21 Apr 2015

Buchprojekt „Was es ist“ – Selbst-Begegnungen, Kap. 3

Submitted by Delloc

„Was es ist“ – Selbst-Begegnungen

Kap. 3. Die Rückkehr zur Unschuld

Das kapitalistische Wirtschaftssystem und die jüdisch-christlichen Traditionen basieren auf dem Bekenntnis zur Schuld. Beide benutzen diese wirkungsvolle Waffe, um Menschen die Freude am Leben zu nehmen, sie zu verunsichern und, derart geschwächt, für ihre Zwecke gefügig zu machen.

„Wisst Ihr nicht, dass die Repräsentanten der Religion und die Vertreter der Herrschaft einander beistehen, um Euch zu unterwerfen, um Euch zu erniedrigen und das Blut Eurer Herzen Tropfen für Tropfen auszusaugen?“ (Khalil Gibran)

Die kapitalistische Unterdrückung basiert auf der Aneignung des gesellschaftlichen Mehrwerts durch eine kleine parasitäre Minderheit, während proportional dazu die Verschuldung der arbeitenden Bevölkerung und der Gemeinwesen anwächst. Rücksichtslose Finanzspekulationen, Steuer- und Subventionsverbrechen, Korruption und Bilanzfälschungen, Inszenierungen von Konflikten und Kriegen, sind die bekannten Methoden der Banken, Kartelle, Konzerne und Mafiacliquen.

Geheimdienste und polizeimilitärische Söldnermilizen bespitzeln und kontrollieren die Öffentlichkeit, Politiker optimieren den gesetzlichen Legitimationsrahmen zum Zwecke maximaler privater Bereicherung, die Medien („Lügenpresse“) lenken die Aufmerksamkeit auf Nebenkriegsschauplätze und werfen Nebelkerzen, die die Welt systemkonform beleuchten und propagandistisch verfälschen.

Der ökonomische Totalitarismus hat in seiner Rücksichtslosigkeit gegenüber Mensch, Tier und Natur zu globaler Zerstörung und Verwahrlosung geführt sowie unzählige Gräuel und Pogrome bewirkt. Trotzdem setzen die Herrschenden und ihre Lakaien immer abgefeimtere Methoden ein, um ihre Macht- und Profitgier zu bedienen. 

Wer dieses Trauerspiel im globalen Maßstab mit offenen Sinnen betrachtet, muss sich die Frage stellen, wie eine Gattung so kläglich scheitern konnte, die von ihrem Potenzial als sapiens (= wissend, weise) eingestuft wurde. 

Das letzte Kapitel hat zur Beantwortung dieser Frage bereits eine erste Antwort gegeben und die Ängste beschrieben, die aus einem gespaltenen Verhältnis zur Wirklichkeit resultieren. Diese Art von „Entfremdung“ wird durch das kapitalistische Wirtschaftssystem verstärkt und kann als Quelle sich wiederholender und erweiterter Fehler und Verhängnisse entlarvt werden. 

"Der Arbeiter wird um so ärmer, je mehr Reichtum er produziert, je mehr seine Produktion an Macht und Umfang zunimmt. Der Arbeiter wird eine um so wohlfeilere Ware, je mehr Waren en schafft. Mit der Verwertung der Sachenwelt nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu. Die Arbeit produziert nicht nur Waren; sie produziert sich selbst und den Arbeiter als eine Ware, und zwar in dem Verhältnis, in welchem sie überhaupt Waren produziert. ... Verwirklichung der Arbeit erscheint in dem nationalökonomischen Zustand als Entwirklichung des Arbeiters, die Vergegenständlichung als Verlust und Knechtschaft des Gegenstandes, die Aneignung als Entfremdung, als Entäußerung." (MEW 40, S. 511f.)

Obwohl das kapitalistische System diesen tödlichen Kreislauf der Entwertung des Menschlichen inzwischen seit Jahrhunderten praktiziert, brauchte es zu seiner Durchsetzung eine Bewusstseinsform, die zuvor entstanden war und der Menschheit gewaltsam und heimtückisch injiziert wurde: das Konzept der „SCHULD“.

Schuldgefühle sind Mangelprojektionen auf die eigene Person und werden anhand schmerzlicher Erlebnisse gelernt, die Menschen psychomental verunsichern und Ängste erzeugen. Foltermethoden und die Verbreitung von Schrecken, Ekel und Entsetzen waren daher immer schon beliebte Instrumente, um Menschen zu schwächen und für Herrschaftsinteressen gefügig zu machen.

