4 Mär 2015

Kollege kommt gleich!

Submitted by hadie

Vom Tellerwäscher zum Aufmerksamkeits-Millionär: Als Lutz Seilers Roman "Kruso" im Herbst 2014 den Deutschen Buchpreis bekam, kaufte auch ich mir das Buch und begann zu lesen, wenig überraschend mit dem Titel. 

Mauerkreuze 1995

Alexander Dimitrijewitsch Krusowitsch ist ein deutsch sprechender Russe, ein unglücklicher Russe und für Seiler ist er die Verkörperung der Poesie. "Poesie war Widerstand" auf einer Insel im Unrechtsstaat, dem Unterdrückungsregime! So tönt es wenigstens aus dem großmedialen Feuilleton, rechtzeitig zum 25. Jahrestag der (wie auch immer) Wende. Dank ihrer relativen Abgeschlossenheit eignen sich Inseln für Robinsonaden, es gibt mittlerweile Tausende davon. Um nun den Anspruch, die ultimative Robinsonade des Wende-Jubiläumsjahres zu sein, von Anfang an klar zu machen, musste der Robinson Crusoe gleich auf den Titel, als "KRUSO" in dicken roten Großbuchstaben.
Nun bestehen männliche russische Eigennamen traditionell aus Vorname, Vatersname und Nachname. Dass hier jemand zwei Vatersnamen und keinen Nachnamen hat, könnte einfach interessengeleitet und/oder quatschig sein. Der geübte Aufsatzschreiber würde es eher als Zerrissenheit zwischen zwei Herkünften (russisch und westlerisch) deuten, weil der Dichter ja nicht einfach doof sein darf.

"Als das Unglück geschieht, flieht Edgar Bendler aus seinem Leben", lässt uns der Klappentext wissen. Kommilitonin G. wird von einer Straßenbahn der volkseigenen Nahverkehrsbetriebe überfahren und dient fortan als Projektionsfläche für Reflexionen einer komplizierten seelischen Beziehung nach dem Muster Georg Trakls zu seiner Schwester. Doch das einzig nachvollziehbare Beziehungsproblem in ihrer gemeinsamen Studentenbude war das zu einer unsachgemäß versorgten Katze. Weiter im Klappentext:
"Edgar (Ed) wird Abwäscher auf Hiddensee, jener legendenumwogten Insel, die, wie es heißt, schon außerhalb der Zeit und jenseits der Nachrichten liegt."
Doch um dorthin zu kommen, muss Ed zunächst eine Nacht im Berliner Ostbahnhof verbringen, was detailverliebt beschrieben wird.
"Es geht ein Gespenst in der Mitropa um", besingt Tamara Danz das bizarre Treiben in der Vorwende-DDR. Seiler besteht darauf, dass "Kruso" nicht autobiographisch sei und "kein verdammter Wenderoman" über die DDR 1989. Das stimmt, der beschriebene Zeithorizont ist größer, reicht von etwa 1980 bis 1990. Der mindestens ebenso "verdammte" Rollback-Roman ist durchaus interessant zu lesen, wenn man (wie ich) Orte und Lektüren kennt.
Im Abwasch des Klausners, "einer Kneipe hoch über dem Meer", bricht dann eine wahre Namedropping-Orgie aus. Der gutgläubige Leser darf den literarischen Bildungsprotzen Kruso und Ed einfach alles abnehmen, auch die Spukgeschichten, weil das geistige Beziehungsnetz groß genug ist: Von Kater Murr über die griechische Mythologie, die Bibel, Barockdichtungen, Thomas Morus, viel Georg Trakl, Antonin Artaud, bis hin zu Thomas Böhme, Ulrich Plenzdorf, Reinhard Lakomy, Rammstein und dem TV-Traumschiff. (1. Staffel 1981) Nur Johann Gottfried Schnabel fehlt, dabei war der doch der deutschsprachige Ahnherr sehnsüchtiger Robinsonaden!
Tellerwäscher Kruso ist verbal staatstragender als Ed, beschwört die Oktoberrevolution, die neue Gesellschaft und ihren angestrebten neuen Menschen. Er doziert über Wahrheit, Freiheit, Notwendigkeit und Pflicht. Kruso ermahnt seine „Schiffbrüchigen“, von Fluchtvorbereitungen und anderem Fehlverhalten abzulassen: Die Mittel zur Freiheit seien „der ‚Klausner‘, die Insel und das Meer“. Pflicht sei (Goethes) Forderung des Tages, Freiheit sei Einsicht in die Notwendigkeit und nicht die Unterwerfung (!) unter die „Knechtschaft der Valuta“.
Wieder Klappentext: "Eine schwierige, zärtliche Freundschaft beginnt. Von Kruso, dem Meister und Inselpaten, wird Ed eingeweiht in die Rituale der Saisonarbeiter ..."
Die Initiationsrituale werden sehr betont und beinahe alle kokettieren fast hysterisch mit der Republikflucht. So vorbildlich und utopisch ist die "verschworene Gemeinschaft" nun auch nicht: die "Ewige Suppe" ist eklig, die rituellen Waschungen peinlich, die Arbeit primitiv und die Geschlechterbeziehungen finster. Überhaupt sind Eds Frauen entweder tot oder Objekte der "Vergabe". Das Männerbündische wird geradezu zelebriert, was nun gar nichts mit Freiheit und Demokratie zu tun hat. (Noch nicht einmal mit "freedom and democracy".)
Die "Schiffbrüchigen" sind den Zimmerbesitzern zu Willen und müssen trostlosen Schmuck produzieren. Wirtshaus-Schlägereien brechen aus, Grenztruppen und Stasi sammeln Wasserleichen ein. Die aufkommende Rivalität zwischen Kruso und Ed sorgt für eine gelinde Spannung. Kruso hat das größere Sendungsbewusstsein, Ed den umfangreicheren Texte-Kanon und den eloquenteren Auftritt.

