30 Mai 2015

Fassbinder über Fassbinder I

Submitted by ebertus

Zum 70. Geburtstag. Mittlerweile nur noch selten lohnt der Blick in die transatlantisch eingefärbte "taz"; heute jedoch schon, zum bevorstehenden 70. Geburtstag des insbesondere "frühen" Rainer Werner Fassbinder.

Fassbinder  war der wohl markanteste, produktivste und nicht zuletzt der immer wieder sehr kontrovers diskutierte Regisseur der bundesrepublikanischen Nachkriegsära. Dies gilt für die Anfänge beim Theater ebenso wie für sein umfangreiches Filmschaffen. Mehr noch, Teile von Fassbinders Werk werden auch heute bzw. immer wieder neu adaptiert und führen mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu eben diesen Kontroversen im Hinblick auf sein Schaffen, aber auch seiner Person an sich.

Vom Verlag der Autoren gibt es ein sehr spezielles, beinahe intimes Buch, werden dreissig Originalinterviews verschiedener Autoren mit Fassbinder dokumentiert, erstreckt sich die Zeitspanne des Entstehens dieser einmaligen Sammlung von 1969 bis 1982 und damit bis kurz vor seinen frühen Tod. Das Buch befindet sich bereits seit rund drei Jahren in meinem, für derartige "Fälle" vorgesehenen Regal. Manchmal fehlt einfach die Zeit, oft nur die Muße, das passende Gefühl oder auch ein (externer) Anstoß. Wenn "irgendwann" alles zusammen kommt, dann passiert es, bieten sich einige ruhige Stunden auf dem Balkon gerade zu an; wird nachgeholt, was seit Jahren und sehr bescheiden wartet.

Nicht unbedingt preiswert, diese Sammlung über nahezu 700 Seiten und mit Sicherheit  nur für wirklich interessierte Menschen, gar Zeitzeugen gedacht. Die mehr als zehn Jahre des Schaffens von Fassbinder werden dabei in einer natürlichen, einer nahen, sehr dichten Art und Weise dem Leser nahe gebracht, dass sich relativ schnell dieses bestätigende Gefühl einstellt, nun also auch den bislang fragmentartigen Blick hinter die Bühne, die Fassade werfen, das Leben und Agieren der Menschen nachvollziehen zu können. Fassbinder war ja nicht nur der Regisseur, der Macher, die treibende Kraft hinter dieser faszinierenden Gemeinschaft von Künstern - im weitesten Sinne. Er war Teil dieses Kollektives, welches gerade in den ersten Jahren die beinahe fliessenden Übergänge zwischen den (Kunst)figuren und den realen Menschen dahinter wirklich lebten; nicht nur spielten.

Das primäre, das frühe Werk von Fassbinder für Bühne und Kino, für eine eher begrenzte Klientel im kunstnahen, intellektuellen Umfeld der ausklingenden, sich auch schon mal etablierenden 68er Bewegung  unterscheidet sich schon vom späteren Fassbinder,  dem des TV-Produzenten beispielsweise. Diesem Sachverhalt ist sich Fassbinder in den verschiedenen, auch zeitlichen weit auseinander liegenden Stadien der Gespräche sehr bewußt und es ist keinesfalls eine elitäre Attitüde, wenn Fassbinder natürlich den intellektuellen Anspruch seiner (frühen) Werke betont, dennoch auch sehr selbstbewußt das große Kino gestaltet, wie nicht zuletzt in "Berlin-Alexanderplatz". Für meine Wenigkeit, und ebenfalls ohne elitären Habitus, darf auf die gefühlte Nähe zum frühen Fassbinder abgestellt werden. Eine Nähe, die in jungen Jahren doch einen erheblichen, den zu konstatierenden Kontrast zwischen diesem sich Vereinnahmen lassen von Wirtschaftswunder, Konsum und anderen Annehmlichkeiten der eigenen, heilen Welt und eben den von Fassbinder thematisierten Abgründen menschlichen Seins darstellte, immer wieder neu zu einer entsprechenden (Selbst)reflektion Anlass gibt. 

Der grundlegende Tenor, das Netz in dem sich die - und nur auf den ersten Blick - manchmal etwas hölzern wirkenden Figuren Fassbinders bewegen, dieses Umfeld besteht aus immer neu sich entwickelnden Abhängigkeiten und den sich daraus oft und beinahe unentrinnbar ergebenden, negativen Weiterungen. Es sind in der Regel die kleinen Menschen, die banal oder auch schon mal skurril erscheinenden Situationen, aus denen dann das Grauen kriecht; nicht plakativ im Sinne eines Hollywood-Gruselfilmes sondern sehr real, absolut nachvollziehbar im Fortgang der Ereignisse. Und die Abhängigkeiten materieller, mentaler oder sexueller Art lassen keinen Ausweg erkennen, bestenfalls eine Pause, eine trügerische Ruhe vor dem sich abzeichnenden, dem oft gar (unbewußt) akzeptierten Schicksal.

Fassbinders Welt ist eine düstere, eine pessimistische Welt, deren manchmal durchscheinende Ansätze von Optimismus sehr schnell, beinahe erwartbar zunichte gemacht werden. Verstärkt wird diese inhaltliche Modellierung durch eine Optik, eine Kameraführung des Alles oder nichts, des sich hinein ziehen lassen oder eben der Verweigerung. Schnelle Schnitte oder hektisches Zoomen gibt es kaum, die Kamera sowie der Ton bleiben anhaltend bei den Akteuren, deren schon mal erkennbar stockendem Agieren in einer für den Zuschauer absolut geringen Distanz bei Optik und Akustik.

In den vorerst zwei Teilen dieser kleinen Fassbinder-Reminiszenz darf das eingangs genannte Interview-Buch aus dem Jahre 2004 mit seinen Gesprächen die wesentliche Basis bilden. Ganz bewußt wird vorerst darauf verzichtet, den einen oder anderen Film (wieder) anzuschauen, gar als DVD etc. neu zu erwerben. Ebenfalls wird nur äußerst sparsam mit einer sich heute natürlich anbietenden Recherche im Internet umgegangen. Die Gespräche, die Beiträge, die umfangreichen Fußnoten mögen für sich selbst aussagefähig sein, allfällige Rahmenbedingungen erkennbar machen und ansonsten eben den Leser auffordern, einfach selbst tätig zu werden; in welcher Form und Richtung auch immer...

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Aus der taz vom 30.05.2015

"Rainer Werner Fassbinders Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ (1975) mit seiner Figur des „Reichen Juden“ zählt zum Kanon des bundesrepublikanischen Antisemitismus. Viele jüdische Freunde nennen Fassbinder verächtlich „Müllbinder“. Sie würden ihn nie lesen, seine Filme nie schauen. Er verschlimmere das Trauma. Wäre Fassbinder heute am Leben, hätte er noch vor Jakob Augstein seinen Platz in der Liste der prominenten Antisemiten sicher. Womöglich wäre ihm wie Günter Grass die Einreise nach Israel verweigert worden."