Der „tägliche Wahnsinn“ öffentlicher Medien kann nur in diesem Sinn verstanden werden. Selbst wenn das den Machern (vielleicht) nicht bewusst ist, erzeugen diese Propagandamethoden hochwirksame Resonanzen. (Vgl. Kap. 1)

Es ist kein Zufall, dass in Staaten, in denen der imperiale Geist der politischen und ökonomischen Eliten aggressiv und asozial zelebriert wird, Paranoia und Sicherheitswahn zu den herausragenden psychopathologischen Phänomenen zählen. Diese Staaten praktizieren auch durchgängig die Todesstrafe.

Hinzu kommt der Glaube, dass auf andere (nach außen) gerichtete Schuldprojektionen zur „Verbesserung“ der Welt geeignet wären. Dieser Irrtum basiert auf der Unfähigkeit neuronaler Prozesse, Vorstellung und Realität unterscheiden zu können, vor allem dann, wenn die körperliche Selbsterfahrung reduziert oder beschädigt ist. Drogen und gedanklich selektive Fokussierungen („mind fucking“) können also durchaus ähnliche Resultate erzeugen, will man sich die Wirklichkeit „vom Leibe halten“ oder diese manipulativ deformieren.

Um Schuldgefühle und belastende Gedankenpotenziale vom Eigenbild fernzuhalten, kann sich die Suche nach äußeren Projektionsopfern bis zur wahnhaften Besessenheit steigern, die zu Paranoia oder Schizophrenie entarten kann. Eine weitere Methode, unerwünschte psychomentale Energien zu unterdrücken, sind Wiederholungsrituale (Handlungen, Worte, Sätze, Zahlen, Gebete...). Auch sie dienen der Abwehr oder Neutralisierung psychischer Traumata, die auf diese Weise nicht bewusst werden sollen.

Die Folgen dieser Vermeidungs- und Kompensationsstrategien sind nicht nur kontinuierlich anwachsende Aggressionspotenziale, sondern auch beschleunigte Spiralbewegungen psychomentaler Wahnvorstellungen, in denen Schuldprojektionen verzweifelt ausagiert werden.

Die wiederholte Erfindung immer neuer Feindbilder, die als „Terroristen“, „Fundamentalisten“, „Extremisten“, „Rebellen“, neuerdings „Separatisten“,  gebrandmarkt werden, ist also nicht nur für die Rüstungs- und Waffenmafia routinemäßige Praxis ihrer Marketingstrategie, sondern zugleich historischer Ausdruck perverser Hirngespinste der menschlichen Spezies, die ihre psychomentalen Potenziale nicht im Griff hat.

Einer der wenigen, der die Spaltung des Bewusstseins durch das Schuldkonzept durchschaut hat und dem entgegenwirken wollte, war Nelson Mandela:

„Ich wusste ganz klar, dass der Unterdrücker ebenso frei sein muss wie der Unterdrückte. Ein Mensch, der einen anderen Menschen seiner Freiheit beraubt, ist Gefangener seines Hasses, er ist eingesperrt hinter den Gittern seiner Vorurteile und seiner Engstirnigkeit. (...) Als ich die Türen des Gefängnisses durchschritt, war dies meine Mission: zugleich den Unterdrückten und den Unterdrücker zu befreien.“

„Befreiung“ war auch das Versprechen des Ablasshandels der Katholischen Kirche, Befreiung von Schuld und Sünde. Im Neuen Testament gibt es viele Zitate, die belegen, dass die Autoren der Bibel „Sünde“ als eine universale Macht ansahen, der kein Mensch entkommen kann und dadurch ewiger Quell eines krisenfesten Geschäftsmodells: Vergebung gegen bare Münze.

Natürlich musste man etwas nachhelfen, wenn die Käufer sich zu wohl fühlten und keine Lust verspürten, sich das ewige Himmelreich zu erkaufen. Zu diesem Zweck wurde über Jahrhunderte ein eigenes Kirchenrecht entwickelt, in dem gründlich definiert war, was als Verfehlung, Gotteslästerung, Todsünde etc. zu gelten hatte und entsprechend zu sanktionieren war. Dabei waren Ablasszahlungen noch die gnädigen Formen der Entschädigung – Kirchenbann, Exkommunikation und Scheiterhaufen die schwereren „Kanonen“ („Kanonisches Recht“), mit denen die Kirche ihre Geschäfte optimierte. 

Jedenfalls kam die sogenannte Neuzeit und mit ihr die Bürgerliche Gesellschaft unter auffallend wahnhaften dogmatischen Geburtswehen zur Welt. Im neuzeitlichen Kolonialismus wurden selbst die entlegensten Winkel dieses Planeten mit dem Albtraum des biblischen „Sündenfalls“ infiziert, dessen elitäres Ausagieren allein in Südamerika 15 Millionen Indios das Leben kostete.

