6 Dez 2014

Obrigheim ist bald überall

Submitted by ebertus

In vielen Ländern gerade der zivilisatorischen Moderne stehen sie, diese tickenden Zeitbomben, welche möglicherweise über hunderte von Jahren bewacht und gesichert werden müssen. Gestern noch wollte man uns erzählen, dass die AKW's jenseits ihrer technisch möglichen Lebenszeit dann zurück gebaut werden, die Kernkraftbetreiber dafür entsprechende Rücklagen gebildet hätten. Nach Tische nun liest man das etwas anders...

Bild: Bernd Ebert, 09.04.2011 aus Richtung Mörtelstein

Weniger wegen dem Störfall in einem ukrainischen  AKW darf man besorgt sein. Das ist ja so weit weg und außerdem sollten jenseits von Tschernobyl und Fukushima -zwischen denen nach gern kolportierten statistischen Wahrscheinlichkeiten eigentlich tausende von Jahren liegen müssten- nun alle Restrisiken derartiger Havarien bekannt, alle Szenarien im unhinterfragbaren Griff der Technikgläubigen sein.

Verständlich andererseits, dass die Risiken der Kernkraft, eines Störfalles vom Schlage Tschernobyl oder Fukushima kaum versicherbar sind. Nicht nur die Kosten, auch alles andere Elend, unter Umständen lang anhaltendes Leid tragen wir alle, ganz automatisch, mehr oder weniger. Manche tragen etwas mehr an Risiko, vielleicht die Einwohner von Diedesheim, auf der anderen Seite des Neckar, beinahe nur einen Steinwurf vom AKW entfernt.

Nein, hier soll primär die Frage gestellt werden, wie es sich denn nun realistischerweise verhält mit diesem Rückbau, der aus betriebswirtschaftlicher Sicht doch absolut sauber eingepreist ist. Aktuell, so scheint es, versuchen die AKW-Betreiber -allen voran EON- diese Pflicht des Rückbaus durch filigrane, kaum durchschaubare neue Unternehmenskonstrukte einer direkten Kontrolle zu entziehen - die der Bundesrechnungshof  bereits anforderte bzw. deren Existenz er anzweifelte.

Was der Rückbau bzw. die Entsorgung wirklich kosten wird und für welchen Zeitraum die Altstandorte bewacht werden müssen, dass ist vollkommen offen. Selbst für einen so kleinen Reaktor wie der des DDR-AKW in Rheinsberg geht man von vielen Jahrzehnten aus; momentan steht 2069 in Rede und zu -natürlich- wesentlich höheren Kosten als ursprünglich geplant. Nicht ganz so lange, aber ähnlich kostenintensiv geht es in Obrigheim voran, soll der Rückbau 2025 beendet sein und dann rund 500 Millionen Euro gekostet haben. Aussen vor gelassen wird dabei die Tatsache, dass es nach wie vor kein Endlager für die verbleibenden hochradioaktiven Teile und erst recht nicht für die abgebrannten Brennelemente gibt. Da greifen formaljuristische Scheuklappen, wie es wohl gar ein Richter zur Causa Obrigheim formulierte, das selbstgewählte Brett vor dem Kopf, welches wohl frühestens bei dem nächsten, ernsthaften Störfall abgenommen wird; wenn überhaupt, weil so eine Havarie natürlich Schicksal; statistisch gesehen äußerst selten ist.

Selbst wirtschaftsnahe Medien wie beispielsweise das Handelsblatt  (dort Seite 3) weisen auf den Umstand hin, dass keinerlei Erfahrungen mit dem Rückbau großer Kernkraftwerke existieren. Diesbezügliche Aktivitäten in Rheinsberg und auch in Obrigheim dürften sich gegenüber den Größenordnungen und logistischen Notwendigkeiten in Biblis beispielsweise eher wie (wenngleich notwendige) Sandkastenspiele darstellen. Was dann und jenseits eines vordergründigem Restmülltourismus zu der grundsätzlichen Frage führt, wo die großen Mengen hochradioaktiver Bauteile und die abgebrannten Brennelemente denn bleiben; für wie lange und zu welchen Kosten was Bewachung und Überwachung angeht.

Nicht zuletzt könnte man das Entsorgungspferd auch von der anderen Seite her aufziehen, d.h. Einschluß anstelle von sofortigem Rückbau unter hochradioaktiver Strahlung. Und man hätte das Problem -wie viele andere Probleme ebenfalls- auf die nächsten Generationen verlagert, heute lediglich Kasse gemacht. Vielleicht irre ich mich, aber dieser gewissen Peinlichkeit will man sich dann wohl doch nicht unterziehen. Peinlich dergestalt, dass überall im Lande und auf lange Zeit (einhundert Jahre dürften nicht zu knapp bemessen sein) die zu bewachenden, zu überwachenden, gar (technisch) zu unterhaltenden Zeugen eines fortschrittsgläubigen Irrsinns stehen. Mal ganz abgesehen von den extern lauernden Gefahren, wo doch keines der -wenngleich dann stillgelegten- AKW's gegen den Absturz eines größeren Flugkörpers oder gar gegen militärischen Beschuß gesichert ist. Letzteres war als ein apokalyptisches Szenario diese Tage gerade in Sachen der ukrainischen Atomkraftwerke zu lesen

All das im Hinterkopf -und die Kraftwerksbetreiber bzw. Eigner sind ja nicht blöd- führt nun wohl dazu, sich schleichend aus der Verantwortung stehlen zu wollen. Bei Telepolis ist gar von (politischer) Erpressung zu lesen:

Mit anderen Worten: Wenn es nicht den geforderten Kapazitätsmarkt – das heißt neue Subventionen für fossile Kraftwerke – gibt und der Konzern, bzw. die neu zu gründende Gesellschaft in dessen Nachfolge, nicht die Prozesse gegen den Atomausstieg gewinnt, dann wird es auch nichts mit der Absicherung der AKW-Entsorgung. Das könnte man auch als politische Erpressung auffassen, und der Gesetzgeber sollte sich vielleicht fragen, ob er diese Teyssen durchgehen lässt und der Aufspaltung Eons tatenlos zuschaut oder nicht besser gleich den Konzern mit seinem gesamten Vermögen – oder zumindest dessen inländischen Anteils – in eine öffentlich-rechtliche Verwaltung überführt, damit eine planvolle und gegenfinanzierte Abwicklung der alten Stromwirtschaft organisiert werden kann.

