28 Mai 2015

Buchprojekt „Was es ist“, Kap. 6: Der gespaltene Geist

Submitted by Delloc

„Wenn meine Aufmerksamkeit auf die Außenwelt gerichtet ist, dann bin ich wie ein nach außen gerichteter Pfeil. Wenn ich die Augen schließe und in mich hineinsinke, wird meine Aufmerksamkeit zu einem nach innen gerichteten Pfeil. Jetzt versuche ich beides zu tun – den Pfeil nach innen und nach außen zu richten – und stelle sofort fest, dass das unglaublich schwierig ist. Nach ein, zwei Sekunden vergesse ich entweder die äußere Welt und verliere mich in einem Tagtraum oder ich vergesse mich und gehe in dem auf, was ich betrachte.“ (Gurdjieff)

Auf einzelne Schlüsselreize konzentriert zu reagieren, ist ein evolutionärer Mechanismus, der bei Gefahr das nackte Überleben sichern kann. Wenn sich spezifische Reizimpulse häufiger wiederholen, bilden die neuronalen Netzwerke feste Verbindungen, die Resonanzprozesse abspeichern, die danach als Reiz-Reaktionsmechanismus routinemäßig (unbewusst automatisch) zur Verfügung stehen, sodass die Reaktion etwa 0,2 Sekunden schneller erfolgt als bei bewussten Entscheidungen. In Gefahrensituationen werden bewusste Bilder und Gedanken einfach „ausgeblendet“ bzw. durch neuronale Botenstoffe „überlagert“.

Andererseits bewirken diese unbewussten Automatismen, dass ähnliche Impulse undifferenziert verarbeitet und zugeordnet werden, sodass Wahrnehmungsmuster entstehen, die die Wirklichkeit klischeehaft, grob sortiert abbilden.

Die Informationsautomatik unserer Neuronen sorgt also dafür, dass unsere Vorstellung von der Welt, in der wir leben, relativ stabil und widerspruchsfrei bleibt. Schließlich basiert die Harmonie des Kosmos  darauf, dass alles Lebendige (also auch die neuronalen Botenstoffe) dem Muster der Minimalisierung von Wirkungen folgt. (s.o. Feynman)

Dass es trotzdem zu Disharmonien im Bereich der menschlichen Wahrnehmung kommen kann, hängt mit demselben Mechanismus zusammen, der uns in Gefahrensituationen effektiv zu reagieren veranlasst. Es ist nämlich auch möglich, den Automatismus neuronaler Netzwerke zu imitieren. Z. B. wenn die ganze Aufmerksamkeit auf ein singuläres Ereignis oder Objekt gelenkt wird. Dadurch werden Beobachter und Beobachtetes in einer einzigen identifizierenden Beobachtung quasi „zusammengeschmolzen“.

Das Verlusttrauma des Ego sucht beharrlich Situationen von Verschmelzungen, sowohl um Informationen über den erlittenen Verlust zu erhalten, als auch um den Verlust zu kompensieren.

Verschmelzungen schränken die Wahrnehmung der Wirklichkeit besonders ein, wenn wir uns mit einem Gefühl identifizieren. Gefühle besitzen das stärkste Energiepotenzial, andere Dimensionen zu blockieren. Dies geschieht umso vollständiger, je unbewusster die Gefühle ausagiert werden. Handeln im Affekt gilt bei Gericht als strafmildernder Umstand.

Die verschiedenen Dimensionen, die bewusst wahrgenommen werden können, sind:

  • Die Dimension der äußeren Welt – dazu gehören Kinder, Karriere, die Lebensumstände usw.

 

  • Die Dimension des Denkens – dazu gehören Werte, Glaubenssätze, Gedanken, Konzepte, Fantasien, geistige Bilder usw.

 

  • Die Dimension des Fühlens – mit Furcht, Hoffnung, Freude, Hass, Ärger, Eifersucht usw.

 

  • Die biologisch-animalische Dimension – dazu gehören Essen, Schlafen, Sex, Lernen usw.

 

  • Die Dimension der essenziellen Natur – dazu gehören Annehmen, unbedingte Liebe, Vergebung, Mitgefühl etc.

 

  • Die spirituelle Dimension – das Gewahrsein des Bewusstseins, das uns alle miteinander verbindet

 

(aus Stephen Wolinsky, Eins werden oder sich begegnen, Kirchzarten 2001, S. 78)

 

Jede Identifikation mit einer dieser Dimensionen führt zwangsläufig zu einer reduzierten Perspektive, die bereits im Augenblick der Wahrnehmung ein fragmentarisches Bild der Wirklichkeit darstellt. Wenn diese Fragmente zusätzlich mit den Wünschen des Egos vermischt werden, können daraus die absurdesten Vorstellungen und perversesten Handlungen entspringen.

In der Geschichte menschlicher Bewusstseinsformen haben sich einige Ideen als hilfreich erwiesen, um die Befreiung von Irrtümern und Leidenschaften des Ego zu erleichtern. Deshalb werden sie auch „Heilige Ideen“ genannt. Eine von ihnen ist die „Heilige Idee der Wahrheit“.

Solange du glaubst, du könntest das Gute tun und das Schlechte meiden, bist du wie ein Fisch, der herumzappelt, um schwimmen zu lernen. Erst wenn du begreifst, dass du selbst die Strömung bist, kannst du ihre Bewegung lesen und dich harmonisch darin bewegen.