Im 1. Buch Moses, Kapitel 2, Vers 16f. heißt es dazu: „Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben.“

Aus dieser Prophezeiung mag man entnehmen, woran die jüdisch-christlichen Religionen letztlich gescheitert sind, warum es ihren Verfechtern nicht gelungen ist, Frieden und einen liebevollen Umgang im menschlichen Zu- und Miteinander zu stiften. Aus psychologischer Sicht entspringen Rassismus, Faschismus und Antisemitismus derselben Quelle moralischer Differenzierung und Verurteilung.

Wie sich die Differenzierung von „Gut und Böse“ in der individuellen Psyche auswirkt, verdanken wir den psychoanalytischen Forschungen seit Sigmund Freud. Dabei wurden schrittweise die unbewussten Anteile des „Über-Ich“ entschlüsselt, in denen die moralischen Werte der Bezugspersonen – normalerweise der Eltern – verinnerlicht werden und ein ganzes Leben lang die Kinder beschäftigen und dirigieren.

Doch bevor die Analysen psychischer Anamnesen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich waren, wurde die Psychoanalyse sowohl von den politischen Machteliten als auch von den kirchlichen Seelenfürsten böse diffamiert und erbittert bekämpft.

„Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Sigmund Freud.“ Diese Deklamation markierte die öffentliche Vernichtung der Schriften Freuds während der Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933, gemeinsam mit den Werken prominenter Intellektueller wie Brecht, Döblin, Einstein, Feuchtwanger, Heine, Kafka, Marx, Musil, Schnitzler, Zweig usw. usf..

Zwar sah Freud darin einen gewissen historischen Fortschritt („Im Mittelalter hätten sie mich verbrannt, heutzutage begnügen sie sich damit, meine Bücher zu verbrennen.“), konnte aber nicht verhindern, dass vier seiner fünf Schwestern 1942 im KZ ermordet wurden, während er sich noch rechtzeitig nach London absetzen konnte.

In der Diffamierung der Psychoanalyse waren sich Nazis und kirchliche Seelenfürsten einig, wenn es um die Ablehnung triebtheoretischer Erklärungsansätze ging. Die Sexualfeindlichkeit der Kirche und ihre Verteufelung der Lust hatten tiefschürfende Ängste, weit verbreitete Tabus und Schuldgefühle hervorgebracht. Für die christlichen Kirchen war aber gravierender, dass ihr Konzept der „ERBSÜNDE“ durch die Psychoanalyse ins Wanken geriet.

Das theologische Dogma von der Erbsünde verkündet, dass alle Nachkommen Adams und Evas Sünde als menschliche Wesensart durch Vererbung erwerben, während die Psychoanalyse nachweist, dass die elterlichen Vorstellungen und ihr Umgang mit den Kindern den Charakter eines Menschen formen. Die Einsichten in diese Zusammenhänge stellte die kirchlichen Seelenfürsten nämlich vor die Aufgabe, die Bedeutung der Person Jesu Christi für die Erlösung von der Erbsünde neu zu überdenken.

Ähnliche Herausforderungen hatte es zuletzt 1274 gegeben, als per Konzil beschlossen wurde, dass es ein Fegefeuer gibt, in dem die Seele nach der Trennung vom Körper eine gewisse Zeit verbringen muss, um sich von ihren Sünden zu reinigen. Wozu brauchte es dann noch einen Erlöser?

Die Befunde der Psychoanalyse waren auch für die Anhänger autoritär-elitärer Weltanschauungen eine Quelle ständigen Ärgernisses.

So kam ans Licht, dass Konditionierungen durch die (elterlichen) Beziehungspersonen besonders schwer wiegen, wenn sie durch Sanktionen psychischer oder physischer Gewalt verabreicht werden. Dabei sind nicht nur aktive Sanktionen gemeint. Auch Ignoranz, die Verweigerung von Anerkennung und Liebesentzug sind als strafende Gewaltmaßnahmen anzusehen.

Zur Unterdrückung des Selbstbewusstseins werden besonders häufig Mangelprojektionen eingesetzt. Dabei wird ein bestimmtes Ereignis der Wirklichkeit separat fokussiert und mit einem Idealzustand verglichen. Dann werden die Abweichungen vom Ideal als Mangel herausgestellt und dem Kind als falsches bzw. defizitäres Verhalten vorgeworfen. Selbst wenn dies in rücksichtsvoller Weise geschieht, entstehen Zweifel und Verunsicherungen im Hinblick auf die kindliche Selbstwahrnehmung.

