8 Mai 2015

Buchprojekt Kap. 5., "Macht und Erkenntnis"

Submitted by Delloc

Buchprojekt „Was es ist“ – Selbst-Begegnungen

Kap. 5: "Macht und Erkenntnis"

Der Philosoph Ludwig Feuerbach (1804-1872) hat als einer der ersten Religion unter anthropologischen Gesichtspunkten betrachtet. Religion ist für ihn „identisch … mit dem Bewusstsein des Menschen von seinem Wesen“. (GW 5, S.29)

Die menschlichen Wesenskräfte begreift er als „die ihn beseelenden, bestimmenden, beherrschenden Elemente, denen er keinen Widerstand entgegensetzen kann“ (ebd., S. 31 f.). Somit ist „Religion ... die Spiegelung des menschlichen Wesens in sich selbst“ und „Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen“. (GW 5, S. 127 und 166)     

In diesem Sinne ist Ludwig Feuerbach ein psychologischer/therapeutischer „Philosoph“: Er habe sich, wie er in einem Vorwort schreibt, „die Ergründung und Heilung der Kopf-, auch Herzkrankheiten der Menschheit zur Aufgabe gemacht“. GW 10, S. 190)

Zu diesem Zweck sei es aber notwendig, den „sinnlichen“ Menschen mit „Herz“ und „Gemüt“ zu betrachten - was die heutigen Humanwissenschaften als psychomentales Verhalten definieren.

Feuerbach fordert den Einbezug wahrnehmender Sinnlichkeit und eine kritische Distanz zur „Identität von Denken und Sein“, wie sie die Vernunftphilosophie seiner Zeit (Hegel) noch propagierte. Das Denken müsse in Kauf nehmen, dass die Wirklichkeit „nicht in ganzen Zahlen, sondern nur in Brüchen darstellbar“ (GW 9, S. 330) sei.

Für Feuerbach ist „Das Höchste ... die Liebe des Menschen“, und die menschliche „Empfindung ist göttlichen Wesens.“ (GW 5, S. 120 und 126)

Mit anderen Worten: nicht der homo sapiens, sondern der homo empathicus entspricht dem göttlichen Wesen; nicht der homo oeconomicus, sondern der barmherzige Mensch lebt in Identität mit dem Ursprung des Seins.

Der Fundus von Persönlichkeitstypen ist allerdings kollektiv bestimmt und entspricht dem historisch verfügbaren „Seelenstoff“, den eine Kultur zur Bewältigung ihrer aktuellen Aufgaben entwickelt hat. Je stärker der gesellschaftliche Zusammenhang in einer Kultur dagegen zerfällt, desto fremder stehen sich die einzelnen Charaktertypen gegenüber und desto bedeutungsloser werden menschliche Kontakte für gegenseitige psychodynamische Therapieeffekte. In der heutigen Kultur des ökonomischen Totalitarismus wächst die Neurose egomaner Psychodramen proportional zur Dramatisierung materieller Wünsche, deren Erfüllung die Erlösung aus der Armut des persönlichen Mangels verspricht. 

Die Tatsache, dass das Ego in einer solchen Mangelsituation entstand, macht plausibel, warum es danach strebt, zwischenmenschliche Beziehungen herzustellen, nur um etwas zu bekommen.

Eine verdeckte Methode, diese Eigenschaft des Ego auszuagieren, ist die sogenannte „Bringschuld“. Sie dient dazu, durch eigene „Opfer“ Reaktionen von Dankbarkeit oder Wiedergutmachung hervorzurufen. Derartige Entgelte sind besonders vorteilhaft, wenn der Schuldner hochwertige Leistungen erbringt, während der Investor auf etwas verzichtet, was ihm nicht viel bedeutet. Typische Beispiele für ungleiche Tauschgeschäfte sind der Glasperlentausch mit indigenen Völkern, die Dienstleistungen unterprivilegierter Frauen in patriarchalischen Gesellschaften, die Lehnsherrenrechte feudaler Kasten und Adelscliquen, Zins- und Zinseszinsschulden aus Kreditverhältnissen oder die Arbeitsentgelte abhängig Beschäftigter (Lohndumping). Ungleiche familiäre Tauschverhältnisse oder Prostitution in der Ehe, bzw. psychischer und sexueller Missbrauch von Kindern gehören sicherlich ebenso zum Themenkreis egomaner Wahnsymptome.

