21 Mär 2015

Buchprojekt Kap. 2: "Der Stoff, aus dem die Träume sind"

Submitted by Delloc

Was es ist

Selbst-Begegnungen

Kap. 2. Der Stoff, aus dem die Träume sind

"Träume sind Schäume" sagt der Volksmund und ignoriert damit die Tiefenpsychologie (Freud), die die Bilder des Traums als gehaltvolle Symbole begreift, deren Sinngebung in der Persönlichkeitsstruktur der Träumenden verankert ist.

Die Verleugnung dieses Zusammenhangs mag in mancher Hinsicht aus der Angst resultieren, sich selber nicht als Produzenten von absolutem Unsinn begreifen zu wollen. Die Hauptmotive dieses Abwehrverhaltens liegen aber in der Vertuschung eigener Wünsche und Absichten, die ein deutliches Aggressionsverhalten gegenüber der Wirklichkeit zum Ausdruck bringen.

Träume sind immer dann besonders chaotisch, wenn sie von Wünschen gespeist werden, die in Konflikt miteinander stehen. Im Grunde sind solche wirren Träume hervorragende Beispiele dafür, wie die Wahrnehmung Illusionen an die Stelle der Wahrheit setzen kann.

Dass diese Art des Lernens aber auf wenig Gegenliebe stößt, hat noch einen tieferen Grund. Die Unterschiede zwischen dem, was man im Schlaf und beim Erwachen sieht, erwecken den Anschein, als ob sie nichts miteinander zu tun hätten. So sind selbst Albträume nach dem Erwachen oft schnell verblasst und vergessen. Das schelle Vergessen ist möglich, weil den Träumenden nicht klar ist, dass die Gefühle, die den Traum erzeugen, von ihnen kommen müssen.  Sie glauben, dass die Traumgestalten und wie sie agieren, den Traum zu machen scheinen. So bleibt ihre eigene emotionale Urheberschaft verborgen.

Dass in Träumen eine Welt phantasiert wird, die von den Wünschen der Träumenden genährt wird, könnte bezweifelt werden, wenn Träume nicht glücklich verlaufen, sondern von Angst und Schrecken durchzogen sind. Aber dies ist letztlich kein Widerspruch, weil allein der Versuch, eine Welt zu erschaffen, die die bestehende Wirklichkeit auslöscht, Ursache zahlreicher Ängste sein kann. Die Wirklichkeit nach egoistischen Bewertungen kontrollieren und verändern zu wollen, indem man sie durch phantasievolle Hirngespinste zu ersetzen sucht, ist durchaus erschreckend.

Wenn dies nur in Träumen passieren würde, könnte man vielleicht darüber hinwegsehen. Tatsächlich bleiben aber die emotionalen Motive der Träumenden in der Tageswelt erhalten und werden in besonderer Weise weiter ausagiert.

„Dein Wunsch, eine andere Welt zu machen, die nicht wirklich ist, bleibt bei dir. Und das, wozu du zu erwachen scheinst, ist nur eine andere Form derselben Welt, die du in Träumen siehst. Du verbringst deine gesamte Zeit mit Träumen. Deine Schlaf und dein Wachträume haben verschiedene Formen, das ist alles. Ihr Inhalt ist derselbe. Sie sind dein Protest gegen die Wirklichkeit und deine fixe, wahnsinnige Idee, du könntest sie verändern.“ (Ein Kurs in Wundern, ebd., S. 376 f.)