Kommen körperliche Beeinträchtigungen (Zahnen, Verdauungsstörungen etc.) oder psychische Disharmonien (Nervosität, Streit, Überforderung, Stress etc.) dazu, verdichten sich erste negative Identitäten wie „nicht genügen“, „allein sein“, „schwach sein“, Gefühle von „Wert- und Lieblosigkeit“ usw. usf..

In (mehr unbewussten) Selbstprojektionen dieser Art entsteht das, was wir Persönlichkeit nennen – sowohl durch harmonische wie durch disharmonische Erfahrungen, deren Unterschiede nicht mit der jeweiligen Situation sondern mit dem erwachenden ICH BIN verknüpft werden. Mit andern Worten: die Identität von Beobachter und Beobachtung wird gespalten, sodass der Glaube an einen separat existierenden Beobachter zunehmend genährt wird. Verfestigt wird dieser Glaube einerseits durch die Nicht-Verfügbarkeit der Objekte und Prozesse jenseits der räumlichen Körpergrenzen, andererseits durch sich wiederholende Ereignisse, in denen ein Zusammenhang zwischen Welt und eigenem Verhalten erlebt und registriert wird – z. B. dass lautes Schreien eher die Mutter „herbeizaubert“ als leises „Nörgeln“.

Die Abhängigkeit von interaktiven Lernprozessen ist umso größer, je aktiver das Kind um die Erfüllung seiner körperlichen und psychischen Bedürfnisse „kämpfen“ muss. Dabei bilden sich ganz individuelle Muster der Wahrnehmung und Bewertung von äußerer Welt und innerem Ego, die automatische Verhaltensprogramme kreieren, was als GUT begehrt und was als BÖSE zurückzuweisen bzw. zu vermeiden ist.

Die biblische Geschichte vom „Sündenfall“ ist insofern eher eine entwicklungspsychologische Metapher als ein phylogenetisches Ereignis. Damit erschöpft sich zwar ihre Bedeutung nicht, aber selbst in dieser Hinsicht hat sie noch einiges zu bieten. Auf die Erkenntnis, dass Kinder umso stärker zu bewertenden Projektionen gezwungen werden, desto öfter ihnen Nahrung und Zuwendung entzogen werden, kann gar nicht oft genug hingewiesen werden. Dasselbe gilt natürlich auch für die „Tausende von Hammerschlägen“, wenn betreuende Erwachsene Kinder als Projektionsoberfläche ihrer eigenen Wahnvorstellungen missbrauchen. Demzufolge gab es bei Naturvölkern durchaus bemerkenswerte Traditionen in der Kinderbetreuung. So gab es zahlreiche Konzepte, Kindern eine Fülle von Kommunikationsmustern durch mehrere Bezugspersonen anzubieten, wobei einseitige elterliche Einflüsse dadurch abgeschwächt oder vermieden werden sollten.

Wenn eine Kultur eher „kriegerisch“ geprägt war und das Konzept von Feindbildern praktizierte, wurde schon früh mit Entzug gearbeitet, um das aggressive Potenzial der Kinder zu wecken.

Das „Karma“ der Sozialisation äußert sich also in der individuellen Art, wie die Wahrnehmung konditioniert wird, sodass Impulse jeglicher Art automatisch und subjektiv selektiv verarbeitet werden. Projektionen von GUT und BÖSE sind insofern keine bewussten Entscheidungen – darin liegt die Nicht-Wirksamkeit moralischer Konzepte –, sondern das automatische Resultat der Überlebenstrancen (s. o.) im Kleinkindalter.

Um diesen Automatismus zu verändern, gibt es verschiedene Methoden – je nachdem, welche Absicht damit verfolgt wird. Die massivste Art des Eingriffs sind zweifellos Gewaltmethoden, die oft unter dem Deckmantel „gerechter Strafe“ verteidigt werden. Das Wissen um den Schaden, den strafendes Verhaltens anrichtet, gilt zwar unter Pädagogen als gesichert, wird aber von der breiten Öffentlichkeit nicht geteilt.

Ursache dieses irrationalen Verhältnisses zur Strafe ist ein tief verwurzeltes Glaubenskonzept, das die Existenz individueller Schuld für erwiesen ansieht. Insofern verwundert es nicht, dass erst kürzlich das Oberhaupt der Katholischen Kirche körperliche Züchtigung verharmloste.

Cui bono? Wenn man danach fragt, wem dieser Glaube nutzt, so ist die Antwort schnell gefunden: allen, die daran glauben, dass eine negative Projektion nach außen eine innere Reinigung zur Folge habe. Dieser Irrglaube wurde ja über Jahrhunderte propagiert und fand im Calvinismus einen theologischen, im Faschismus einen politischen Höhepunkt. Trotzdem ist die Macht dieses Wahns weiterhin ungebrochen und erlebt fortwährend historische Neuauflagen in Ideologien wie Nationalismus, Rassismus, Patriotismus, Terrorismus etc..