Ok, die Privatisierung der Gewinne ist weitgehend gelaufen, nun kann die Sozialisierung der (erwartbaren) Verluste nebst aller Risiken eingeleitet werden. Oder anders herum formuliert: dass was alternativlos bei einem ernsthaften Störfall eh' passieren würde. So ist dies als realistisches Szenario auch für den Rückbau, die Entsorgung von Atomkraftwerken zu erwarten, sprich: die Überführung in eine öffentlich-rechtliche Verwaltung, vulgo Verstaatlichung.

So funktioniert Kapitalismus, spätestens seit 2008, seit der andauernden Bankenrettung nicht mehr zu leugnen...

Kommentare

Bild des Benutzers fahrwax

Alles an vorhandenen Risiken wird, mehr oder weniger geschickt verpackt, ausgelagert in das kapitalistische Nirgendwo, das den "Gewöhnlichen" trifft. Pensions- und Rentenversicherungen zähle ich, wegen der Systematik, frech dazu.

Die Bekannten, Steuer-paradiesischen,  Aufbewahrungsorte werden für derlei Sperrmüll die Grenzen schließen?

Bild des Benutzers fahrwax

Fred kommentiert, eigentlich zum Thema Anhäufung von Verbindlichkeiten der Spitzenreiter im Ranking, die ebenfalls alle realen Verpflichtungen bestreiten bis auf die zu Mord und Totschlag:

Ich hab mir mal die Mühe gemacht und das räumliche Volumen der US-Staatsverschuldung in 100 $ Scheinen ermittelt. Die Staatsschulden der USA – wohlbemerkt OHNE die der Privaten und Unternehmen – ergeben demnach ein Volumen von 225.000 Qubikmeter. Würde man dieses Volumen an 100 $ Noten gepresst und gebündelt auf 40-Tonner LKW (ca. 90 Qubikmeter Ladevolumen) verladen wollen, wären 2.500 LKW hierzu erforderlich. Bei einer Gesamtlänge pro LKW von ca. 18,5 Meter wäre somit ein Konvoi -Stoßstange an Stoßstange – über 46 km lang oder die Strecke Fankfurt – Ingelheim (Luftlinie). Der Einfachheit halber läßt sich diese Rechnung auch für 50 $ Noten durch die Division durch den Faktor 2 erstellten, wobei ein Konvoi von 40-Tonner LKWs dann entsprechend rund 93 km lang sein dürfte (etwa die Strecke Frankfurt Flughafen – Flughafen Hahn im Hunsrück). Wenn man dann überlegt, dass es Massen an Menschen gibt, denen 5 $ fehlen, für etwas Warmes zu essen, dann …

Ich hör an dieser Stelle lieber auf, bevor ich das kalte Kotzen an mich kriege.

(Fred aus Frankfurt am 5. Dezember 2014 um 22:41 : )

Stellt sich eigentlich nur die Frage: wie kommt Fred an die unverzichtbaren Reisemedikamente, damit er nicht kotzend verstirbt?

Das Verhalten der Kraftwerksbetreiber stellt die Exekutierung der "gesellschaftlichen Logik" dar, nach welcher, bezugnehmend auf Adam Smith - das Allgemeinwohl gesteigert wird.

Die Substanz dieser Logik ist anaphorisch zu den Werken von Kant oder Hegel zu verstehen. Denn sie negiert die Realität und versteift sich auf Denkmodelle, welche bar jeder Realität der Vorzug gegeben wird. Natürlich verstehe ich unter Realität das, was wirklich unmittelbar (beim Objekt) geschieht und nicht das, was über das Objekt gedacht wird. Philosophisch drückt das in etwa die Differenz zwischen Marx und Feuerbach aus, wobei Letztgenannter (im Gegensatz zu Kant und Hegel) eine wesentlich größere Objektnähe erreicht hat.

Ich behaupte nicht, dass jeder Eigennutz (Optimierung nach Marktgesichtspunkten) der Allgemeinheit keinen Nutzen bietet. Ich behaupte aber sehr wohl, dass nicht jeder Eigennutz gesellschaftsfördernd ist. Leider sind die Groß-Quacksalber der herrschenden gesellschaftlichen Rechtfertigungslehren noch nicht so weit, die in breiten Teilen real existierende gesellschaftliche Realität auch nur in homöopathischer Dosis wahrzunehmen und entsprechend anzuerkennen. Denn die dann notwendigen Modifizierungen ihrer Weltanschauungen dürften solche Akteure sowohl mental, als auch geistig überfordern.

Bild des Benutzers fahrwax

"Ich behaupte aber sehr wohl, dass nicht jeder Eigennutz gesellschaftsfördernd ist."

Eine überaus vorsichtige Formulierung.

Ich sehe in der ringsum wahrnehmbaren Realität die Widerlegung aller Thesen zu den angeblichen Regulatorien "Markt" und "Staat". Beide basieren letzlich auf der irrwitzigen Vorstellung, die Summe aller Eigennützigkeiten könne den Gemeinnutz hervorbringen.