Notizkalender 1989

Auch die Deutung der Wende führt so in die Irre: Kruso hat sich bei einer Rangelei mit Ed den Kopf gestoßen, da kommt der Nachfolger des Kreuzers Aurora mit Pomp und 21 Salutschüssen, packt trotzig die ganze Revolution wieder ein, um sie im heiligen roten Gral zu deponieren.
"21 Schuss Salut, das bekommen nach dem Marinereglement nur Könige", erklärte Seiler dem Zeit-Reporter Alexander Cammann, während sie ruhmredig zum mythischen Leuchtturm lustwandelten, Krusowitschs gedachten als eines gescheiterten, aber "im Felde unbesiegten" säkularen Messias.
Dabei war alles viel einfacher: Die Investitionsraten in Warenproduktion und Dienstleistungen waren schlicht zu gering, sowohl im "sozialistischen Lager", wie auch in Krusos "Ritterrunde". Da brauchte nur noch der Herr Kohl in seiner Strickjacke anzureisen, der mittels deutscher Steuermilliarden für eine wirkungsvolle Zersetzung der ohnehin schon mürben Sowjetgesellschaft sorgte.
Ob wir nun von Freiheit und Demokratie sprechen oder von Ordnung und Privilegien, interessierte weder die Sowjet-Nomenklatura, noch interessiert es heute den transatlantischen militärisch-industriellen Komplex.
Sicher lohnt es sich, um den Freiheitsbegriff zu kämpfen, auch wenn der von Bundespräsidenten, FDP-Charakteren und Mietmäulern schon schwer vereinnahmt ist. Nur steht man dabei auf "verlornem Posten im Feindesland", kann einzig auf das letzte Kapitel „Auferstehung“ hoffen. Darin verkauft Ed noch ein paar Tage lang ganz allein Soljanka und übrig gebliebenes Graubrot, dann repariert er das alte Radio, um endlich auch die frohe Botschaft der Grenzöffnung zu vernehmen.