Hinzu kommen die Marketingstrategien ökonomisch konkurrierender Kapitalfraktionen, die unaufhörlich neue Feindbilder generieren, um Gewaltreaktionen psychologisch vorzubereiten. Kriege sind für die Sieger besonders profitabel: sie schwächen die Konkurrenten auf den globalen Märkten und sorgen bei der eigenen Bevölkerung für jenes Maß an neurotischer Folgsamkeit, das die Grenzen von Ausbeutung, Macht und Eigennutz Schritt für Schritt überschreitet und ausdehnt.

Angst ist zwar nur ein Gedanke, aber wenn die selektive Wahrnehmung von Schuld geweckt wird, erkennt sich jener Teil des Egos als Beobachter darin wieder, der sich in tausenden Beobachtungen ähnlicher Art zuvor gebildet und damit identifiziert hat. Der Wiedererkennungseffekt beflügelt dann jedes Mal den Glauben, dass die Angst real existent und damit folgerichtig sei. 

Schuld-Erinnerungen reanimieren Erfahrungen, in denen man etwas kaputt gemacht hat, in denen man geschlagen oder ignoriert, bestraft oder laut angeschrien wurde, Situationen, in denen man sich geschämt hat, in denen man ausgelacht wurde, in denen man Missgeschicke oder Streitigkeiten herbeigeführt hat, usw. usf.

Zwar spielen alle diese Ereignisse aus der Vergangenheit in der Gegenwart keine Rolle, doch die Beobachteridentität der Schuld hat sie konserviert und kann sich an jeden Vorfall dieser Art bei Bedarf genau erinnern.

Je stärker ein Ego mit dem Motiv des Selbsterhalts beschäftigt war bzw. seine Überlebenstrance praktizieren musste, desto ausgeprägter ist sein Gespür für Schuldgefühle. Diese zu kompensieren bzw. zu verarbeiten, braucht es umso mehr psychische „Eigenleistungen“. Zwar sind die Schuldängste nicht dominant, wenn sie von anderen Aufmerksamkeitsfokussierungen überlagert werden, geschwächt oder „geheilt“ werden sie dadurch aber nicht. Im Gegenteil. Je länger und intensiver ein Mensch erfährt, dass sein psychomentales Agieren die Art und Weise seines Erlebens verändert, desto eher neigt er zu der Hybris, er könne sich und sein Leben selbst erschaffen. („Jeder ist seines Glückes Schmied.“)

Der Glaube an die individuelle Autonomie (und den freien Willen) ist der Nährboden einer Konkurrenz- und Wettbewerbsideologie, zu der sich besonders jene hingezogen fühlen, die Erfolge brauchen, um dadurch unbewusste Mangelprojektionen abzutöten. Die Labilität dieses autoaggressiven Stressmodells äußert sich zunehmend in sogenannten Burn-Out-Symptomen, ist aber auch an der dramatischen Zunahme depressiver Krankheitsbilder maßgeblich beteiligt.

Schuldgefühle sind das Material, um die Höllenfeuer dieser Welt lichterloh brennen zu lassen, und diese Feuer werden fast stündlich geschürt als TV-Spektakel („Tatort“, Inspektor X und Kommissar Y, „SOKO Berlin“ und „Rosenheim-Cops“, „Vater Brown“, „Der Alte“ usw. usf.). Alle diese Sendungen haben nur ein Ziel: den Glauben an Schuld und Strafe lebendig zu erhalten – zusätzlich tragen sie dazu bei, dass Misstrauen zur ersten Bürgerpflicht erhoben wird. „Homo hominis lupus“, das Lieblingscredo des Ego.

Auch Dostojewski beschrieb deutlich, was kirchliche Einschüchterungen und religiöse Sünden-Ideologien psychisch bewirken: „Das Leben ist Schmerz, das Leben ist Angst, und der Mensch ist unglücklich. Jetzt ist alles Schmerz und Angst. Jetzt liebt der Mensch das Leben, weil er Schmerz und Angst liebt. Und so hat man es gemacht. Das Leben wird einem jetzt für Angst und Schmerz gegeben, und hierin liegt der ganze Betrug. Jetzt ist der Mensch noch nicht jener Mensch. Aber es wird einen neuen Menschen geben, einen glücklichen und stolzen. Wem es ganz einerlei sein wird, zu leben oder nicht zu leben, der wird der neue Mensch sein. Wer Schmerz und Angst besiegen wird, der wird selbst Gott sein. Aber jenen Gott wird es dann nicht mehr geben.“ (Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Die Dämonen)

 

In Matthäus 18,3 heißt es: „Wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ Damit wird auf jene Entwicklungsphase hingewiesen, in der sich die Kleinkinder noch ganz in der „Essenz“ (vor den Ich-Identifikationen) befinden. Dahin „umzukehren“, so die Botschaft, ist die Bedingung, um ins Himmelreich zu kommen. Stellt sich die Frage, was diese „Rückkehr zur Unschuld“, zur „Essenz“, zum ursprünglichen „SELBST“ ermöglichen kann.