Die Bürgerliche Gesellschaft, die den politischen und ökonomischen Rahmen bereitstellt, in dem das Ego seine dämonischen Leidenschaften ausagieren darf, ist wie besessen von der Idee, dass die Stärkung der Ich-Kraft der Schlüssel zu einer besseren Welt sei. Dieser Irrtum betritt bereits mit den Zehn Geboten und der Verabsolutierung einer monotheistischen Gottesvorstellung die Bühne der Weltgeschichte. Das Prinzip von Schuld und Bestrafung durch den allmächtigen und unerbittlichen Wüstengott JHWH fördert nicht nur ein dualistisches Religionskonzept, sondern zerstört auch mit dem 1. Gebot („Du sollst neben mir keine anderen Götter haben.“) die Vielfalt totemistischer und mythologischer Traditionen.

Begünstigt wird dagegen die Egomanie, durch Verurteilung und Schuldzuweisung andere in Abhängigkeit zu bringen, zu erniedrigen und sich selbst zu unterwerfen. Alle elitären Hirngespinste und hierarchischen Ideologien der Sklaven- und Feudalgesellschaften basieren auf dem Prinzip moralischer Überlegenheit. Nur so ist zu verstehen, dass sich aus der Tradition der jüdisch-christlichen Glaubensbekenntnisse die abscheulichsten Gräuel und Pogrome der Menschheitsgeschichte entwickelt haben und noch heute ihr Unwesen treiben. Denn die Bürgerliche Gesellschaft hat dem Prinzip von Schuld und Bestrafung lediglich zusätzliche Kategorien hinzugefügt: Wettbewerb und leistungsorientierte Opferbereitschaft werden bei Nicht-Erfüllung durch Umweltzerstörungen, Armut, Verhungern, Kriege und Vertreibung sanktioniert.

Die zunehmende Abhängigkeit gesellschaftlicher Systeme von den Märkten der Finanzmafia lässt nur noch wenig Spielräume, in denen sich Menschen der Diktatur ökonomischer Wahnvorstellungen entziehen können.

Dabei gab es in der Geschichte der Menschheit zahlreiche Kulturen, die den Menschen Gelegenheiten gaben, sich von den Irrtümern geistiger Phantasien und psychischer Verstrickungen zu befreien.

So sind die Mythen indigener Kulturen, der Reichtum totemistische Vorstellungen und die Charaktere animistischer Gottheiten in akribischer Weise auf die Fülle psychischer Bilder und Geflechte des Unbewussten ausgerichtet. Mithilfe schamanischer Rituale und meditativer Praktiken wurden seelische Kräfte, gedankliche Vorstellungen und körperliche Blockaden unaufhaltsam zur Bewusstwerdung geführt, bis der Ursprung und die Bedeutung dieser Impulse im Licht der Erkenntnis offenbar wurde.

Erkenntnis ist dem Streben nach Macht aber diametral entgegengesetzt. Während Macht darauf basiert, die Schuld(en) der andern rücksichtslos zu vergrößern, offenbart sich Erkenntnis in der praktischen Erforschung der eigenen inneren Räume und pulsierenden Kräfte.

Eine monotheistische Gottesvorstellung, die Allmacht mit der Einhaltung von Gesetzen und Geboten verknüpft, führt zwangsläufig zu Spaltungen innerhalb einer Gesellschaft (Klassenkampf/Entsolidarisierung) und sät Hass zwischen den Völkern (Krieg/Rassismus).