Suhrkamp wäre nicht Suhrkamp, wenn er nicht noch kräftig in dem Buch herum manipuliert hätte. In einem "Epilog" trägt eine extra angeheuerte Hilfskraft Details über Wasserleichen zusammen und lässt den gereiften Ed dänische Archive und Friedhöfe bereisen. So fügt sich das Buch passgenau in die Programmnische zwischen feiertägliche Gauckrede und alltägliches DDR-Bashing ein. Doch auch ohne Ghostwriterin ist Seiler kein Aufklärer, eher der Verpackungskünstler eines seltsamen Totenkults, der niemandem weiterhilft.
Die lustigste Interpretation des Erklärbären-Epilogs im Buch lieferte Seilers alter Hochschullehrer Rüdiger Bernhardt in der UZ vom 10. Okt. 2014:  Ed war sozusagen im Parteiauftrag Krusos unterwegs, um den Toten mitzuteilen, dass sie Mist gebaut haben. Hätten sie lieber den Plan überboten, ihre Pflicht getan, Goethes "Forderung des Tages" erfüllt!
Die Mainstream-Kritik in Gestalt des Zeit-Reporters Alexander Cammann biegt inzwischen den Erzählstrang ins Allgemeinmenschliche zurecht: "Wie viel Verführung verträgt die Nähe, wie viel Gemeinschaft will und braucht ein freier Mensch, lässt sich die Freiheit organisieren – überhaupt: Was soll man eigentlich im Leben suchen?"
"Ruhm, wann kommst du?" flüsterte der Kellner Rimbaud gerne in der Kassenzone des voll besetzten "Klausner".
"Kollege kommt gleich!", trösten heute die Smarties von Suhrkamp die schon seit Jahrzehnten wartenden Gäste.

Kommentare

Lieber Hadie,

vielen Dank & Glückwunsch zu dieser konzentrierten & (angesichts deiner ironisch=dichten Skizze der offensichtlich tod=sicher auf die Preiserheischung gestrickten Ästhetik dieses den Zeitgeist widerkäuenden Narrativs) garantiert treffenden Rezension eines Romans, den ich mir -- wie zuvor auch vermutet -- nun zu kaufen schenken kann.

Es erschreckt, wie sehr inzwischen selbst das Feuilleton & die großen Verlage den ideologischen Vorgaben aus Politik & ThinkTänks in den Prämierungen von literarischen Werken mit den passenden geopolitisch Implikationen folgen --- oder sogar mit der Fackel vorangehen. Im Nachhinein kann man es kaum für Zufall halten, dass 2013 die aus der Ukraine stammende Autorin Katja Petrowskaja mit ihrem Roman "Vielleicht Esther" den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt gewann, der den Tod ihrer Urgroßmutter in Babi Jar thematisierte, während zugleich das sich geschichtswissenschaftlich gebende Narrativ des US-Neocons Timothy Snyder mit einer Inbrunst in allen QUALitätsmedialen Föjjetongs gefeiert wurde, von der Ernst Nolte einst nur hätte träumen können. Zugleich gewann, o Wunder, eine Girlsband mit ukrainischer Sängerin die Vorauswahl zur deutschen Grand-Prix-Auswahl, nachdem ihr dort auch keine ernsthafte Konkurrenz den Sieg hatte streitig machen können.

Die parallel erfolgende Mobilisierung im Sinne des politischen Mainstreams sorgte recht bald dafür, dass literarisch Interessierte es sich rasch abgewöhnten, Kultursendungen im ÖRF anzuschaun: Kulturzeit, TTT & Dennis Schecks "Druckfrisch" erschienen gleichermaßen bellizistisch kontaminiert.

Gäb's die kleinen Verlage nicht, in denen noch Liebhaber arbeiten, (& die letzten verbleibenden ernsthaften Slawisten wie Alexander Nitzberg, der für dtv die Romane Bulgakows neu übersetzt hat), würde [& das ist der Unterschied zum kalten Krieg bis 89] selbst in der deutschsprachigen Literatur jeder Blick auf Russen & Russland aussterben, der ideologisch nicht ins Bild passt. [Aber vielleicht machen ja TTIP & Ceta den kleinen Verlage endgültig den Garaus, wenn Amazon das schon nicht schafft.]

Gleiches gilt für Porträts der verblichenen DDR.