Dazu eine Geschichte, die über Ramana Maharshi erzählt wird:

„Einst ging ein Suchender aus Amerika auf Reisen, um die Wahrheit zu finden. Nach einer langen Reise traf er schließlich in Indien auf Ramana.

Er fragte Ramana: „Wie kann ich mich selbst finden?“

Ramana erwiderte: „Geh den Weg zurück, den du gekommen bist.“ Der Suchende ging verwirrt davon.

Ein Schüler fragte Ramana: „Warum wart Ihr so abweisend, warum habt Ihr ihm nicht einen Weg genannt, um sich zu finden?“

Ramana erwiderte: „Das tat ich, ich sagte ihm, er solle den Weg zurückgehen, den er gekommen war.“ (Manaschu, Das Geheimnis ewigen Glücks – Texte zur Menschwerdung, 2. Aufl. Norderstedt 2010, S. 58 f.)

Um diese Geschichte in ihrer Tragweite zu verstehen, erinnern wir uns, dass bei der Verlusterfahrung der Essenz das Kleinkind ja spontan verführt wird, das „SELBST“ einzig und allein im Außen zu suchen und wiederzufinden. Die sinnlichen „Introjektionen“ (visuell, auditiv, kinästhetisch, olfaktorisch, gustatorisch) und die Situationen interaktiver Abhängigkeiten fördern zwangsläufig diese extrovertierte/exoterische Form der Aufmerksamkeitsfokussierung.

Im schlechtesten Fall sucht die Persönlichkeit ihr Leben lang erfolglos nach der verloren geglaubten Essenz und verteidigt zusätzlich diese äußere Suche unentwegt. Mit Verteidigen ist gemeint:

Wir spüren diesen Verlust, doch anstatt ihn zuzulassen und zu spüren, versuchen wir die Leere des Verlustes zu füllen. Um die Leere zu füllen, konzentrieren wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas außerhalb von uns, das wir haben wollen. Füllen statt fühlen...

Oder wir versuchen, den Verlust zu verwinden, indem wir zwanghaft denken, ein anderer würde uns dazu verhelfen, uns wieder gut zu fühlen, wieder heil und ganz zu werden. Oder wir suchen einen spirituellen Lehrer, der uns mit dem Geheimnis unseres Verlustes vertraut macht. Oder vielleicht konzentrieren wir unsere ganze Aufmerksamkeit auf andere in dem Versuch, sie unseren Verlust spüren zu lassen, usw. usf..

Der Kreativität unserer Aufmerksamkeitsstrategien sind keinerlei Grenzen gesetzt. Dabei drehen sich die häufigsten Motive, die Menschen bewegen, um die Absicht, vermeintliche Mangelgefühle zu kompensieren. Gefühle von Unvollkommenheit, Minderwertigkeit, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Versagensangst, Bedeutungslosigkeit, Einsamkeit, Macht- und Lieblosigkeit sind die vorherrschenden  Kräfte, die zumeist unbewusst das Karussell illusionärer Schattenkämpfe in Schwung halten. Vor diesem Hintergrund tritt die Rolle von Schuldgefühlen und Schuldängsten noch einmal deutlich hervor: als Brandbeschleuniger, der den Albtraum „Mängelwesen Mensch“ (Arnold Gehlen) zusätzlich anheizt.

Einer der ersten Psychologen, der sein Lebenswerk der Analyse von Mangelgefühlen widmete, war Alfred Adler. Für Adler gab es zwei Kompensationsmöglichkeiten. Die erste nannte er die Entwicklung eines „Gemeinschaftsgefühls“, das dem Menschen die Erkenntnis ermöglichen soll, das Minderwertigkeitsgefühl durch soziale Kooperation auszugleichen. Die zweite Kompensationsmöglichkeit sah er im Streben nach Anerkennung, Geltung, Überlegenheit und Macht – den „Tugenden“ der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft.

Beide Möglichkeiten müssen erfolglos bleiben, weil die Persönlichkeit Teil des Problems ist. Zur „Lösung“ dieses Dilemmas wurde in „Das Geheimnis ewigen Glücks“ ausgeführt:

„Mit anderen Worten: wenn die Persönlichkeit ihre Aufmerksamkeit umkehrt und den Weg zurückgeht – zurück durch die Leere – gelangt sie wieder zur Essenz des wahren Selbst.

Ironischerweise versucht aber die Persönlichkeit, Essenz zu sein und die Eigenschaften der Essenz zu erlangen und zu behalten. D.h., wenn wir die Leere des Essenzverlustes füllen wollen, weil wir richtigerweise denken oder fühlen: Da stimmt was nicht! – laufen wir vor uns selbst davon. Die Leere zu füllen ist nämlich der Versuch, SEIN zu TUN, also das, was unser Wesen ist, durch zusätzliche und völlig überflüssige Aktivitäten herzustellen. Das, was ist, muss aber nicht noch zusätzlich getan werden. Das TUN verhindert sogar den Weg zum ursprünglichen göttlichen Sein.

 

Es irrt der Mensch, solang er strebt.

 

Das Drama der Persönlichkeit besteht darin, dass es ein ausgeklügeltes System entwickelt hat, die Aufmerksamkeit genau dort zu fixieren, wo es sich selbst niemals finden kann.“ (Ebd., S. 59)

Um die Raffinesse dieses Systems zu verstehen, braucht es eine differenzierte Beschreibung:

„Bitte bedenken Sie, dass Sie in der Essenz reines Bewusstsein bzw. Beobachten ohne Objekt erfahren können. Gurdjieff spricht hier von objektivem Bewusstsein. Sobald die Beobachter-Identität gebildet ist, belegt sie die Leere der Essenz, um die sich der Körper organisiert hat, mit irgendeiner abschätzigen Etikettierung, z.B. »Etwas stimmt mit mir nicht« oder »Ich bin schwach«. Aus diesem Grund betrachtet sie die Leere der Essenz als Mangel an etwas. So kann der Beobachter die Essenz z.B. als unwürdig, unvollkommen, schwach etc. bezeichnen. Dieses Etikett, das der Essenz verliehen wird, wird zum Hauptmerkmal bzw. falschen Kern. ... Dieses Etikett wird der Essenz vom Beobachter verliehen, und anschließend wird Widerstand dagegen aufgebaut. Das der Essenz beigelegte negative Etikett wird zur Brille, durch die der Beobachter die Welt sieht.

Alle Erfahrungen werden somit, wenn der Beobachter die Essenz als unwürdig bzw. wertlos etikettiert, durch die Beobachterbrille der Wertlosigkeit gefiltert; dementsprechend werden alle Ereignisse aufgenommen, erfahren und verdaut, um das vom Beobachter geschaffene Etikett der Wertlosigkeit zu verstärken.

Der leere Raum der Essenz wird also vom Beobachter als wertlos bezeichnet, und alle Erfahrungen verstärken diese Beobachter-Identität der Wertlosigkeit, ohne allzu sehr auf die äußere Welt einzugehen. Kurz gesagt, die Beobachter-Identität der Wertlosigkeit wird zum Filter für die meisten Erfahrungen der Person. ...

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Der Beobachter ist Teil der Fixierung und der Begrenzung unseres Bewusstseins. ... Um sich also schließlich in der nächsten Dimension Ihres menschlichen Wesens - der Essenz - zu gründen, müssen Sie über den Beobachter hinausgelangen.

Der Beobachter betrachtet die Essenz als »nicht ich«. Dieses »nicht ich« in Kombination mit dem der Essenz beigelegten Etikett wird zur Aufmerksamkeitsfixierung des Beobachters. Diese Fixierung zwingt den Beobachter, seine Aufmerksamkeit so zu fixieren, wie er die Essenz etikettiert hat. Um gegen die Fixierung, der sich der Beobachter nicht entziehen kann, anzukämpfen, entwickelt er eine überkompensierende Identität. Wenn zum Beispiel die Lebenskraft der Essenz vom Beobachter als schwach etikettiert wird, dann kann er nicht umhin, sich unbewusst auf diese Schwäche zu fixieren. Er bildet dann die Identität eines falschen Selbst, das das zuvor geschaffene Etikett durch übermäßiges Starksein kompensieren soll. ... (Denn der Beobachter glaubt ja, nur durch Überkompensation sei ein Entrinnen möglich.)

... Wir dürfen nicht vergessen, dass das Etikett vom Beobachter bezeichnet und aufgrund von biologischem Mangel gebildet wurde. Dieser bewirkte eine Dissoziation bzw. eine Abspaltung vom biologischen Selbst, d. h. dem physischen Körper/Geist.“ (Stephen Wolinsky, Jenseits des Enneagramms, Freiburg 1998, S. 126 ff.)

Die Tragik von „Mangelprojektionen“ liegt speziell darin, dass alle Bemühungen, in der Gegenwart etwas zu bekommen, was wir in der Vergangenheit vermisst haben, illusionär sind. Schuldgefühle und Schuldängste sind insofern angemessener Ausdruck dieses sinnlosen Tuns, andererseits wiegen sie doppelt schwer, weil sie die Aufmerksamkeit in die Richtung einer identifizierten Beobachter-Persönlichkeit lenken, durch die sich die Illusionen noch verstärken. Selbst diejenigen, die ihre Wahrnehmungen als illusionäre Träume erkannt haben, sind allein dadurch noch nicht zur Wahrheit erwacht.

Menschen zu „helfen, es in sich selbst zu entdecken“ (Galilei), verlangt einen gänzlich angstfreien Raum, in der keinerlei Schuldgefühle existieren. Schuldgefühle resultieren nämlich immer aus einer Interpretation von Vergangenheit, aus der eine beunruhigende Erwartung von Zukunft folgt. Dadurch stören sie die Selbst-Präsenz der Gegenwart, das „Jetzt“. „Es“ kann aber nur in der Gegenwart entdeckt werden, weil „es“ einzig und allein im „Jetzt“ als „Jetzt“ existiert. Die „Rückkehr zur Unschuld“ ist die unverzichtbare Voraussetzung aller essenziellen Erfahrungen.

Deshalb richten auch Feiern zum Gedenken an Verbrechen und Gräueltaten bei den Opfern noch mehr Schaden an, wenn sie nicht konsequent auf Erfahrungen der Gegenwart ausgerichtet sind. Vollständige Heilung von Bildern, Gefühlen und Gedanken geschieht nämlich nicht durch regressive Wiederholungen, sondern durch die bewusste Auflösung jeder Beobachter-Identität in der Gegenwart. Insofern spielt es aus therapeutischen Gründen überhaupt keine Rolle, auf wen die Schuld der Täterschaft projiziert wird – weil alle Projektionen lediglich aus Fragmenten der Vergangenheit gebildet werden. Das Ego als „Projektor“ fixiert sich im Moment des Entstehens auf die Vergangenheit, die es so lebendig erscheinen lässt, als sei sie gegenwärtig. So versucht es, die wirkliche Gegenwart zu verhindern bzw. ihre Präsenz zu vernebeln.

Dafür hat das Ego gute Gründe: es existiert nämlich überhaupt nicht im „Jetzt“ der Gegenwart. Es besteht ja nur aus Fragmenten von Meinungen über seinen „Wirt“; und Meinungen sind assoziative Bündelungen vergangener Wahrnehmungen. Deshalb ist das Ego auch zu keiner Erkenntnis und zu keiner wirklichen Kommunikation fähig.

Letzteres wird überdeutlich, wenn es in Gesprächen versucht, jede Information und Situation als Loblied auf sich auszunutzen. Egozentrisch fixierte Geister reagieren fast auf jeden Satz ihrer Gesprächspartner mit einer Assoziation aus der Ich-Perspektive. Aus einem Gespräch beim Essen:

„Meine Mutter war eine harte Frau.“ Antwort: „Meine Mutter überhaupt nicht!“

„Doch sie war auch eine gute Köchin.“ Antwort: „Ich koche am liebsten selbst.“

„Diesen Rotwein mag ich besonders gern.“ Antwort: „Ich trinke lieber Weißwein.“

 

Für das Ego sind unverbundene Gesprächsfetzen typisch, weil es aus der allerersten Trennungserfahrung hervorgegangen ist und die Dauer seiner Existenz vom fortgesetzten Glauben an diese Trennung abhängig ist. Die Dualität von Ego und Welt ist die dominierende Ideologie dieses „split-mind“. Der Glaube, von seinem Ursprung getrennt zu sein, ist aber tatsächlich die einzige „SÜNDE“, die es überhaupt geben kann. Wenn dieser Glaube nämlich nicht existierte, gäbe es nichts, was nicht im Einklang mit der Natur und dem Kosmos geschähe.

Solange es aber einen abgespaltenen Geist gibt, der sich schuldig fühlt, führt das Ego das Kommando, weil nur das Ego Schuld empfinden kann. Bei der „Rückkehr zur Unschuld“ wird man also auf das Ego als Weggefährten verzichten müssen.

„Habt ihr auch tausend Sutren oder zehntausende Kommentare studiert, euch selbst aber nicht von der Verhaftung an das Ego befreit, so werdet ihr schließlich in die Dämonenhölle abstürzen.“ (Dogen Zenji)