Es gibt viele Gründe, die Wirklichkeit verändern zu wollen. Aber es gibt nur einen Grund, dies durch Manipulationen der Wahrnehmung (Trancen und Projektionen) zu tun: es ist die ANGST, von dieser Wirklichkeit getrennt zu sein. Diese Angst ist so verbreitet, dass große Industriezweige dafür tätig sind: Alkohol, Nikotin, Musik, Unterhaltung und „harte“ Drogen sind darauf ausgerichtet, die Wahrnehmung so zu beeinflussen, dass die Wirklichkeit verzerrt, überlagert und ausgeblendet wird. Derzeit ist die IT-Branche sehr erfolgreich, mit elektronischen Geräten (Spielkonsolen, Tablets, Smartphones etc.) die Wahrnehmung (vor allem) junger Menschen zu manipulieren und profitorientiert zu kanalisieren. Aber auch die herrschaftskonformen Methoden der Informationsmedien können nur deshalb so erfolgreich die Sinneseindrücke ihres Publikums irreleiten, weil langjährige Gewohnheiten individueller Selbsttäuschung den Nährboden dafür bereitet haben.

Die ANGST, von der Wirklichkeit getrennt zu sein, wird auch als das menschliche Urtrauma bezeichnet. Sie entsteht im Kleinkindalter, nachdem sich das individuelle „ICH BIN“ als Bewusstseinsform gebildet hat.

Das „ICH BIN“ geht zwangsläufig mit der Erfahrung einher, dass es außer der eigenen Körperlichkeit noch eine andere „Dimension“ gibt, die sich von den bisherigen Körperempfindungen des Kleinkindes unterscheidet. Diese Differenzierung tritt spontan als Neuheit in das Leben jedes Menschen, und wird – je nach sozialem Kontext – von unterschiedlichen Gefühlen begleitet, die als individuelle Erfahrungen die Grundzüge der Persönlichkeit anlegen.

Dass diese Erfahrungen aufgrund von Vernachlässigung oder Aggressionen der Bezugspersonen durchaus dramatisch verlaufen können, sei hier nur nebenbei bemerkt. Für die Entwicklung manipulativer Wahrnehmungsmechanismen ist in diesem  Entwicklungsstadium die Erkenntnis wichtig, dass sich neben der sicheren Gewissheit körperlicher Empfindungen für das Kleinkind schlagartig eine „Neue Welt“ auftut, die unterschiedliche Deutungen zulässt.

Solange sich diese „Neue Welt“ in Harmonie zu den Empfindungen der eigenen Körperlichkeit befindet, gibt es weder einen Anlass für Gefühlsexperimente oder andere Mechanismen, die Situation zu verändern. Aber „Wehe, wenn nicht...!“

Dann öffnet sich nämlich die Unendlichkeit psychomentaler Möglichkeiten, angesichts derer die Büchse der Pandora nur ein schwacher Reflex ist.

In letzter Zeit lese ich häufig, dass sich Kinder zunehmend tyrannisch verhalten und völlig ausrasten, wenn sie ihren Willen nicht bekommen. Danach mangelt es nicht an gut gemeinten Fingerzeigen, wie Eltern (meistens die Mütter) darauf am besten reagieren sollten.

Meistens lassen diese  Ratschläge aber außeracht, dass aggressives Verhalten nicht im Augenblick der Vollstreckung rein situativ entschieden wird, sondern auf gehäuften Deutungen von Wahrnehmungen basiert, die sich als verallgemeinerte Überzeugungen gebildet haben.

Da Kinder aber überwiegend das Erbe der unbewussten Deutungen und Irrtümer ihrer Eltern antreten, bleiben diese Auslegungen meist im Dunkel der Familienhistorie.

Hinzu kommt die Art und Weise, wie die dargebrachten Weltanschauungen der Eltern praktisch ausagiert werden. Kinder lernen anfangs ja überwiegend durch Mimesis (Nachahmung), sodass neben der Perspektivwahl und den Werturteilen der Eltern, die dazu passenden Bestätigungsarten gleich mitgeliefert werden.

Der Psychologe Stephen Wolinsky hat in seinem Buch „Die alltägliche Trance“ (Freiburg i. Br., 1996) mehr als zwanzig verschiedene Wahrnehmungsmethoden beschrieben, die dazu dienen, die Wirklichkeit den persönlichen Vorstellungen davon anzupassen. Tranceformen wie Verzerrungen zeitlicher, gefühlsmäßiger und inhaltlicher Art, Verallgemeinerungen und Verwirrungen, teilweise und vollständige Tilgungen von Erfahrungen (Amnesie), zwanghaften Vorstellungen und Identitätsbildungen, Dissoziationen und Altersregressionen  sind auf das Ziel hin optimiert, die Wahrnehmung so zu manipulieren, dass nur eigene Überzeugungen und Deutungen bestätigt werden.

Zusätzlich wirkt bei diesem Gefecht, das auf Betrug und Vorteilsgewinn gerichtet ist, noch eine weitere schwere Waffe, die verhindert, dass Erfahrungen gemacht werden, die von den eigenen Vorstellungen abweichen: die Waffe der Projektion.

Projektionen werden nach außen übertragen, so, als ob sie mit uns nichts zu tun hätten. In Wahrheit handelt es sich aber um einen äußerst lebendigen Aspekt unserer eigenen Persönlichkeit, über den wir uns (noch) nicht bewusst sind. „Juden sind minderwertig!“ ist z. B. eine Projektion, die letztlich den Zweifel der eigenen Wertigkeit thematisiert, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Projektionen verfolgen das Ziel,  alles, was wir selber nicht haben wollen, quasi „nach außen zu verfrachten“ und damit loszuwerden. Jeder Projektion geht also immer eine negative Beurteilung voraus. Und allein darin liegt letztlich ihre Nicht-Wirksamkeit, weil jede Vorstellung, man habe die Wahl und könne sich einzelne Teile der Wirklichkeit herauszupicken, illusionär ist.

Für den Maßstab der Tiefe einer Trance, bzw. der Distanz der Wahrnehmung von der Wirklichkeit, ist die Präsenz des Körperbewusstseins ausschlaggebend. In dem Maße nämlich, wie wir das Körperbewusstsein verlieren, driften wir in eine Trance ab und verlieren als Folge davon unser Menschsein. Damit wird deutlich, warum im nächtlichen Traum die grausamsten und abscheulichsten Aktionen (als Albtraum) inszeniert werden können.

Deshalb ist das Ziel jeder Therapie, den individuellen Mechanismus aufzudecken, wie Trancen mit dem Verlust der Körpererfahrung einhergehen. Wenn dies gelingt, entdecken wir zugleich unsere frühesten und stärksten Glaubensstrukturen, die als präverbale und vorbewusste Erkenntnisse wie eine Brille bzw. wie ein Filter wirken, die uns beeinflussen und unser menschliches Wesen entstellen und verzerren.

Die Überlebenstrance ist die stärkste aller Trancen. Dabei bezieht sich das Überleben sowohl auf das physische Überleben als auch auf das psychische und emotionale. Mit der Entwicklung des Körpers geht beim Kind auch die Entwicklung der Psyche und der Individualität einher. Nach den frühesten Entwicklungsphasen, in denen das Kind denkt, es sei mit der Mutter verschmolzen, entwickelt es ein individuelles Selbst, eine Persönlichkeit, und fängt an zu differenzieren. Es stellt irgendwann fest, dass es von der Mutter (oder dem Vater) und von der Welt getrennt ist, und mit dieser Erkenntnis setzt die Überlebenstrance ein.

Dies ist eine kritische Phase, in der neben dem individuellen Selbst auch der sog. „dissoziative Beobachter“ entsteht. Der dissoziative Beobachter wird gebildet, um sich vor dem Selbstverlust in der Beziehung zur Welt zu schützen oder davor, dass die biologischen Bedürfnisse des Körpers nicht befriedigt werden. Dieser dissoziative Beobachter ist die Hauptursache für das Gefühl des Getrenntseins von der Außenwelt. Je stärker dieser herausgebildet wird, umso größer ist der Verlust des eigenen Körperbewusstseins, was oft einhergeht mit dem Trugbild besonderer „Grandiosität“. Sogenannte „altkluge“ Kinder bringen diese Überheblichkeit in besonderer Weise zum Ausdruck.

Der dissoziative Beobachter verstärkt in besonderer Weise das Gefühl des Anders- und Getrenntseins. Je größer die Angst vor Selbstverlust ist, desto größer ist die  Macht des dissoziativen Beobachters. Um diese Angst zu vermindern, werden zusätzliche Identitäten geschaffen wie „Ich mag dies“, „Ich mag dies nicht“, „Ich mag dich“, „Ich mag dich nicht“. Durch diese Maßnahmen werden psychomentale Sympathien und Aversionen kreiert, um den Mangel eines schwachen Körperbewusstseins energetisch zu kompensieren.

Die kapitalistische Konsumindustrie fördert diese Identitäten in besonderer Weise, um daraus Gewinne zu generieren. Dabei wird vor allem die Angst geschürt, dass die Identitäten sterben oder verschwinden, wenn der Beobachter ihnen nicht permanent Energie zuführt. So soll vermittelt werden, dass eine Frau ihre Attraktivität verliert, wenn sie nicht  konstant ihre Haut kosmetisch behandelt, ihrem Haar durch Shampoos und Lotionen Glanz und Fülle verleiht, diätetisch ihr Gewicht kontrolliert usw. usf.

Die Beispiele machen deutlich, dass alle Manipulationen der Wahrnehmung letztlich in der Sackgasse enden, aus der sie gekommen sind. Sie entspringen der ANGST, Opfer einer Wirklichkeit zu sein oder zu werden, die von uns getrennt ist und fremde Absichten verfolgt. Nur ein gespaltener Geist kann den Glauben an Mangel, Verlust und Tod aufrechterhalten und Projektionen kreieren, die einfach nicht wahr sind. Wenn wir diese Irrtümer beleuchten und beseitigen wollen, dürfen wir nicht darauf verzichten, uns den  Stoff, aus dem die Träume sind, beherzt bewusst zu machen.

Das biblische Motiv der „Sühne“ ist praktisch erst vollendet, wenn am Ende einer Kette gedanklicher „Wunder“ die Befreiung von allen Albträumen steht. „Indem sie (die Wunder) deinen Geist aus der Gefangenschaft deiner Illusionen befreien, stellen sie deine geistige Gesundheit wieder her.“ (Ein Kurs in Wundern, ebd., S. 5)

Kommentare

Bild des Benutzers fahrwax

Moin DELLOC,

schön wie du hier wieder gedankliche Anstösse - jenseits von Flachheiten - anlieferst. Quasie die Wunder-Bar...., mit erheblicher Anforderung von Konzentrationsfähigkeit.

"Das „ICH BIN“ geht zwangsläufig mit der Erfahrung einher, dass es außer der eigenen Körperlichkeit noch eine andere „Dimension“ gibt, die sich von den bisherigen Körperempfindungen des Kleinkindes unterscheidet. Diese Differenzierung tritt spontan als Neuheit in das Leben jedes Menschen, und wird – je nach sozialem Kontext – von unterschiedlichen Gefühlen begleitet, die als individuelle Erfahrungen die Grundzüge der Persönlichkeit anlegen."

>>"Ich bin" auch wenn ich nicht denke - das sieht man doch<<, las ich eben. Das ist mindestens bedenkenswert.

"Dann öffnet sich nämlich die Unendlichkeit psychomentaler Möglichkeiten, angesichts derer die Büchse der Pandora nur ein schwacher Reflex ist."

Das Pandora-Döschen von Dude, mit seiner Sicht des "Teilchen-Mythos", verschafft erstaunliche Sichten?

"Keiner ist immer nur “gut” – jeder ist auch irgendwann einmal “böse”. Deshalb glaube bitte auch nie, wenn Dir einer erzählt, er sei nur noch “Licht”…
Und in dieser “dynamischen” Betrachtungsweise werden aus den zwei POLEN dann zwei TEILE EINER EINHEIT."

https://dudeweblog.wordpress.com/2015/03/21/der-teilchen-mythos/

Wie sollte der Versuch eines 'guten Leben im Schlechten' ohne den Alptraum auskommen?

Gruß, Fahrwax