Das „divide et impera“ Machiavellis ist aktueller denn je und wirft seinen Schatten in zweifacher Weise auf die gegenwärtige Verfassung der Menschheit. Das eine sind die imperialen Machenschaften der Mafiastaaten und die mediale Propaganda immer neuer Feindbilder, das andere ist ein Mechanismus, der als unbewusster psychischer Vorgang die Ideologie von Schuld und Strafe am Leben erhält und zuspitzt, incl. aller aggressiv-elitären Implikationen. Es geht dabei um die Angewohnheit, sich zu ärgern, wenn die Ereignisse des Lebens den eigenen Erwartungen und Wünschen zuwiderlaufen.

Ärger ist eine gelernte innere Emotion, die dem Irrglauben anhängt, sie würde die Wirklichkeit verändern. Sie tut dies auch, aber anders als beabsichtigt. Z. B. reagieren unsere Körper mit Herzstechen, Magenbeschwerden oder Kopfschmerzen darauf. Die Wartezimmer sind voll von Menschen, die unter Spannungsschmerzen, Rückenbeschwerden oder zu hohem Blutdruck leiden. Dabei spielt es keine wesentliche Rolle, ob man den Ärger in sich hineinfrisst oder ob man ihn ausagiert. Die mit dem Ärger verknüpften Aggressionen werden nämlich weder in dem einen noch in dem andern Fall vermindert oder gar geheilt.

Es spielt auch keine Rolle, gegen wen sich der Ärger richtet. Ob wir uns selbst die Schuld geben, oder andern den „Schwarzen Peter“ zuschieben, oder ob wir das Schicksal insgesamt verfluchen, am Ende müssen diejenigen, die sich mit dem Ärger identifizieren, die Rechnung bezahlen.

„Am Ärger festhalten, ist wie wenn du ein glühendes Stück Kohle festhältst, mit der Absicht, es nach jemandem zu werfen – derjenige, der sich dabei verbrennt, bist du selbst.“ (Buddha)

Natürlich stellt sich die Frage, warum diese schwachsinnige und völlig überflüssige Verhalten die Zeiten überdauern konnte und warum sie im Zuge der menschlichen Entwicklungsgeschichte nicht längst ausgemerzt wurde.

Die Ursache liegt einzig und allein im Festhalten am Machtprinzip. „L’enfer c’est les autres.“ („Die Hölle sind die andern.“) Sartre bringt es auf den Punkt. Das Ego braucht die Schuldprojektion, um die „Hölle“ von sich abzuwehren und bei den andern zu verorten. Was sonst könnte das eigene Machtstreben rechtfertigen? Die „Hölle“ als Metapher für jene Wünsche und Leidenschaften, die unstillbar sind und jeder Versuch, sie zu befriedigen, zu noch tieferer Verhaftung und noch größeren Qualen führt. Die Tragik der Konsumgesellschaft.

Jedes Aufkommen von Ärger ist eine Kritik am Sosein des Lebens, verbunden mit dem Wunsch des Ego, sich selbst auf den Thron der Macht zu setzen. Ärger ist letztlich Blasphemie.

Die Läuterung dieses Wahnsinns ist möglich, wenn die Erinnerung durch die Umkehr der Blickrichtung nach innen aktiviert wird. Dort ist das Wunder erfahrbar, dass im Ursprung des Lebens Geben und Empfangen dasselbe sind. Mit anderen Worten: wer Erlösung von den Dämonen des verurteilenden Geistes erfahren möchte, kann nur durch Vergebung die Erinnerung zurückgewinnen, dass Schuld lediglich eine Erfindung machtbesessener Irrlichter ist.

Durch Vergebung wird das Denken der Welt umgekehrt. Indem wir keinen mehr in der Schuld gefangen halten, werden wir selber frei. Wer wirklichen Frieden will, kann ihn nur durch vollständige Vergebung finden.

„Alles ist gut, alles. Für alle die ist es gut, die da wissen, dass alles gut ist. Wenn sie wüssten, dass sie es gut haben, dann hätten sie es gut, aber so lange sie das nicht wissen, so lange werden sie es auch nicht haben. Das ist der ganze Gedanke, der ganze Sinn, einen weiteren gibt es überhaupt nicht!“ (Fjodor Michailowitsch Dostojewski, ebd.)