch, aber die weitgehende Einigkeit, die berühmten 99+x Prozent der DDR lassen grüßen; wirkt Vieles dann doch wie -informell zumindest- abgestimmt, wird das relativ einheitliche, durch die Agenturen zugelieferte Bilderwerk oft gleich auch noch mit deren Verlautbarungen ergänzt; ansonsten wortgeklingelt pseudoindividuell umrahmt.

Frech gelogen wird selten, eher selektiv und oft tendenziös berichtet. So hat der inkriminierte Begriff von dieser "Lügenpresse" nur in den einzelfalligen den natürlich irrtümlichen Ausnahmen eine gewisse Berechtigung.

Heute bei einem noch relativ offenen Netz hierzulande mag zwar die flächendeckende Überwachung weitgehend funktionieren, hält man sich jedoch mit Restriktionen -und diese immer gern bei den sog. Schurkenstaaten verortet und beklagt- weitgehend zurück; noch...

Daher haben wir -soweit wenigstens einer anderen Sprache halbwegs mächtig- aktuell noch eine weitgehende Auswahl. Ein, nicht der Grund für die sog. Medienkrise und dahingehend gibt es gerade für die sog. Qualitätsmedien ein Problem, die Klientel weitgehend in der Lage ist, sich alternativ zu informieren; Englisch heute unbestritten die lingua franca der modernen Welt darstellt.

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Nun zu Wikipedia!

Bei meiner Recherche zum Thema "Homosexualität", dem oft zelebrierten Pink-Washing in gepflegter, westlich-weisser mittelschichtiger Aufgeklärtheit kam mir einmal mehr Anastas(s)ia Michaeli unter, eine israelische Politikerin und bis 2013 MK (Member of Knesset).

Weil sie (Michaeli), ähnlich anderer sog. Ultras dort in Israel sowohl gegenüber Arabern wie auch gegenüber Homosexuellen mehr als verbal ausfällig, ersteren gegenüber auch schon mal handgreiflich wurde, so ist sie durchaus eine Figur der Zeitgeschichte und gerade zum Thema Homophobie von gewisser Relevanz; mir zuletzt und im Dunstkreis von Avigdor Lieberman durch "Goliath", dem Buch von Max Blumenthal in Erinnerung gebracht.

Ein deutschsprachiger Vermerk zu Anastasia (mit einem "s") Michaeli existiert, aber er ist -ja, wie soll man das formulieren- sehr beschränkt, deutlich eingeschränkt in der Aussage. Zu dem hier einleitend genannten Thema gibt es lediglich einen Satz: "Im Juni 2012 machte sie im Radio homophobe Bemerkungen." ergänzt immerhin um eine Fußnote - die dann auf einen englischsprachigen Text bei Haaretz führt.

Ganz anders in der englischsprachigen Wiki-Ausgabe, es sich dabei und obwohl der Vorname nun mit zwei "s" geschrieben wird, wohl um die gleiche Person handeln dürfte. Schon im einführenden Absatz wird auf die Spezialitäten dieser (Ex)Abgeordneten hingewiesen:

"During her Knesset term she received media attention for attempting to physically disturb an Arab representative's speech and for comments she made on the psychology of gays and lesbians."

Zu beiden Themen, (zu möglicher?) Islamophobie wie Homophobie folgen dann im weiteren Text noch ausführliche Erläuterungen mit diversen Links, ebenso mehreren Fußnoten.

Für uns hierzulande nicht relevant...?

Oder einfach die immer mal erkannte, die gepflegte Zurückhaltung - when it comes to Israel. Wäre ein dem Englischen inhaltlich vergleichbarer deutschsprachiger Wiki-Eintrag zu Anastas(s)ia Michaeli vielleicht schon Antisemitismus?

Ob nun "The Crisis of Zionism" von Peter Beinart oder "Parting Ways" von Judith Butler; es dauert bis eine deutsche Übersetzung dann (vielleicht) kommt, danach weitgehend totgeschwiegen wird. Anderswo ist es auch nicht besser und bis zur hebräischen Ausgabe von "Eichmann in Jerusalem" vergingen gar Jahrzehnte...

Warum sollte es Noam Chomsky dann anders gehen? Aus dessen "American Empire Project" (Verschwörungstheorie?) sei hier nur ein Titel erwähnt, den ich 2009 auf dem Rückflug von Boston beinahe gefressen habe:

"Imperial Ambitions, Conversations on the Post 9/11 World"

Kein deutschsprachiger Wiki-Eintrag, versteht sich zu diesem verschrifteten Gespräch mit dem Journalisten David Barsamian. Chomsky erkennt bereits vor zehn Jahren all das, was sich seitdem transatlantisch-imperial entwickelt hat, vorwärtsverteidigend umgesetzt wird.

Ähnliches gilt für Zeitungen und Zeitschriften. Die Rolle von Angela Merkel beispielsweise, die uns -nach meiner gewiss schwachen Erinnerung- als damalige Oppositionsführerin in 2002/03 gern in die Koalition der Willigen gen Irak eingereiht hätte, diese bereits damals (und nicht erst seit Köhler oder Gauck) erkennbare Verteidigung unserer Wirtschaftsinteressen. Das ist und gerade was Merkel angeht nach meinem Eindruck ein großmediales Tabu.

Also frei nach Fritz Teufel:

"Wenn's denn der Wahrheitsfindung dient"

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Btw. Zu dem erwähnten Avigdor Lieberman scheint es bei Wikipedia eine ähnliche Diskrepanz zwischen dem (immerhin vorhandenen) deutschsprachigen und dem englischsprachigen Eintrag zu geben; wäre also bei Interesse noch wesentlich grundsätzlicher zu untersuchen...