Herzliche Grüße,

Anja

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@hadie

nehme ich immer sehr ernst, nicht zuletzt was diese Ausstellung zu Wieland/Schmidt in Oßmannstedt  betraf, inclusive dem Wandeln im Park dann meiner Frau und mir eine sonst nicht so gängige Unterbrechung auf dem eben gängigen Weg von Berlin nach Rhein/Main bescherte.

Insofern stay tuned,  komme ich nach entsprechender Aufarbeitung ggf. gern zurück auf diese Empfehlung.

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Noch'n Tip: die Arno-Schmidt-Ausstellung, die voriges Jahr in Celle gezeigt wurde, kommt nach Berlin. Vom 22.09.2015 bis zum 10.01.2016 wird sie in der Akademie der Künste am Hanseatenweg zu sehen sein.

Danke für den Hinweis.

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Unter dem Namen de Bruyn ist mir nur Günther ("Buridans Esel" & Schriften zur preußischen Geschichte) ein Begriff.

Wolfgang ist der Sohnemann, ehemals Bester Gärtnerlehrling der DDR. Aber auch der Vater Günther ist sehr zu empfehlen.

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als Katalysator für das Verständnis von Inhalt an einem/meinem Beispiel zu HannaH Arendt.

Wir hatte damals in 2007/8 in unserer Diskussionsgruppe bei der SZ  und dem folgenden Parallelprojekt einen ausgesprochenen Arendt-Fachmann, seines Zeichens Privatdozent an der Uni-Heidelberg. Was er zu Arendts Denken so schrieb, das sprach mich schon an, war möglicherweise dann doch etwas zu theoretisch für meine Art von Reflektion.

Konkreter wurde es später durch Antonio Negri, der Arendts Philosophie einerseits schätzt, andererseits ihre gewisse USA-Voreingenommenheit kritisiert. Ich selbst habe dann "Macht und Gewalt" und natürlich "Eichmann in Jerusalem" gelesen; durchaus mit entsprechendem Verständnis - ein eher theoretisches Werk wie "Vita Activa" jedoch relativ schnell wieder zur Seite gelegt.

Dann, vor etwa einem Jahr und in Zusammenhang mit dem Arendt-Film von Margarethe von Trotta  kam mir die Biographie von Elisabeth Young-Bruehl unter. Ich habe das relativ dicke Taschenbuch von gut 700 Seiten beinahe wie einen Krimi gelesen; sprich: mit wachsender Spannung. Young-Bruehl versteht es, jenseits der reinen Fakten gerade das Denken, die Philosophie von Hannah Arendt immer wieder in den Vordergrund zu rücken, dafür einen wohl notwendigen Hintergrund zu erzeugen.

Und siehe da: vor einigen Wochen "Vita Activa" neu aufgenommen, so lese ich nun mit einem ganz anderen, mit Sicherheit auch tieferen Verständnis...

Unschätzbar...

zu dem Verständnis der Person Hannah Ahrendts ist auch das lange & legendäre Interview mit Günther Gaus von 1964 für den RBB.

Wenn du Ahrendt-Spezi bist, wirst du es vermutlich gut kennen, aber ich verlinke es mal sicherheitshalber:

https://www.youtube.com/watch?v=Ts4IQ2gQ4TQ

Herzliche Grüße,

Anja

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@Alphabetta

bestenfalls soweit das meine eher technische Determinierung zulässt. Und ja, das Interview kenne ich natürlich, lohnt sich durchaus, es im Laufe der Zeit mehrfach zu sehen und neu zu reflektieren.

Ebenso Marcuse, von dem ich seinen "Versuch über die Befreiung" ebenfalls neu gelesen habe. Es kommt heute vieles wieder, wenngleich in einem etwas anderen Gewande. Hier dazu der Link auf ein Interview, eben mit Herbert Marcuse, nicht zuletzt was den Einfluß von Heidegger angeht. Wo letzterer ja immer gern herhalten darf, wenn es gilt Hannah Arendt zu diskreditieren, weil sie sich sehr frühzeitig gegen den Zionismus the Israeli way ausgesprochen hat. Man denke dabei nur an diesen Brief an die NYT aus 1948; zusammen mit Albert Einstein und anderen jüdischen Immigranten verfasst. Da steht vieles d'rin, was nach wie vor aktuell ist im Rahmen der Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern.