16 Mär 2015

Buchprojekt Kap. 1: "Die menschliche Beteiligung am Leben"

Submitted by Delloc

Was es ist

Selbst-Begegnungen

Kap. 1: "Die menschliche Beteiligung am Leben"

(korr. und erweiterte 2. Fassung)

Die menschliche Beteiligung am Leben geschieht stets doppelt: tatsächlich und scheinbar.

Diese Doppelwirklichkeit unterscheidet den Menschen vom Rest des Universums, weil nur er ein bewusstes Wesen ist, das Hypothesen bilden und Theorien formulieren kann.

„Bewusstsein ist das, was es nicht ist, und nicht das, was es ist!“ hat Jean-Paul Sartre einmal treffend gesagt. Mit anderen Worten: Bewusstsein als Akt der Reflektion kann zwar den Kontext des Lebens in seiner universalen Gesamtheit abstrahierend isolieren, verlässt aber damit die Ebene der sinnlichen Gewissheit, die nur ganzheitlich erfahren werden kann. Bewusstheit unterscheidet sich von Bewusstsein gerade dadurch, dass nicht das Einzelne dissoziierend vom Rest fokussiert wird, sondern das Ganze in seinem natürlichen interaktiven Zusammenhang als Eines „geschaut“ wird.

Der italienische Schriftsteller Tiziano Terzani schrieb: „Sobald du zu schauen beginnst, merkst du, dass alles eins ist. Du schaust die Schönheit dieser Erde und siehst ihre Einheit. Und das ist eine Schönheit, die es zu begreifen gilt.“

Da aber jede rationale Bewusstseinsform, wie vernünftig sie auch ausgeklügelt sein mag, die Harmonie des lebendigen Ganzen nicht beachtet, taugt sie nicht als Grundlage einer gedeihlichen Lebenspraxis.

Hegel schrieb: "Abstraktionen in der Wirklichkeit geltend machen, heißt Wirklichkeit zerstören." (Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie III, Werke Bd. 20, S. 331)

Insofern ist die gegenwärtige Zerstörung des Lebens auf diesem Planeten durch die Diktatur ökonomischer Maxime kein Schönheitsfehler, der repariert werden könnte, sondern die folgerichtige Konsequenz ihrer Handhabung.

Bewusstheit ist dagegen: „Aufmerksamkeit ist ursprüngliche Intelligenz, ist reines Bewusstsein. Sie löst die Schranken auf, die das begriffliche Denken geschaffen hat, und damit zugleich kommt die Erkenntnis, dass nichts für sich und aus sich allein existiert.“ (Eckhart Tolle)

Da an jedem singulären Ereignis stets das gesamte Universum beteiligt ist, müsste jede isolierende Perspektive als grobe Fehleinschätzung gewertet werden. Diese Erkenntnis („Bells Theorem“), die von Quantenphysikern als die wichtigste Entdeckung auf dem Gebiet der Wissenschaft angesehen wird, erfordert eine äußerst subtile innere Vision. Es gibt nicht nur nichts, worauf man mit dem Finger zeigen könnte, um es als Ursache von diesem oder jenem zu begreifen. Zusätzliche dürfte streng genommen jede Singularität nur als relative Positionierung lokalisiert und beschrieben werden.

So wäre beispielsweise ein „Ich“, das sich als getrenntes unteilbares Wesen („Individuum“) abgrenzt, lediglich eine gedankliche Erfindung, bei der wesentliche Zusammenhänge einfach ausgeblendet werden. „Das könnte die tiefste Ursache der Angst sein -, dass man sich an etwas klammert, das nicht existiert.“ (Jiddu Krishnamurti)

Bedeutung und Geltung erlangte das „Ich-Konzept“ durch die  Bürgerliche Gesellschaft. Da gesellschaftliche Arbeit erstmalig finanziellen Profitmechanismen und nicht patriarchalischer Willkür unterworfen war, konnte der einzelne über den Verkauf seiner Arbeitskraft ebenso frei bestimmen wie über die Verausgabung des Lohnes. Diese Individuation führt dazu, dass "Je größer, je ausgebildeter ... die gesellschaftliche Macht erscheint innerhalb des Privateigentumsverhältnisses, um so egoistischer, gesellschaftsloser, seinem eignen Wesen entfremdeter wird der Mensch." (Karl Marx in Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Bd.40, S. 454)

Die Berliner Gruppe nevergoinghome veröffentlichte am 28. Januar 2013 zu diesem Thema: „Die bürgerliche Individuationsform zwingt die Einzelnen zu einer permanenten Herausstellung der eigenen Alleinstellungsmerkmale. Um den Sieg in der Konkurrenz zu erringen, gilt es, im falschen Bewusstsein der eigenen Souveränität besser – und individueller – zu sein als alle anderen.“ (http://esra.blogsport.eu/2013/01/28/nevergoinghome-uber-das-burgerliche-individuum/)

Volkskrankheiten wie Depression, Burn Out, Panikattacken sind die Folgen dieser menschenfeindlichen Gesellschaftsordnung.  

Die Relativität allen Seins („Bells Theorem“) bedeutet, dass begriffliches Denken unendliche Assoziationen zulässt, ohne dass eine letzte Ursache, ein unikausaler Ursprung, erkennbar wäre. Da jede Erkenntnis aber einen Erkennenden voraussetzt, neigt das „Ich“ dazu, Bewusstsein und Gewahrsein zu vermischen, bzw. nicht zu differenzieren. Während Gewahrsein der Anfang von allem ist, der Urzustand, in dem weder Raum noch Zeit eine Rolle spielen, hängt Bewusstsein stets von der fragmentarischen Perspektivwahl und Bewertung eines tätigen Wesens ab.

„Im Bewusstsein gibt es das “Ich”, welches bewusst ist, während das Gewahrsein ungeteilt ist – Das “Ich bin” ist ein Gedanke, Gewahrsein hingegen ist kein Gedanke. Im Gewahrsein gibt es kein “Ich bin mir gewahr”. Bewusstsein ist ein Attribut, Gewahrsein nicht. Man kann sich gewahr sein, bewusst zu sein, doch man kann sich nicht des Gewahrseins bewusst sein. Gewahrsein ist jenseits von allem – zu sein und auch nicht zu sein.“ (Nisargadatta Maharaj)

Insofern führt die Verabsolutierung von fragmentarischen Bewusstseinsformen (s.o. Hegel) zwangsläufig zu einem Ungleichgewicht der natürlichen Harmonie und ihr zugrundeliegenden Ordnung. Dass man im universellen Maßstab von einem bewussten „Bewegungsmuster“ sprechen kann, hat der geniale Quantenphysiker und Nobelpreisträger Richard Phillips Feynman herausgefunden: „Es ist nicht so, dass ein Teilchen dem Weg der kleinsten Wirkung folgt; es riecht vielmehr alle Wege in der Nachbarschaft und wählt dann denjenigen mit der kleinsten Wirkung aus; seine Methode entspricht dabei der, die das Licht verwendet, um die kürzeste Zeit zu wählen.“ (Richard P. Feynman, Robert B. Leighton, Matthew Sands, Vorlesungen über Physik 2: Elektromagnetismus und Struktur der Materie. Definitive Edition, Band 2, München 2007, S. 359)

Die Harmonie des Universums basiert demnach darauf, dass alles Lebendige dem Muster der Minimalisierung von Wirkungen folgt und nur der Mensch sich dazu in einen subversiven Gegensatz begeben kann. Maximale Kraftentwicklungen (Leistungsideologien, Explosivkräfte, Atomspaltung, Profitmaximierung etc.) sind demnach Produkte unnatürlicher Denk- und Handlungsweisen – Fehlgeburten abnormer Hirngespinste.

"Die technischen Bedingungen des Produktionsprozesses selbst, Maschinerie, Transportmittel usw., ermöglichen, auf größter Stufenleiter, die rascheste Verwandlung von Mehrprodukt in zuschüssige Produktionsmittel. Die mit dem Fortschritt der Akkumulation überschwellende und in Zusatzkapital verwandelbare Masse des gesellschaftlichen Reichtums drängt sich mit Wildheit in alte Produktionszweige, deren Markt plötzlich erweitert ist, oder in neu eröffnete ..., deren Bedürfnis aus der Entwicklung der alten Produktionszweige entspringt. In allen solchen Fällen müssen große Menschenmassen plötzlich und ohne Abbruch der Produktionsleiter in anderen Sphären auf die entscheidenden Punkte werfbar sein. Die Überbevölkerung (der Arbeitslosen) liefert sie." (K. Marx, Kapital I, MEW 23, S. 661). 