Diese Bewegung im Einklang mit der Wirklichkeit kann als ein Zusammenspiel von Präsenz (Intensität), Gewahrsein (Inhalt/Richtung) und Beteiligtsein (Identität) beschrieben werden. Dies sind aber keine „Leistungen“, die es funktional zu optimieren gilt, sondern Qualitäten, die das Zusammenspiel einer individuellen Wahrnehmung ausmachen. Durch die „Heilige Idee der Wahrheit“ können diese Qualitäten bewusster integriert werden. Je mehr Aspekte nämlich gleichzeitig gewahrt werden, desto natürlicher und verlässlicher stimmen Wahrnehmung und Wirklichkeit überein und vermitteln das Gefühl existenzieller Gewissheit.

Diese Art nicht fokussierten Gewahrseins setzt aber voraus, dass wir Zeit und den Mut einbringen, alles wahrzunehmen, was erscheinen möchte. Gefühle, die wir ständig abwehren, weil wir sie nicht fühlen wollen, werden ein Leben lang unbewusst als „uncooked seeds“ (ungekochte Saat) in uns schlummern und bei passender Gelegenheit ausschlagen. Überwiegend sind dies Ängste, die wir abwehren, weil wir befürchten, dass sonst etwas unerträglich Schmerzliches passieren würde.

Die Abwehrstrategien sind vielfältig. Wenn mich in bestimmten Situationen beispielsweise Versagensängste überfallen, lasse ich mich vielleicht von Musik beschallen oder mache immer dann eine Essens- oder Trinkpause, wenn die Situation sich gefühlsmäßig zuspitzt. Natürlich bleiben die Ursachen der Ängste (als „uncooked seeds“) so weiterhin unberührt und in ihrer Wirksamkeit erhalten.

Auch die Verwechslung von Dimensionen ist häufig zu beobachten. Wenn beispielsweise der Rücken schmerzt und Bewegungsmangel signalisiert, können Gebete zwar für vorübergehende Linderung sorgen, aber dem Körper nicht das geben, was die Lendenwirbelsäule braucht. Gymnastik oder Yogaübungen wären hier sicher empfehlenswerter.

Die „Wahrheit“ (was „es“ ist) kann aber tatsächlich entdeckt werden und die Irrtümer und Leidenschaften des Ego relativieren und vermindern, wenn die Dominanz einer einzigen Dimension als Illusion identifiziert wird. Dazu reicht es aus, sich jede Identifikation bewusst zu machen und als Eigenschaft der eigenen Charakterprogramme zu erkennen. Erst wenn eine Beobachter-Präsenz existiert, die nichts ausschließt und nichts bevorzugt, ist das Potenzial der „uncooked seeds“ des Ego nicht mehr aktiv.

Das heißt nicht, dass die Sprengkraft aller unbewussten Reiz-Reaktions-Mechanismen damit wirkungslos geworden sei. Doch die wachsende Vertrautheit mit ungetrübten Seinserfahrungen schärft zunehmend auch die Achtsamkeit gegenüber zukünftigen Sabotageversuchen, die Wirklichkeit trancefrei wahrzunehmen. Und mit dieser wachsenden Vertrautheit mit ungetrübten Seinserfahrungen entsteht zugleich ein Vertrauen, das dem gespaltenen Geist egomaner Projektionen und Trancen zunehmend den Boden unter den Füßen wegzieht.     

Deshalb heißt es: „Frage nicht den Spatzen, wie der Adler sich in die Lüfte schwingt, denn jene, die kleine Flügel haben, haben für sich selbst die Macht nicht akzeptiert, um sie mit dir zu teilen.“ (Ein Kurs in Wundern, ebd., S. 434)

Wer einmal in der Lage ist, in seiner Wahrnehmung nichts auszuschließen und nichts zu bevorzugen, hat gelernt und begriffen, dass die Welt (der Wahrnehmung) nicht durch Gesetze regiert wird, die die Welt erfunden hat. Die MACHT, die das Universum sicher lenkt und bewahrt, ist zwar in uns, aber nicht von uns. Dies zu leugnen und zu verheimlichen, ist die unselige Leidenschaft egomaner Kämpfe und Intrigen, die letztlich alle scheitern müssen. Vertrauen auf die Wirklichkeit wird dagegen von einer anderen Wahrnehmung erzeugt.

Die Unschuld, die Frische, die Weite, die Liebe dieses Augenblicks trägt dich immer, in jedem Augenblick, auch dann, wenn sich dir etwas zeigt und offenbart, was dich zusammenzucken lässt, was Panik und Todesangst hervorrufen kann. Wenn es dir gelingt, in solchen Momenten der Stärke deines allmächtigen Wesens zu vertrauen, kannst du am lebendigen Leibe erfahren, was ewiges Leben bedeutet. Und nur so kannst du verstehen, was die Heilige Idee der Wahrheit dir vermitteln möchte.

Den Augenblick ohne assoziierende Erinnerungen zu erleben, ist die heilende Erfahrung. Nur, was wir in der Gegenwart erleben, kann uns in der Tiefe der Seele direkt, klar und rein berühren. Die Kopien aus der Vergangenheit mögen noch so großartig erscheinen, sie können dem lebendigen Original nicht das Wasser reichen. Die Prioritäten des split mind und die Bewegungen des monkey mind mögen noch so verführerisch sein, sie werden die illusionäre Virtualität eines „Ego-Shooters“ niemals transzendieren können.

Die vorbehaltlose Akzeptanz und Präsenz aller Dimensionen der menschlichen Erfahrung beinhaltet auch, dass wir uns nicht vor irgendwelchen imaginären Bedrohungen schützen oder dagegen absichern. Allein zu erfahren, dass unsere größte Stärke in unserer Offenheit und Verletzlichkeit liegt, kann die Gewissheit offenbaren, dass unser Wesen durch nichts verletzt und getrübt werden kann.