Diese Analyse beschreibt, dass unter kapitalistischen Verhältnissen die Entscheidung, sich natürlich oder pervers zu verhalten, nicht mehr von den einzelnen Individuen frei getroffen, sondern von der Diktatur der Märkte, bzw. der Finanzmafia, erzwungen wird. Kriege, Flucht und Vertreibung sind keine „Auswüchse“ der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, sondern notwendige Regulierungsmechanismen der Profimaximierung.

In diesem Zusammenhang wird auch plausibel, warum junge Menschen sich spontan entscheiden, lieber selbstbestimmt als Terrorist zu sterben, als fremdbestimmt missbraucht zu werden.

Erbaulicher wäre zweifellos ein alternativer Weg, Selbstbestimmung und Harmonie mit dem Leben und der Schöpfung zu erfahren:

„Das Wissen von den Dingen erlangen wir durch ihre Erscheinung, aber die Bewusstheit der Wirklichkeit wird im Herzen reflektiert. ... Jene, die Erkenntnis der Wirklichkeit erlangt haben, können das Wunder der Dinge beschreiben; doch jenen, die die Wirklichkeit nicht kennen, entgeht die Essenz der Dinge. ...

Wer Erkenntnis der Wirklichkeit besitzt, kann die Subtilität der Dinge in Übereinstimmung mit ihrer natürlichen Spontaneität erreichen. Sein Bewusstsein verschmilzt und sein ‚Geist’ wird eins mit den Dingen. In Stille erlangt er Übereinstimmung mit ihrem Handeln und ihrem Nichthandeln. Wenn er zu diesem unsichtbaren Quell gelangt, dann manifestiert er ihn in aller Form, durchdrungen von der Bewegung und dem Pulsieren von Erscheinung und Wesen. So erhalten die Formen den Lebensatem und schwingen in ihrem eigenen Rhythmus.“ (Chang Chung–yuan, Tao, Zen und schöpferische Kraft, München 1980, S. 174)

In diesem Zusammenhang soll ausdrücklich betont werden, dass Meditation nicht nur als therapeutisches Medium dient, um die krankmachenden Folgen der kapitalistischen Wirtschaftsweise zu bearbeiten, sondern auch notwendig ist, um die Tücken geistiger Prozesse und der daraus resultierenden Hirngespinste zu erkennen. Diese positive Wirkung von Meditation ist vor allem in den tibetischen Traditionen durch die Sunyata-Lehre deutlich beschrieben worden.

Lama A. Govinda schreibt:

„... Verstand ohne Gefühl, Wissen ohne Liebe, Erkenntnis ohne Mitleid, führt zur reinen Negation, zur Erstarrung, zum geistigen Tod, zum bloßen Vakuum; während Gefühl ohne Vernunft, Liebe ohne Erkenntnis (blinde Liebe), Mitleid ohne Wissen, zu Verschwommenheit und völliger Auflösung führt.

Wo aber beide Seiten vereint sind, wo die große Synthese von Herz und Hirn, Gefühl und Verstand, höchster Liebe und tiefster Erkenntnis stattgefunden hat, dort ist die Ganzheit hergestellt, die vollkommene Erleuchtung erreicht.“ (Grundlagen tibetischer Mystik, Bern u. a.: Scherz 1956 und 1975, S. 106)

Sunyata ist für den Buddhismus selber auch deshalb ein wichtiges „Korrektiv“, weil es die Relativität des in der Meditation subjektiv Geschauten „verkörpert“. So steht Sunyata für den Pol des „Entwerdens, der die kristallisierten Formen der schöpferischen Phase der Meditation in ihrer Nicht-Ichhaftigkeit, Nicht-Absolutheit und Aufhebbarkeit wieder in den normalen Lebens- oder Bewusstseinsstrom auflöst. ... Derjenige, der erfährt, dass »Wirklichkeit« das Produkt unseres eigenen Wirkens ist ..., wird von der materialistischen Vorstellung der Welt, als einer an sich bestehenden oder »gegebenen« Wirklichkeit, auf die alleranschaulichste Weise befreit.“ (Ebd., S. 116 f.)

Der deutsche Physiker Ulrich Warnke (Gehirn-Magie, Saarbrücken 1998) hat zur Steuerung der Materie durch Bewusstsein (sinngemäß) ausgeführt:

Eine kugelförmige Gedankenwelle trifft überall auf aktive kurze Vakuumeruptionen. Sie überträgt aber nur dort Energie, wo Polarisation (Richtung der Wellenschwingung) und Spin (Drehimpulse der Elektronen) gleich sind. Durch die Energieaufladung entsteht eine elektromagnetische Welle mit Fernwirkung, das bedeutet, dass diese Welle nun ihrerseits Elektronen quantenmäßig anregen kann. Sie tut das aber erst dann, wenn sich mindestens ein Empfänger (Beobachter) durch sein Echo gemeldet hat, d.h. wenn die Welle weiß, dass ihr jemand quasi ‚zuhören’ kann. Im selben Augenblick sind alle Elektronen im gesamten Kosmos über den Vorgang informiert, und es kommt simultan zu einer Echoaussendung aller energetisch aufgeladenen Elektronen. Diese Echos verfestigen sich in einem eigenen elektromagnetischen Feld und bilden so ein neues Kraftfeld.

Da jeder Empfänger aber gleichzeitig auch ein Sender ist, da also jeder jedem etwas sendet und empfängt und wieder sendet, ergibt sich permanent eine ungeheure komplexe Vernetzung.

Natürlich stellt sich die Frage, wie diese wissenschaftlichen Erkenntnisse praktisch genutzt bzw. erfahren werden können. Das abstrakte Denken stößt dabei an Grenzen, weil es sich dissoziativ verhält und damit eher „Unordnung hervorgebracht (hat), weil es einen Konflikt zwischen dem, "was ist", und dem, "was sein sollte", zwischen Wirklichkeit und Theorie erzeugt hat.“ (Jiddu Krishnamurti)  

Diese „Unordnung“ wird vor allem offensichtlich, wenn Gedanken überbewertet bzw. falsch identifiziert werden. Eine solche falsche Identifizierung läge z. B. vor, wenn sich unser Spiegelbild für real halten und glauben würde, es besäße eine autonome Existenz. Auf dieselbe Weise können unsere Gedanken, Überlegungen, Glaubenssätze, Bilder etc. davon überzeugt sein, real zu sein und getrennt von unserm Körper zu existieren.

Da es aber keine separat existierende Einheit gibt, die denkt, fühlt oder empfindet, sind Gedanken, Gefühle und Empfindungen nichts weiter als eine Reflexion des universalen Bewusstseins.

Um Bewusstseinsprozesse aber nicht als „Selbstgespräch“ sinnlich zu entleeren, wurde eine Bewusstseinsform hinzugefügt, die das Ganze als kommunikativen Vorgang erscheinen lässt: das „ICH BIN“.

Stephen Wolinsky führt in diesem Zusammenhang aus: „In jedem Augenblick erscheinen Gedanken, Bilder, Erinnerungen, die vom Bewusstsein mit Hilfe des ICH BIN hervorgebracht werden. Innerhalb jeder projizierten Reflexion gibt es eine Vorstellung von einem Selbst, einem »Ich«, das eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft hat. So entsteht die Illusion eines Gegenwart-Ich. Die Reflexion umfasst außerdem eine emotionale Komponente. Und was noch erstaunlicher ist, jede dieser Gedanken-Emotions-Reflexionen enthält auch noch die Vorstellung von Ursache und Wirkung, also einen Grund für ihr Vorhandensein. Dazu gehört implizit auch die Vorstellung »Ich bin hier«. Dies zusammen mit den Konzepten von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die das Ich bin zusammenschweißt, schafft eine sehr starke Ich-Reflexion. Diese bewirkt, dass das illusorische »Ich« an seine unabhängige Existenz glaubt. Anders gesagt: Die Ich-Reflexion glaubt, dass in der Vergangenheit etwas geschehen ist, das zur Erfahrung der Gegenwart geführt hat. Dabei gibt es in Wirklichkeit weder Vergangenheit noch Gegenwart. Beide sind nur Formen der Zeitillusion, die unser Trugbild hat. Die Zeit existiert nur innerhalb der Bewusstseinsreflexion von »Gedanke-Erinnerung-Gefühl-Ich-Vergangenheit«, die durch das ICH BIN entsteht. Außerhalb dieses Konglomerats gibt es keine Zeit.

Auch die Zeit ist ein Bild, das im Nichts erscheint und vergeht. Auch sie enthält die Illusion des ICH BIN, die laut Nisargadatta Maharaj den »Bewusstseinssamen« legt. Das angebliche »Jetzt« ist nicht wirklich an einen gegenwärtigen Augenblick gebunden, sondern an die Ich-Erfahrung, die sich selbst reflektiert. ... Dieses »Jetzt« ist da, auch wenn es die Illusion der Vergangenheit enthält.“ (Stephen Wolinsky, Ich bin dieses Eine, Kirchzarten 2002, S. 36 ff.)

Die Charakterisierung der menschlichen Beteiligung am Leben als Illusion ist die Quelle vieler Missverständnisse, die darauf beruhen, dass „illusionär“ mit „nicht-existent“ verwechselt wird. Dabei soll „illusionär“ lediglich erläutern, dass jede Vorstellung davon falsch sein muss. Mit anderen Worten: Wer aus den Illusionen zur Wirklichkeit „erwachen“ möchte, muss auf jede Art bildhafter bzw. abstrakter Vorstellungen verzichten.

Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Zusammenhänge zutiefst reflektiert sein müssen, bevor man sich dem Herzstück der menschlichen Beteiligung am Leben vollends widmen kann. Damit meine ich die letztgültige Konsequenz aus dem Vorhergesagten, die in den hingebungsvollen Herzenswunsch mündet: „Dein Wille geschehe!“

In der Bhagavad Gita gibt es dazu einen wunderschönen Vers: „Wenn die Intensität der Hingabe ... ein gewisses Maß erreicht, dann gebe ich ihm die Empfänglichkeit, Wissen zu erhalten.“

Wahre Hingabe ist bedingungslos. Sie ist unabhängig davon, ob das Leben gerade Wärme oder Kälte, Fülle oder Mangel beschert. Sri Aurobindo hat den Willen zur entschiedenen Hingabe als den ersten Prozess im Yoga beschrieben:

„Lege dich mit deinem ganzen Herzen und all deiner Kraft in Gottes Hände. Mache keine Bedingungen, bitte um nichts, nicht einmal um Vollkommenheit im Yoga; um überhaupt gar nichts, außer das eine, dass in dir und durch dich Sein Wille direkt getan werden möge.“

Die Folge aufrichtiger Hingabe ist Intuition. Während das Ego abgekämpft mit den Schrecken seiner Träume ringt und den Miseren des Lebens zu entfliehen trachtet, wird ein hingebungsvolles Herz in friedlicher Stille beglückende Impulse empfangen. Dabei vertieft sich die Inspiration dieser ewigen Essenz mit der Tiefe der Hingabe.

Um dieser Gnade teilhaftig zu werden, sind bestimmte Erfahrungen dienlich. Wenn man nämlich so oft wie möglich erforscht, ob man bei dem, was einem im Leben passiert, selbst der Handelnde war oder ob etwas zu etwas anderem führte, was wiederum zu etwas anderem führte, sodass die Handlung einfach geschah. Mit anderen Worten: es ginge darum, zu erforschen, welche unkontrollierten Reaktionsmuster aufgrund unkontrollierter Reizimpulsprogramme einfach Handlungen hervorbrachten, für die es keinen getrennten autonomen Verursacher gab. (Vgl. Bells Theorem)

Da aber alles nichts weiter als eine Reflexion des universalen Bewusstseins ist, bekommt der Standard-Satz von Nisargadatta Maharaj „VERSTEHEN IST ALLES.“ noch einmal eine  universelle Bedeutung. Im allumfassenden Verstehen gäbe es schließlich auch „niemanden“ mehr, der etwas will oder etwas erwartet.

Nichts zu wollen oder zu erwarten, bedeutet allerdings nicht NICHTS, sondern nichts Bestimmtes. „Ist dir schon einmal aufgefallen, dass sich Inspiration genau dann einstellt, wenn du nicht nach ihr suchst? Sie kommt, wenn alle Erwartungen aufgegeben wurden, wenn das Geist-Herz still ist.“ (Jiddu Krishnamurti)

Menschen, die darin geübt sind, den Geist wie einen Krug Wasser zu leeren, erzählen, dass sie eine „innere Stimme“ hören, der sie uneingeschränkt vertrauen. Andere definieren dies als „Führung durch das Höhere Selbst“, medizinisch wurde der Begriff „somatische Intelligenz“ geprägt.

Im Unterschied zur gewöhnlichen Emotionalität äußert sich das „Höhere Selbst“ durch Klarheit, harmonische Stetigkeit, anhaltende Lichtheit, unaufgeregte Beharrlichkeit, wohltuende Wärme wie bei einer Flamme, die weder flackert noch züngelt. In diesem Fall werden wir die innere Botschaft einfach ausführen, ohne ein bestimmtes Ergebnis im Auge zu haben. Wir werden einfach fühlen, dass wir das Richtige getan haben.